Rating-Schreck verflogen Anleger leihen Deutschland Geld zu Mini-Zinsen

Der angedrohte Verlust des Top-Ratings scheint die Investoren nicht zu stören -  Bundesanleihen sind weiter gefragt. Und die Investoren begnügen sich mit Mini-Zinsen. Der Bund hätte sogar doppelt so viel Papiere verkaufen können.
Finanzagentur: Insgesamt will der Bund in diesem Jahr am Kapitalmarkt 283 Milliarden Euro einsammeln

Finanzagentur: Insgesamt will der Bund in diesem Jahr am Kapitalmarkt 283 Milliarden Euro einsammeln

Foto: DPA

Berlin - Trotz des drohenden Verlustes der Top-Bonitätsnote "AAA" hat sich der Bund problemlos Geld zu günstigen Konditionen leihen können. Bei der Aufstockung einer fünfjährigen Anleihe wurden bei Investoren 4,1 Milliarden Euro eingesammelt, teilte die für das Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur am Mittwoch mit. Sie hätte bei der Auktion auch mehr als doppelt so viel einnehmen können - so hoch waren die Geboten der Anleger.

Die vorige Auktion war nur 1,5-fach überzeichnet. Der Durchschnittszins stieg zwar von 1,0 auf 1,11 Prozent, ist aber immer noch sehr niedrig: Der Marktzins für vergleichbare französische Papiere liegt doppelt so hoch.

"Die Stellung des Emittenten Bund ist auch durch die aktuellen Debatten nicht beschädigt", sagte der Finanzagentur-Chef Carl Heinz Daube der Nachrichtenagentur Reuters mit Blick auf die Ratingagentur Standard & Poor's. Sie droht wegen der Schuldenkrise mit dem Entzug des begehrten "AAA", was steigende Zinsen nach sich ziehen könnte.

Investoren würden weiter Qualität suchen, sagte Daube. Wie begehrt Bundespapiere bei Anlegern trotz des nervösen Marktumfelds seien, zeige die starke Nachfrage in diesem Jahr: Bislang seien 278 Milliarden Euro eingenommen worden, die Nachfrage sei insgesamt fast doppelt so hoch gewesen.

Märkte reagieren erleichtert

Die Märkte reagierten erleichtert auf die gelungene Auktion. Sie wurde nicht nur wegen des Rating-Schocks mit Spannung erwartet, sondern auch wegen der verpatzten Auktion einer zehnjährigen Bundesanleihe vor wenigen Tagen. Dabei war der Bund auf mehr als einem Drittel des angebotenen Volumens von sechs Milliarden Euro sitzengeblieben. "Die Nachfrage war diesmal sehr stark", sagte Analyst Nick Stamenkovic von RIA Capital Markets.

"Es ist erfreulich, dass vor dem Hintergrund der S&P-Warnung kein generelles Misstrauen gegenüber Bundesanleihen zu beobachten ist", sagte Helaba-Experte Ralf Umlauf.

Insgesamt will der Bund in diesem Jahr am Kapitalmarkt rund 283 Milliarden Euro einsammeln. Das Geld wird benötigt, um alte Schulden zu tilgen, Zinsen zu zahlen und das Haushaltsdefizit zu decken. 2012 dürfte der Kreditbedarf ähnlich hoch liegen. Allein 216 Milliarden Euro an alten Schulden muss der Bund im nächsten Jahr an seine Gläubiger zurückzahlen. Hinzu kommen 35 Milliarden Euro an Zinsen - das ist nach Arbeit und Soziales der zweitgrößte Posten im Bundeshaushalt. Da die laufenden Einnahmen die Ausgaben nicht decken, macht Finanzminister Wolfgang Schäuble zudem voraussichtlich neue Schulden im Volumen von 26 Milliarden Euro.

Neuverschuldung könnte mit Vorziehen des ESM höher liegen

Die Neuverschuldung könnte aber auch höher ausfallen, wenn der permanente Euro-Rettungsschirm ESM von Mitte 2013 auf 2012 vorgezogen wird, erfuhr Reuters aus Regierungskreisen. Dort muss Deutschland eine Bar-Einzahlung von 22 Milliarden Euro leisten, die eigentlich erst ab 2013 in fünf Jahresraten von 4,3 Milliarden Euro fällig werden sollten. In diesem Jahr dürfte die Nettokreditaufnahme dagegen unter 20 Milliarden Euro liegen und damit niedriger als bislang mit 22 Milliarden Euro geplant.

Investoren hatten zuletzt den Appetit auf die lange Zeit heiß begehrten deutschen Staatsanleihen verloren. Als Gründe dafür gelten das wegen der Schuldenkrise in Europa nervöse Marktumfeld und extrem niedrige Renditen sowie der Umstand, dass viele Investoren ihre Bücher zum Jahresende geschlossen haben und keine Anleihen mehr kaufen.

rei/reuters
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