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Weizen, Mais, Hafer: Dramatische Preissprünge bei Agrargütern

Foto: Raminder Pal Singh/ dpa

Weltproblem Hunger Investor Nimmersatt

Wer ist schuld am Hunger in der Welt? Kritiker sehen eine Ursache für hohe Lebensmittelpreise in zunehmenden Rohstoffspekulationen und schieben den Schwarzen Peter Banken und Großinvestoren zu. Doch die Verantwortung liegt auch anderswo - selbst bei vielen Privatanlegern.

Hamburg - Tragen die Finanzindustrie sowie Anleger rund um den Globus eine Mitschuld am zunehmenden Hunger auf der Welt? Sind sie dafür verantwortlich, dass die Nahrungmittelpreise in den vergangenen Jahren immer neue Höhen erklommen haben? Diese Fragen werden heiß diskutiert. Und auf den ersten Blick erscheint die Sache klar: Seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts sind Rohstoffe als eigene Assetklasse in den Fokus von Investoren gerückt. Einem Bericht von Barclays Capital zufolge haben Anleger inzwischen rund 400 Milliarden Dollar über Investmentvehikel in den Rohstoffmarkt gelenkt.

Zufall oder nicht: Recht genau mit dem Beginn dieses Anlagehypes begannen auch die Preise vieler Rohstoffe zum Teil erheblich zu steigen. So überschritt beispielsweise der Rohstoffindex S&P GSCI, der 24 verschiedene Futures aus dem Bereich zusammenfasst, in diesem Jahr bereits die Marke von 700 Punkten. Das Jahr 2000 hatte der Index noch beim Stand von 247 Punkten beendet.

Betroffen von der Entwicklung sind auch Agrarrohstoffe, die Milliarden Menschen weltweit als Nahrungsgrundlage dienen, wie beispielsweise Weizen, Reis, Mais und Sojabohnen. Allein zwischen Juni 2010 und Mai 2011 verdoppelten sich die Preise für Mais und Weizen beinahe.

Es erfordert nicht viel ökonomischen Sachverstand, um einen Zusammenhang herzustellen: Fließt mehr Geld in den Rohstoffmarkt, so steigert das die Nachfrage und die Preise ziehen an. In der Folge haben immer mehr Menschen Mühe, die Kosten für den täglichen Nahrungsmittelbedarf aufzubringen. Fast eine Milliarde Menschen weltweit leidet unter Hunger, berichtete jüngst die Welthungerhilfe in ihrem Welthunger-Index.

Diese Kausalkette steht im Zentrum der Kritik, die sich gegen die Finanzbranche richtet. Banken und Fondsanbieter allerdings weisen das gebetsmühlenartig als nicht belegte Theorie von sich.

Erdrückende Indizien

Die Indizien sind jedoch erdrückend. Im Welthunger-Index beispielsweise wurden die Ursachen der Preisentwicklung der vergangenen Jahre untersucht. Das Fazit: Neben der Verwendung von Agrarprodukten zur Herstellung von Treibstoffen sowie den Auswirkungen von extremen Wetterverhältnissen infolge des Klimawandels sei es vor allem die zunehmende Spekulation an den Agrarmärkten, die die Preise in immer neue Rekordhöhen treibe. Die Aktivitäten auf den Nahrungsmittelmärkten müssen transparenter werden, fordert daher Bärbel Dieckmann, die Präsidentin der Welthungerhilfe. Zudem müssen nach ihrer Ansicht neue Grenzen für exzessive Spekulation gezogen werden.

In die gleiche Kerbe schlägt auch die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, die in dieser Woche eine 90seitige Studie zu dem Thema vorstellte. "Die Spekulation auf den Terminmärkten hat die Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben", sagt Foodwatch-Chef Thilo Bode zu manager magazin Online. "Diese Futures-Preise gelten als Referenz für die Preise am Spotmarkt, wo die realen Güter gehandelt werden. Deshalb ist der Zusammenhang zwischen Investitionen in Rohstoffderivate und den steigenden Lebensmittelpreisen evident."

Vor allem Großbanken wie die Deutsche Bank  und Goldman Sachs  hat Foodwatch im Visier, denn sie verdienen nach Ansicht der Verbraucherschützer über ihre Gebührenmodelle in jedem Fall von den angeprangerten Spekulationsgeschäften, gleichgültig, ob diese aufgehen oder nicht.

Ex-Greenpeace-Chef Bode wendet sich daher nicht zufällig direkt an Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank  und als Vorsitzender des Institute of International Finance (IIF) nach Ansicht von Foodwatch weltweit oberster Bankenlobbyist. "Herr Ackermann sollte sich verantwortungbewusst zeigen", sagt Bode. "Als Chef der Deutschen Bank sollte er aus dem Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen aussteigen und als IIF-Vorsitzender sollte er sich für eine effektive Regulierung der Rohstoffmärkte einsetzen."

"Hysterie über Spekulation völlig überzogen"

Aber auch viele Anleger verhalten sich nach Ansicht Bodes bedenklich. Die Indexfonds, über die sie Milliardensummen in den Rohstoffmarkt lenken, tragen erheblich zum Übel bei, so der Kritiker.

Zur Lösung des Problems schlägt Foodwatch weitreichende Eingriffe vor: Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen und Stiftungen sollten generell vom Rohstoffgeschäft ausgeschlossen werden. Ebenso würde Bode gerne die Publikumsfonds und Zertifikate aus der Welt schaffen, über die auch Privatleute in den Markt investieren. "Indexfonds auf Rohstoffe gehören verboten", sagt er zu manager magazin Online. Schließlich würde nach seiner Ansicht eine Einschränkung der Handelspositionen einzelner Marktteilnehmer am Terminmarkt viel bringen.

