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Kunstauktionen im Web: Warhol, Truman Capote und der Papst für 140.000 Dollar

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Kunstexperte Hans Neuendorf "Kunstpreise stoßen nicht an Grenzen"

Hans Neuendorf, Chef des Online-Kunsthauses Artnet, ist seit über 50 Jahren im internationalen Kunstgeschäft tätig. Mit manager magazin Online sprach er über den Wandel des Kunstmarktes durch das Internet, Bilder als Geldanlage und Preisblasen, etwa beim deutschen Maler Nummer eins, Gerhard Richter.

mm: Herr Neuendorf, der Kunstmarkt hat die große Wirtschaftskrise offenbar gut weggesteckt, schon seit Ende 2009, Anfang 2010 geht es wieder aufwärts, es werden hohe Preise erzielt.

Neuendorf: Ja, aber eigentlich nur für die Standardwerte. Das ist eine der signifikanten Entwicklungen zurzeit: Es werden immer mehr Werke von wenigen berühmten Künstlern gekauft, zu Lasten der anderen.

mm: Wie kommt es zu dieser Verengung auf die Blue Chips?

Neuendorf: Das liegt vor allem an den großen Auktionshäusern und den sehr großen Galerien. Die haben sehr hohe Kosten und vermeiden deshalb, Kunstwerke in die Auktionen zu nehmen oder auszustellen, bei denen sie sich nicht sicher sind, dass sie sie verkaufen können. Das bedeutet: Wenige Künstler werden immer teurer. Die Presse, die die immerselben Namen gebetsmühlenartig wiederholt, trägt ihren Teil dazu bei. Andere Künstler sind vom Sekundärmarkt weitgehend ausgeschlossen.

mm: Welche Rolle spielt dabei das viele Geld, das aus den aufstrebenden Ländern in Fernost, aus Russland oder dem arabischen Raum in den Markt strömt?

Neuendorf: Das ist zum Teil verrückt, was sich dort abspielt. Dort sind oft vergleichsweise unbekannte Künstler, die noch gar kein großes Œuvre haben, ungeheuer erfolgreich. Wenn sich zum Beispiel zwanzig Leute in China überlegen, dass ein bestimmter Künstler der beste ist und jeder will von diesem ein Kunstwerk haben, es gibt aber nur ein paar hundert Werke, dann können sie sich vorstellen, was mit den Preisen passiert. In Indien ist es ähnlich. Da werden hunderttausende Dollars für Werke von Leuten bezahlt, von denen man hier noch nie etwas gehört hat.

mm: Was ist der Grund für diese merkwürdigen Exzesse?

Neuendorf: Das weiß ich auch nicht. Das sind spontane Entwicklungen des Zeitgeschmacks, die schwer zu verstehen und gar nicht zu antizipieren sind.

mm: Zurzeit ist viel die Rede von Gerhard Richter, dem anlässlich seines achtzigsten Geburtstags große Ausstellungen unter anderem in Berlin gewidmet werden, und der ebenfalls enorme Preise erzielt.

Neuendorf: Ja, das ist ein sehr typisches Phänomen, was sich bei Richter abspielt.

mm: Wie nachhaltig können solche Preisentwicklungen wie bei Richter sein?

Neuendorf: Das weiß niemand, denn niemand kann in die Zukunft schauen. Klar ist wie gesagt nur: Nicht der Kunstmarkt hat sich erholt, sondern lediglich einige große Namen wie Richter. Und den großen Auktionshäusern ist es gelungen, die Glaubwürdigkeit der Preise aufrechtzuerhalten. Ich kenne jedoch eine Menge Galerien, die nach wie vor sehr, sehr zu leiden haben.

"Ich würde bei Gerhard Richter short gehen"

mm: Ist die Entwicklung ein Indiz dafür, dass der Anteil der Käufer, die eher mit finanziellem Interesse an die Kunst herangehen, zugenommen hat?

