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Cat-Bonds: Was lässt sich absichern?

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Katastrophenanleihen Das Spiel mit dem Sturm

Katastrophenanleihen sind Wetten darauf, dass eine bestimmte Naturkatastrophe nicht eintritt. Die Investoren lassen sich diese Unsicherheit, die Furcht vor dem großen Knall, mit höheren Zinsen bezahlen. Eine  Anlagechance - oder nur eine weitere Verbriefungschimäre?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Sie heißen "Foundation R III Series 2011-1". Oder auch "East Lane Re IV Series 2011-I Class A". Und sie bergen jene Risiken, mit denen Rückversicherer wie die Swiss Re nichts zu tun haben möchten. Winterstürme, Fluten, Erdbeben; sie alle werden in Cat-Bonds verpackt und auf dem Kapitalmarkt verkauft. Immer öfter.

Zwischen den Jahren 1998 und 2007 wuchs der Markt deutlich an auf 7,3 Milliarden Dollar, schreibt Ernst & Young in einer Studie. Zwar brach die Neuemission in den zwei Folgejahren ein, doch 2010 kehrte das Vertrauen zurück und steigt seitdem ständig. Allein die Swiss Re  Re, einer der größten Rückversicherer der Welt, hat im ersten Halbjahr 2011 Katastrophenbonds im Wert von über 1,7 Milliarden Dollar ausgegeben. Und es sollen mehr werden. Denn viele Emittenten hätten ihre Pläne nur aufgeschoben, nicht aber aufgehoben, schreibt das Unternehmen in einer Marktstudie. Auch Konkurrent Munich Re  bestätigt diese Einschätzung: "Munich Re sieht den Catbond-Markt weiterhin als Wachstumsmarkt an, der zusätzliche Deckungskapazität in Ergänzung zum klassischen (Rück-)Versicherungsmarkt gibt", sagt Rupert Flatscher, Leiter der Risk-Trading-Einheit des Unternehmens.

Kein Wunder - denn unter anderem die Regulatoren sorgen dafür, dass dieser Schritt für Unternehmen wie Swiss Re oder Munich Re immer interessanter wird. Die Regelung Solvency II beispielsweise drängt die Versicherungsbranche dazu, Risiken in ihren Bilanzen mit Eigenkapital zu hinterlegen - es sei denn, sie sichern diese Risiken anders ab, zum Beispiel mit entsprechenden Anleihen. Dazu kommt der steigende Wettbewerb zwischen den Versicherungen. Die Auflage von Cat-Anleihen liegt daher nahe. Zumal die Investoren offensichtlich auch wieder bereit sind, zuzugreifen. Selbstverständlich ist das nicht.

Denn zum einen sind diese Risiken für Anleger schwer zu durchschauen. Selbst professionelle Investoren wie Houghton greifen auf die Hilfe externer Sachverständiger zurück, die die Wahrscheinlichkeiten eines Erdbebens in der Region Ankara oder eines Wirbelsturms im südlichen Texas quantifizieren. Zumal die sich ständig ändern, beispielsweise durch die globale Erwärmung. "Global warming, ein Riesenthema. Das muss jedes Jahr neu in die Berechnung der Datenbanken einfließen", sagt Brett Houghton von Fermat Capital Management gegenüber manager magazin. Er muss es wissen, verwaltet er doch einen Fonds, der sich ganz auf diese Anlageform spezialisiert hat.

Zum anderen wecken Cat-Bonds aufgrund ihrer Konstruktion ungute Erinnerungen. Denn sie sind nichts anderes als verbriefte Forderungen gegen die Emittenten, die zum Teil oder auch gänzlich hinfällig werden, wenn das in ihnen beschriebene Risiko eintritt, Sturmschäden oder Zerstörungen durch Erdbeben. Eine Verbriefung, der technische Name, insurance linked securities (ILS) - beides rückt die Papiere in die Nähe der Asset backed Securities (ABS), jener Papiere, die 2007 den Ausbruch der Immobilienkrise mit ermöglichten. Davon indes wähnen sich die Experten weit entfernt.