Immerhin: Der letzte Punkt scheint auch in den USA Befürworter zu finden. Dort hat die für den Derivatehandel zuständige Aufsichtsbehörde CFTC gerade einen Regulierungsentwurf verabschiedet, der genau dies zum Ziel hat: Die Zahl der von einem Händler gehaltenen Kontrakte soll beschränkt werden.

Auf Seiten der Finanzindustrie dürfte das wenig Begeisterung auslösen. Dort wird der Zusammenhang zwischen zunehmenden Investments im Rohstoffsektor und steigenden Preisen beharrlich abgestritten. Im Gegenteil: Nur weil mehr Anleger in einen Markt einstiegen, bedeute dies noch nicht, dass dort auch die Preise stiegen, ist zu hören. Zudem bestehe keine Verbindung zwischen dem Terminmarkt, in den die Investments fließen, und dem Spotmarkt, auf dem die realen Güter gehandelt werden. Die Preisentwicklung erfolge vielmehr auf beiden Märkten unabhängig voneinander.

Banken verweisen auf fundamentale Markteinflüsse

Viele Banker gehen sogar in die Offensive: Ihre Spekulationsgeschäfte seien nicht nur unschädlich, sie sind sogar erforderlich. Denn ohne sie hätten die Agrarunternehmen nicht die Möglichkeit, dringend erforderliche Absicherungsgeschäfte abzuschließen.

Die Deutsche Bank  beispielsweise vertritt diese These: "Finanzprodukte erfüllen in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion", heißt es in einem Statement des Instituts zur Foodwatch-Studie. "Sie sind wichtige Instrumente zur Risikosteuerung für Produzenten und Abnehmer sowie zentral für die Preisfindung auf den Agrarmärkten."

Preissteigerungen und Schwankungen bei Agrarrohstoffen, so die Deutsche Bank weiter, werden vorrangig durch makroökonomische Fundamentaldaten bestimmt. Als Beispiele nennt die Bank extreme Wetterereignisse, die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern, das veränderte Ernährungsverhalten, den wachsende Bedarf an Biodiesel sowie Wechselkursschwankungen.

Ähnlich klingt auch die Einschätzung von Eugen Weinberg, Rohstoffexperte von der Commerzbank . "Aus meiner Sicht ist die Hysterie über Spekulation bei Agrargütern völlig überzogen", sagt er zu manager magazin Online.

Haben die Banken Beweise?

Als Beleg führt er zwei Beispiele an: So sind die Preise für Weizen nach einer nahezu Verdopplung in den vergangenen Jahren Weinbergs Angaben zufolge derzeit etwa so hoch wie im Jahr 1974. "Inflationsbereinigt waren die Preise für Agrargüter noch nie so billig wie jetzt", sagt der Fachmann.

Und zweitens: Die Preise für Tee, Früchte, Milch oder Erdnüsse haben sich laut Weinberg ebenfalls massiv erhöht. "Die Preise sind deutlich stärker gestiegen als jene für Weizen oder Sojabohnen", so der Experte. "Dabei sind diese nicht börsennotiert und es gibt auch definitiv keine Spekulanten."

Zudem gibt es nach Ansicht von Fachleuten für steigende Preise noch einen weiteren Treiber: die Geldpolitik der Notenbanken weltweit. Spätestens seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise, zum Teil jedoch schon deutlich länger, verfolgen die Notenbanken eine extreme Niedrigzinspolitik und fluten damit die Wirtschaft mit Geld. Das hat zu Preissteigerungen in vielen Bereichen geführt, von den Immobilienmärkten bis eben hin zu weiten Teilen des Rohstoffgeschäfts.

Umkehr der Beweislast gefordert

"Die Preissteigerungen am Agrargütermarkt wird man mit einseitigen Eingriffen dort auf Dauer nicht in den Griff bekommen", sagt daher Martin Siegel, Manager der Rohstofffonds der Stabilitas Fonds GmbH. "Bleibt das Preisniveau dort hinter dem auf anderen Märkten zurück, werden sich Anbieter mit der Produktion zurückhalten oder anderen Geschäften zuwenden, was letztlich wieder zu steigenden Preisen führen dürfte. Das ist Ökonomie aus dem Lehrbuch."

Nach Ansicht Siegels gibt es daher langfristig vor allem eine Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen: Die Notenbanken müssen ihre Zinspolitik revidieren und die Geldmenge erheblich einschränken. "Anders lässt sich der Preisauftrieb nicht stoppen", sagt der Fachmann.

Banken oder Kritiker, wer liegt also richtig? Neben der Studie von Foodwatch gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Analysen, die einen Zusammenhang zwischen den Investitionen und Spekulationen am Terminmarkt und den steigenden Nahrungsmittelpreisen nachweisen wollen. Angesichts der Komplexität der Materie dürfte ein vollständiger Beweis allerdings kaum möglich sein. Das weiß auch Foodwatch-Chef Bode.

Aufgrund der erdrückenden Last der Indizien fordert er jedoch eine Umkehr der Beweislast: Die Finanzbranche soll belegen, dass sie am Hungerproblem nicht beteiligt ist. An dieser Aufgabe dürften sich die Banken ebenso die Zähne ausbeißen, wie dies derzeit ihre Gegner tun.

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