Neuendorf: Ja, das ist natürlich so. Aber ich will diesen Käufern nicht unterstellen, dass sie kein Interesse an Kunst haben. Das ist schon noch das ursprüngliche Motiv. Aber die Unsicherheit darüber, was wertbeständig ist, führt dazu, dass angesichts der großen Summen, um die es heute geht, eher die sicheren Werte gekauft werden. Die vermeintlich sicheren, muss man allerdings sagen, denn wir sprechen ja von Moden, die kommen und gehen.

mm: Das heißt, dass beispielsweise ein Gerhard Richter in einigen Jahren auch wieder aus der Mode geraten kann.

Neuendorf: Ich würde sogar sagen, dass es sicher dazu kommen wird. Ich würde bei Richter deshalb short gehen, wie man am Finanzmarkt sagt (lacht). Die Preisentwicklung ist meiner Meinung nach überzogen. Die erwähnten Faktoren haben in diesem Fall ein sehr explosives Gemisch ergeben und die Preise nach oben getrieben. Das ist eine sich selbst verstärkende Entwicklung, die sich aber auch umkehren kann.

mm: Ohnehin bietet der Kunstmarkt alle Voraussetzungen, die für Spekulations- oder Preisblasen erforderlich sind: eine große, offenbar steigende Nachfrage, ein begrenztes Angebot und dazu relativ irrationale Kaufmotive, die sehr wechselhaft sein können. Wie groß schätzen Sie diese Gefahr ein?

Neuendorf: Das Risiko ist selbstverständlich gegeben. Das schöne an Kunstwerken ist ja gerade, dass sie keinen Wert haben. Das ist doch der Grund, aus dem die Preise teilweise ins Unermessliche steigen können. Wenn sie eine Immobilie haben, können sie den Wert ziemlich genau feststellen auf Basis der Mieterträge. Bei Kunstwerten gibt es weder eine Verzinsung noch einen Substanzwert. Deshalb stoßen die Preise nicht an natürliche Grenzen.

mm: Vergleichbar vielleicht mit Gold.

Neuendorf: Bei Gold ist es ähnlich, ja. Es gibt dort allerdings eine gewisse praktische Anwendung, zum Beispiel in der Schmuckindustrie. Kunst ist doch abstrakter.

mm: Insgesamt sind Sie offenbar sehr skeptisch in Bezug auf die Möglichkeit, Kunst zur Geldanlage einzusetzen.

Neuendorf: Ja, das kann man niemandem empfehlen.

mm: Es gibt aber Leute, die Kunst für eine eigene Assetklasse halten. Und es gibt Fonds, die auf diesen Bereich spezialisiert sind.

Neuendorf: Es hat immer Menschen gegeben, die einen Teil ihres Vermögens in Kunstwerken angelegt haben, weil sie wussten, dass diese Werte auch in Krisenzeiten überdauern. Zudem sind sie beweglich und haben noch weitere Vorteile gegenüber anderen Vermögenswerten. Insofern ist Kunst durchaus eine Kapitalanlage, und wer sich darauf versteht, kann auch günstig kaufen und Wertsteigerungen abwarten. Ich selber habe das gemacht. Ich bin allerdings Profi gewesen, andere sind das nicht.

mm: Und jenen würden Sie es nicht empfehlen?

Neuendorf: Richtig. Diejenigen dagegen, die etwas davon verstehen, tun es schon ganz automatisch. Das Preisniveau ist ja insgesamt inzwischen sehr stark gestiegen, verglichen zum Beispiel mit jenen Jahren, als ich anfing. Ein Kunstkauf hat daher immer auch den Charakter einer Investition. Ein Sammler, der ein Kunstwerk erwirbt, muss sich also beim Kauf fragen, ob er später beim Verkauf wieder einen entsprechenden Preis erzielen kann. Für diese Leute haben wir bei Artnet übrigens die Kunstindizes entwickelt, mit denen man die Preise einzelner Künstler genau verfolgen kann. Ohnehin hat unser Preisdatenspeicher Transparenz und Liquidität im Markt geschaffen und so entscheidend zum Preisauftrieb der vergangenen Jahre beigetragen. Ohne den Datenspeicher wären die gigantischen Preise heute überhaupt nicht möglich.

"Die Preisbildung an der Börse unterscheidet sich nicht von der in der Kunst"

mm: Auf welche Weise hat Ihre Datenbank die Preishausse angetrieben?

