Die Wirtschaftsglosse Mit Zinseszins zur Weltherrschaft

Viel zu kurzfristig denkt, wer sich von Euro-Krise und Wirtschaftsabschwung ängstigen lässt. Visionäre dagegen legen ihr Geld unbesorgt zu Zins und Zinseszins an. Am Ende des Jahrtausends sind wir alle unermesslich reich. Oder pleite.
Chance für Kleinsparer: Selbst lächerliche Beträge (im Bild) können zu Vermögen werden

Chance für Kleinsparer: Selbst lächerliche Beträge (im Bild) können zu Vermögen werden

Foto: Corbis

Haben Sie schon einmal daran gedacht, die Weltherrschaft an sich zu reißen? Na klar, für solche Vorhaben hat nicht jeder Zeit. Aufstehen, Anziehen, Frühstücken, dann Meetings, Meetings, Meetings. Das Haus muss schließlich abbezahlt werden, und später noch der Audi zur Wäsche. Also, in diesem Leben wird es wohl nichts mehr, wenn Sie nicht Mark Zuckerberg heißen.

Aber Sie haben doch Erben? Und schon einmal etwas vom Zinseszinseffekt gehört? Dann kann Sie kaum noch etwas daran hindern, sich unsterblich zu machen.

Wer sein Geld, und sei es nur ein kleiner Betrag, so investiert, dass der erzielte Zins wieder angelegt wird und sich wiederum verzinst, und so weiter, kann es theoretisch unbegrenzt vermehren - selbst im aktuellen Zinstief. Auf den Zeithorizont kommt es an. Die klügsten Denker sind dem Charme dieser Idee schon immer erlegen, wie der US-Autor Paul Collins im Magazin "Lapham's Quarterly" nachweist.

Benjamin Franklin zum Beispiel. Der amerikanische Staatsgründer, Philosoph und Erfinder des Blitzableiters hinterließ 1790 je 1000 Pfund den Städten Boston und Philadelphia, auf Zinseszins anzulegen für 100 Jahre, um von dem Erlös Handelsschulen, Existenzgründerhilfen für Handwerksgesellen, Wasserleitungen und andere gute Dinge zu finanzieren, den Rest dann weiter 100 Jahre verzinsen zu lassen. Im Jahr 1990 sollte die damals unvorstellbare Summe von 4.061.000 Pfund herauskommen, hatte Franklin errechnet.

Sein Zeitgenosse Peter Thelluson, Direktor der Bank of England, verfügte, seine gesamte Erbschaft von 600.000 Pfund solle sämtlichen damals lebenden Nachfahren vorenthalten werden und erst deren Zöglinge mit per Zinseszins erzielten mindestens 19 Millionen Pfund begünstigen.

Wie Berlusconi als Schulden-Eliminator in die Geschichte eingehen wird

Diese und ähnliche Fälle inspirierten Literaten von Charles Dickens über H.G. Wells bis zum frühen Science-Fiction-Autor Harry S. Keeler. In dessen Roman "John Jones' Dollar" wird aus einem Silbertaler im Jahr 2921 die Summe von 6,3 Billionen Dollar, im Roman entsprechend dem "Wert von Neptun, Uranus, Saturn, Jupiter, Mars, Venus, Merkur und ebenso der Erde, zusammen mit einer genauen Berechnung der verbleibenden Hitze in der Sonne und einer sehr bescheidenen Bewertung dieser Hitze je Kalorie". Ein einzelner Dollar, klug angelegt, finanziert ein glückliches, interplanetares Gemeinwesen, in dem niemand arbeiten muss. Wells' tragischer Held dagegen erwacht aus einem 200-jährigen Drogenrausch und muss erleben, dass sein unbewachtes Bankkonto die Welt verknechtet hat.

An dieser Stelle vorzeitige Glückwünsche nach Rom. Silvio Berlusconi, der am kommenden Donnerstag 75 wird, braucht sich um einen Platz in den Geschichtsbüchern nicht mehr bemühen - aber leider nur auf der vorletzten Seite, im "Hohlspiegel". Doch der ganze Ärger mit Gerichten, Koalitionspartnern, Weltpolitik und Frauen lohnt sich natürlich nur, wenn irgendwann ein milderes Licht auf den Cavaliere fällt.

Gerüchteweise bietet Berlusconi seine Villa Certosa auf Sardinien für 450 Millionen Euro an. Jetzt ist klar, warum: Das Geld würde sich selbst bei marktüblichen 2 Prozent Jahreszins, aber mit exponentieller unterjähriger Verzinsung und einer Laufzeit von 1000 Jahren, zu 179,2 Billiarden Euro vermehren . Von einer faschistoiden Mediendiktatur braucht Berlusconi nicht mehr fantasieren, die hat er schon. Aber so viel Geld könnte auch Gutes tun, vielleicht sogar die italienische Staatsschuld des Jahres 3011 eliminieren. Kein Wunder, dass der Staatslenker den Ratingagenturen Realitätsverlust vorwirft.

Es funktioniert! Wirklich!

Alles bloß Fantasterei, meinen Sie? Von wegen! Die langfristig orientierten Zinseszinssparer haben schon einige Vermögen erschaffen. Franklins Erbe brachte den Städten Boston und Philadelphia 1891 die Summe von 572.000 Dollar, 1990 zusätzlich rund sieben Millionen Dollar - weit weniger als erhofft, weil der Staatsmann die Nebenkosten wie Gebühren und Steuern nicht angemessen berücksichtigt hatte, aber immerhin.

Und die kleine Privathochschule Hartwick College (Motto: "Ad Altiora Semper", ewig aufwärts) kann für ihre laufenden Ausgaben neuerdings Jahr für Jahr 450.000 Dollar abheben: aus einem Trust, den der exzentrische New Yorker Anwalt Jonathan Holden 1936 für 1000 Jahre gestiftet hatte. Da der Erblasser keine Zweckbindung vorgegeben hatte und alle direkten Nachkommen verstorben sind, zwingt niemand das College, auf der ihm im Jahr 2936 zustehenden Allmacht zu bestehen.

Allerdings haben Neid und Missgunst auch schon so manchen Sparplan zerstört. Holdens zahlreiche 500- und 1000-Jahres-Trusts (unter anderem 2,5 Billiarden Dollar für die Unitarische Kirche des 25. Jahrhunderts) riefen etliche Kritiker auf den Plan, Die Steuerbehörde IRS führte 1958 vor Gericht an, die Trusts würden "die Steuerbasis der Nation zerstören, wenn nicht der Welt". Ökonomen warnten, am Ende des Tages müssten alle Erdenbürger für die Holdens arbeiten.

In manchen Staaten wurden solche Erbschaften deshalb gesetzlich verboten, genau wie schon im England des 19. Jahrhunderts wegen des Thelluson-Falls - in dem allerdings schon der 62-jährige Erbstreit dafür sorgte, dass das Vermögen sich in Gerichtskosten auflöste und keinen weiteren Schaden anrichten konnte.

Heute sind die Gesetze für Zinseszinsfüchse wieder liberaler. Es gibt sogar Zeitreisefonds, in die man schon mit einer Zehn-Dollar-Überweisung über Paypal einsteigen kann. Der Zinseszinseffekt erlaubt den Anlegern so, an der zukünftig sicher möglichen, aber teuren Technik teilzuhaben. Und dann steht der Unsterblichkeit wirklich nichts mehr im Weg.

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