Geldanlage Investieren in Stromberg, Katjes und St. Pauli

Die Finanzmarktturbulenzen haben auch die Kurse vieler Anleihen mittelständischer Unternehmen unter Druck gesetzt. In der Folge locken dort nun teilweise reizvolle Renditen. Doch Vorsicht: Die Risiken dieses Anlagesegments sind nicht zu unterschätzen.
Treue Fans: Die Anhänger des FC St. Pauli zeichneten die Anleihe des Clubs über sechs Millionen Euro binnen kurzer Zeit

Treue Fans: Die Anhänger des FC St. Pauli zeichneten die Anleihe des Clubs über sechs Millionen Euro binnen kurzer Zeit

Foto: DPA

Hamburg - Der Finanzierungsmarkt mittelständischer Unternehmen ist immer wieder gut für Schlagzeilen. Ein Beispiel ist die Finanzierung des geplanten Kinofilms zur Fernsehserie "Stromberg", für die die Kölner Produktionsfirma Brainpool die Fans des skurrilen TV-Versicherungsmannes mit ins Boot holte. Mit insgesamt einer Million Euro konnten sich die Zuschauer an der Produktion beteiligen - um hinterher an der Kinokasse mitzukassieren. Schon nach einer Woche hatten kurz vor Weihnachten mehr als 3000 Investoren die siebenstellige Summe eingezahlt.

Auf große Nachfrage stieß auch die mit 6 Prozent verzinste Anleihe, die der Fußball-Zweitligist FC St. Pauli gerade am Markt unterbrachte. Sechs Millionen Euro von mehr als 4000 Fans des Kultclubs kamen binnen kurzer Zeit für den Umbau des Stadions und der Trainingsanlage zusammen. Weitere Zeichnungswillige müssen die Verantwortlichen derzeit vertrösten - eine Erhöhungsoption über zwei Millionen Euro soll aber in Kürze genutzt werden, teilt der Verein mit.

Solche prominenten Beispiele können allerdings leicht in die Irre führen: Tatsächlich macht der Markt für Mittelstandsanleihen derzeit eine schwierige Phase durch. Seit seiner Institutionalisierung 2010 an der Börse Stuttgart ("Bondm") und inzwischen an mehreren weiteren Börsenplätzen ist das Geschäft bereits auf ein Volumen von mehr als zwei Milliarden Euro angewachsen. Derzeit gibt es jedoch kaum noch Neuemissionen und Investoren halten sich zurück.

Zurzeit kaum noch Neuemissionen

Wurden etwa in Bondm im ersten Halbjahr noch neun Anleihen emittiert, waren es im zweiten Halbjahr nur noch drei. Auch in Folge der allgemeinen Finanzmarktturbulenzen sind zudem die Kurse vieler laufender Papiere in den vergangenen Monaten deutlich zurückgegangen.

"Nachdem das erste Halbjahr - hinsichtlich der Wirtschafts- und Finanzlage der europäischen Staaten - aus Sicht der Investoren noch weitestgehend stabil erschien, war die Emissionstätigkeit und auch die Investorennachfrage in den ersten sechs Monaten 2011 rege", sagt Christoph Hermes, Sprecher der Stuttgarter Börse. "Angesichts des unsicheren Marktumfeldes hielten sich Investoren insgesamt dann stark zurück, weshalb es für die Emittenten derzeitig schwierig ist, Anleihen erfolgreich zu platzieren."

Mehrere mittelständische Unternehmen haben daher laut Hermes entschieden, ihre Emissionspläne zu verschieben. "Auch wenn Air Berlin Ende Oktober eine Anleihe über 100 Millionen erfolgreich über Bondm platziert hat, so verliefen die jüngsten Emissionen über alle Börsensegmente hinweg eher schleppend", sagt er.

Drei Tipps für die Auswahl des richtigen Papiers

Ähnlich ist es an der Börse Düsseldorf, dem deutschlandweit drittgrößten Markt für Mittelstandsanleihen. "Wir hatten im zweiten Halbjahr nur noch vier Emissionen mit einem Gesamtvolumen von 85 Millionen Euro", sagt Börsensprecher Alexander Gallert. "Und lediglich der Bastei Lübbe Verlag konnte das angestrebte Volumen von 30 Millionen Euro vollständig platzieren. Die anderen waren unterzeichnet und werden nach wie vor offeriert."

Ablesen lässt sich die Marktschwäche auch am Bondm-Index der Stuttgarter Börse. Der Kursindikator startete im Januar bei einem Wert von 100 und stieg bis zum Sommer auf mehr als 104 Punkte. Dann kam jedoch der Einbruch. Vor wenigen Tagen markierte der Index seinen vorläufigen Tiefpunkt bei 89 Punkten.