Öffnung auf breiter Front?

Und so steigt das Interesse an den Papieren, bestätigt Houghton. "Wenn wir das Konzept noch vor einem Jahrzehnt potenziellen Investoren erklärten, winkten die meisten ab und hielten das ganze für zu esoterisch. Heute ist das anders, sie sind sehr interessiert". Die nüchternen Zahlen sind einfach zu verlockend. In aller Regel besteht so eine Anleihe aus zwei Komponenten, den Basiszinsen in Höhe des Bankensatzes Libor sowie dem Spread, der auf der Ausfallwahrscheinlichkeit des Bonds beruht. Diese Wahrscheinlichkeit errechnen Experten, auf deren komplexes Zahlenwerk sich so gut wie alle Investoren stützen. Ergeben die Datenbanken zum Beispiel, dass die Gefahren, die mit einem Wintersturm in Deutschland einhergehen, besonders hoch sind, muss der Emittent auch mehr Zinsen zahlen. Weniger kann der Anleger für solche Anleihen einstecken, bei der die abgedeckten Risiken als gering eingestuft werden. Im Schnitt, sagt Houghton, sollte der Ertrag bei "Libor plus 8 Prozent liegen."

Im aktuell niedrigen Zinsumfeld ist das für Investoren eine Verlockung. Zumal die die Cat-Bonds das schaffen, was unter Finanzexperten gemeinhin als Stein der Weisen gilt - sie liefern bislang Erträge, die zu den anderen Assetklassen wie Aktien oder Anleihen unkorreliert, also unabhängig, sind. Und das treibt die Nachfrage weiter. "Wesentlich ist, dass zunehmend große institutionelle Investoren wie etwa Pensionsfonds Catbonds mit den darunter liegenden Versicherungsrisiken als interessantes Investment zur Beimischung in ihrem Portefeuille ansehen", nickt Flatscher. Auch Privatanleger lockt das Geschäft mit dem Risiko. Zwar gibt es bislang nur wenige Fonds. Und einige wie GAM CM Cat Bond von Houghton sind als Hedgefonds konzipiert. Doch früher oder später werden sie für die breite Öffentlichkeit geöffnet werden.

Investoren wie Houghton interessieren allerdings nicht alle Risiken. "Für uns sind nur ganz bestimmte Risiken gut, vor allem die Naturkatastrophen. Von Terrorismusrisiken lassen wir beispielsweise die Finger." Sie bleiben in den Büchern der Versicherungen. Flatscher erklärt: "Munich Re begibt Cat-Bonds für das eigene Buch dann, wenn dies aus Risikomanagementgesichtspunkten und finanziell sinnvoll ist. Traditionell ist Munich Re ein Risikoträger, das heißt, den allergrößten Teil der übernommenen Versicherungsrisiken behalten wir auf unserer Bilanz und transferieren ihn nicht an den Kapitalmarkt." Aber Häuser wie die Munich Re können noch anders von der Entwicklung profitieren - als Berater für Unternehmen, die diese Anleihen selbst auflegen wollen. "Zunehmendes Gewicht hatten in den vergangenen Jahren die Cat-Bond-Transaktionen, die wir für Kunden organisierten. Cat-Bonds ergänzen bei uns die 'Werkzeugbox' der Instrumente, die wir Kunden für den Transfer von Risiken anbieten können", sagt Flatscher. So hat beispielsweise das US-Energieunternehmen Dominion Resources seine Ölplattformen mit diesen Anleihen mit 50 Millionen Dollar gegen Hurrikanschäden abgesichert.

Im Cat-Anleihen-Markt werden die Karten also stetig neu gemischt und unter den Spielern verteilt; den Unternehmen, den Rückversicherern und den Investoren. Und jeder hofft, dass der Schadensfall, der große Knall, nicht eintritt. Schwarzer Peter für Fortgeschrittene? Mag sein, aber derzeit gleichzeitig ein Blatt mit einigen Trümpfen gegenüber anderen Anlagen.

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