Neuendorf: Weil sie es Kunstkäufern ermöglicht, Preise zu vergleichen und Entwicklungen zu verstehen. Früher stand man da völlig im Dunkeln. Da war die künstlerische Einschätzung der einzige Maßstab, und diejenigen, die sich getraut haben, Kunstwerke zu kaufen, hatten in der Regel die entsprechende Vorbildung und Erfahrung.

mm: Aber wie kann heute beim Kauf eines Werkes der Index der bisherigen Preise eines Künstlers weiterhelfen?

Neuendorf: Der Index ersetzt jedenfalls nicht die Entscheidung, ob sie das Kunstwerk gut, wertvoll und potenziell werthaltig finden. Er gibt jedoch eine gewisse Absicherung, was die Preisentwicklung in der Vergangenheit betrifft: Ist sie extrem gestiegen? Oder hat sie sich eher ruhig verhalten? Sie können daraus genau wie in anderen Märkten, bei Aktien oder Rohstoffen, Rückschlüsse ziehen auf die zukünftige Entwicklung.

mm: Grundsätzlich gilt allerdings am Finanzmarkt, dass es nur sehr bedingt möglich ist, aus historischen Daten künftige Entwicklungen herzuleiten.

Neuendorf: Alle, die Aktien kaufen, benutzen selbstverständlich Indizes. Tausende gucken morgens als erstes auf den Dow Jones  oder den Dax . Das ist ein Fieberthermometer, an dem man die Stimmung ablesen kann. Eine sichere Vorhersage gibt es natürlich nicht.

mm: Bei Aktien zum Beispiel spielen aber auch handfeste Nachrichten sowie fundamentale Daten eine Rolle bei der Preisbildung. Bei der Kunst gibt es dagegen kaum rationale Zusammenhänge, die in die Zukunft fortgeschrieben werden können.

Neuendorf: Es mag ja irrational scheinen, aber es ist trotzdem real.

mm: Aber ist es wegen der Irrationalität nicht auch weniger vorhersehbar?

Neuendorf: Sicherheit gibt es natürlich nicht. Meine Erfahrung ist aber, dass sich die Preisbildung an der Börse überhaupt nicht unterscheidet von jener in der Kunst. Auch an der Börse gibt es Moden, schauen sie sich den Kurs von Apple  an. Heute gibt es dort Lieblinge, die morgen in Ungnade fallen können. Meine Erfahrung ist: Die Fundamentaldaten haben oft mit dem Börsenkurs einer Aktie sehr wenig zu tun.

mm: Lassen sich auch Anlagegrundsätze auf den Kunstmarkt übertragen, beispielsweise das antizyklische Investieren?

Neuendorf: Ja, das ist eine Haltung, die ein bestimmter Prozentsatz der Käufer einnimmt. Ich gehöre auch zu denen, die antizyklisch kaufen. Es gibt gegenwärtig sehr viele interessante Künstler zu sehr vernünftigen Preisen zu kaufen. Das heißt nicht, dass die Preise irgendwann mal steigen werden. Stark fallen werden sie aber auch nicht.

mm: Wie hat das Internet den Kunstmarkt noch verändert? Über Artnet finden auch Auktionen statt - eine Gefahr für das traditionelle Auktionsgeschehen bei Sotheby's oder Christie's?

Neuendorf: Das Internet erleichtert und verbilligt die Kommunikation unter Marktteilnehmern, so dass die Preise schneller steigen und fallen. Es ist heute nicht mehr nötig, Kataloge und Fotos zu drucken und per Post zu verschicken. Unsere Auktionen sind ein großer Erfolg, zumal wir gezeigt haben, dass wir entgegen vieler Erwartungen auch teure Werke versteigern können. Und es ist selbstverständlich eine Konkurrenz für die großen Häuser, weil der Verkauf bei uns sehr viel schneller und kostengünstiger abläuft. Wir erreichen zudem Käufer, die bisher überhaupt nicht mit dem Kunstmarkt in Berührung waren. Beispielsweise aus Städten ohne nennenswerten Kunsthandel, oder aus Ländern, die bisher im Kunstgeschehen kaum eine Rolle spielten.

mm: Das Internet vergrößert also den Kunstmarkt?

Neuendorf: Absolut, das kann man sagen.

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