Niedrige Kurse bedeuten bekanntlich hohe Renditen am Anleihemarkt. Schon die Kupons der Papiere wirken reizvoll. 6, 7 oder 8 Prozent Zins und mehr sind die Regel. Bastei Lübbe etwa, mit prominenten Autoren wie Ken Follett oder Dan Brown im Programm, besorgte sich die 30 Millionen Euro zum Zins von 6,75 Prozent. Der Getränkehersteller Valensina platzierte schon im April eine Anleihe über 50 Millionen Euro mit einer Verzinsung von 7,375 Prozent.

Angesichts der niedrigen Kurse sind zurzeit sogar noch höhere Renditen drin. Beim Valensina-Papier beispielsweise waren es zuletzt mehr als 7,5 Prozent. Das wirkt verführerisch, zumal die Alternativen bei anderen Gattungen der Geldanlage nicht gerade verlockend sind.

Doch Vorsicht: Experten warnen vor beträchtlichen Risiken bei Mittelstandsanleihen - die hohe Verzinsung kommt schließlich nicht von ungefähr. Ein großer Teil der Papiere verfügt vielmehr bei den führenden Agenturen wie Standard & Poor's, Moody's oder Fitch nicht einmal über ein Investmentgrade-Rating. Die Mindestbonität, die viele professionelle Investoren erwarten, ist also nicht gegeben. Entsprechend hoch ist die Ausfallwahrscheinlichkeit.

Bonitätsrisiko steht an oberster Stelle

"Das Bonitätsrisiko ist generell die größte Unwägbarkeit bei diesen Papieren", sagt Allan Valentiner, Geschäftsführer beim Anleihespezialisten Johannes Führ Asset Management. "Und die Gefahr, dass sich die Bonität gerade in der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Lage während der Laufzeit noch verschlechtert, ist groß."

Bei der Auswahl von Papieren sollten Anleger nach Angaben von Valentiner vor allem auf drei Dinge achten: Verfügt die Firma über ausreichend laufenden Cash-Flow? Ist sie angemessen mit Eigenkapital beziehungsweise Fremdkapital ausgestattet? Ist sie in einem einigermaßen krisenfesten Genre tätig?

"Bei Anleihen von Air Berlin beispielsweise halten wir uns zurück", sagte der Fachmann. "Denn wir glauben, dass der gesamte Tourismussektor sowie die Luftfahrt vor schwierigen Zeiten stehen." Als positives Beispiel nennt er dagegen die Edelmetallfirma Heraeus. "Heraeus ist global aufgestellt und gut kapitalisiert", sagt Valentiner. "Das Unternehmen ist nicht so sehr abhängig vom Standort Deutschland."

Ein weiteres Problem ist nach Ansicht des Investmentprofis die zum Teil mangelnde Liquidität des Marktes, die mit den vergleichsweise geringen Emissionsvolumina zusammenhängt. "Wir investieren ausschließlich in Papiere mit einem Volumen von mindestens 50 Millionen Euro", so der Fachmann. "Ein Wertpapier, das im Ernstfall nicht liquide ist, ist eigentlich kein richtiges Wertpapier."

Wie Banken die Kurse manipulieren

Und noch ein Problem hat der Experte ausgemacht: Der Rentenmarkt ist zum großen Teil ein Interbankenmarkt. Das heißt, die Institute stellen vielfach die Kaufkurse für marktenge Papiere. Da sie jedoch jeden Kauf mit Eigenkapital hinterlegen müssen, tendieren die Banken dazu, eher niedrige als hohe Kaufgebote zu setzen.

Hinzu kommt: Nicht alle Mittelstandsanleihen bieten das, was der Anleger auf Anhieb erwarten könnte. Das aktuelle Papier des Süßwarenunternehmens Katjes beispielsweise wurde von der Gesellschaft Katjes International herausgegeben, nicht von Katjes Deutschland. Das Investment fließt also nicht ins Geschäft mit Weingummi und Lakritzen hierzulande, sondern in die Beteiligungen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

Auch andere Beobachter äußern sich kritisch. "Prinzipiell raten wir Kleinanlegern von Investitionen in einzelne Unternehmensanleihen ab", sagt beispielsweise Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Nur wer über ein breit gestreutes Portfolio verfüge, solle über den Kauf solcher Schuldverschreibungen nachdenken. Viele Firmenanleihen seien riskant und intransparent, so der Finanzexperte.

Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) warnt davor, sich ausschließlich auf Ratings zu verlassen. Insgesamt sei eine realistische Risikoeinschätzung "extrem schwer für Laien", so Kurz. Klar sei nur eins: "Der Zins ist ein Risikopreis." Viele Firmenanleihen mit hohem Zins seien also vergleichsweise riskant.

Für Anleger kann das Fazit daher nur lauten: Keinesfalls ausschließlich auf den reizvollen Zins achten, sondern sich die Offerte präzise anschauen - häufig kommen dabei Dinge zum Vorschein, die ein Investment eher unvorteilhaft erscheinen lassen.

mit apd
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