Krisengewinn Angst zu Geld machen

Kurssturz an der Börse, Anleger in Angst: Die Finanzkrise sorgt für Panik. Dabei lassen sich Verluste in turbulenten Phasen begrenzen, Wagemutige spekulieren sogar auf schwankende Märkte. Doch der Umgang mit Volatilität ist ein komplexes Thema. manager magazin stellt Strategien und Produkte vor.
Niedergeschlagene Händler in New York: Die Finanzkrise wird zum Wirbelsturm an der Börse

Niedergeschlagene Händler in New York: Die Finanzkrise wird zum Wirbelsturm an der Börse

Foto: Justin Lane/ dpa

Hamburg - Den "Schwarzen Montag" vergangener Woche werden Aktionäre wohl nicht so schnell vergessen: Binnen 24 Stunden waren sie weltweit um 850 Milliarden Euro ärmer. Wenig Hoffnung zunächst auch am folgenden Dienstag: In nicht einmal 90 Minuten brach der deutsche Aktienleitindex Dax  um mehr als 500 Punkte oder fast 9 Prozent zwischenzeitlich zusammen. Heerscharen von Investoren flüchteten in "sichere Häfen" wie Gold oder parkten es in kurzfristig orientierte Geldmarktprodukte. Panik und Angst allerorten.

Diese Angst hat ein Abbild. Die Volatiltät der Märkte spiegeln die Indizes VDax und dessen jüngerer Bruder VDax New wider. Sie messen die Schwankungsbreite, die die Marktteilnehmer die kommenden 30 Tage beim Dax erwarten. Im Handelsverlauf erreichten die Indizes vergangene Woche Werte jenseits der 50. Zum Vergleich: Ende Juli notierte der VDax New knapp 20.

Dass ein Aktienmarkt in nur wenigen Stunden so unter die Räder kommen kann, ist neben latent überbordenden Rezessionsängsten auch auf Ursachen wie Leerverkäufe oder den Trend verstärkenden Computerhandel zurückzuführen. Doch wie soll ein Anleger mit diesen Turbulenzen umgehen, ohne panisch das Depot zu räumen? Zunächst muss er sich darüber im Klaren sein, ob er von der Volatilität der Märkte profitieren oder ihr möglichst unbeschadet entkommen will.

Wer den Schaden in turbulenten Phasen möglichst klein halten möchte, sollte von Anfang an grundsätzlich konservativer investieren, zum Beispiel in Anleihen statt Aktien, rät Christopher Wolter, Analyst für Fonds und Zertifikate bei Feri Euro Rating Services. Wer auf Aktien nicht verzichten wolle, könne in ein Zertifikat auf einen Aktienindex investieren, sollte aber zumindest auf eine längere Laufzeit der Papiere achten, um kurzfristige Schwankungen abzufedern.

Das heiße Spiel mit Calls und Puts

Schadensbegrenzung allein mag risikofreudigen Investoren nicht genügen. Wollen Sie von der ansteigenden Volatilität der Märkte profitieren, investieren sie deshalb nicht selten in Optionsscheine, denen eine Aktie oder ein Index als Basiswert zugrunde liegt. Dabei setzen sie auf so genannte Calls und Puts. Mit ersteren wetten die Investoren auf steigende Kurse, mit Puts auf fallende Kurse in der Zukunft.

"Für den reinen Volatilitätshandel ist die Konzentration nur auf Calls oder nur auf Puts nicht sinnvoll, da der Anleger damit jeweils auch auf eine klare Richtung der Märkte oder eines Wertpapiers spekuliert", sagt Volker Vonhoff. Wenn der Investor schon solche Finanzinstrumente für den Volatilitätshandel einsetze, müsse er diese kombinieren, wie es auch komplexere Finanzprodukte tun, erklärt der Wissenschaftler am Lehrstuhl für Finanzierung der Uni Mannheim.

In der Regel steigt der Preis für eine Option, wenn die Volatilität zunimmt. Sinkt die Volatilität, fällt auch der Wert der Option - in diesem Fall müsste sich der Anleger auf empfindliche Verluste einstellen. Der Investor kann aber auch einen Call verkaufen, was sich bei beruhigenden Märkten mit sinkender Volatilität auszahlen könnte. Doch sicher ist das alles natürlich nicht, das Spiel mit Optionen ist verwirrend und die Preisbildung ein hochkomplexes Thema.

"Calls und Puts bieten bei den derzeitigen Turbulenzen große Chancen aber auch halsbrecherische Risiken", sagt Lars Labryga, Vorstand und Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Eine solche Anlagestrategie setze eine kontinuierliche stundengenaue Beschäftigung mit dem Markt, also eine quasi professionelle Vorgehensweise voraus. "Papiere, die versuchen, Volatilitäten zu begrenzen oder daraus Profit zu schlagen, sind etwas für den entwickelten Anleger und sollten allenfalls als Beimischung zum Depot dienen", unterstreicht Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen.

Analyst Wolter hält es vor allem deshalb "für sehr gewagt", jetzt noch mit Optionen von Marktschwankungen der Märkte profitieren zu wollen, weil die Volatilität bereits extrem hoch geschossen sei und ein weiteres Ansteigen äußerst unsicher. "Der Zug ist wohl abgefahren." Mit anderen Worten: Mit Volatilitätsstrategien, die ausschließlich darauf abstellen, dass die Schwankungen am Markt noch zunehmen, dürfte der Anleger nicht mehr weit kommen.

Discountzertifikate - auf fallende Volatilität spekulieren?

Und anders herum? Der Anleger könnte auch darauf spekulieren, dass die Volatilität fällt, was sie tendenziell tut, wenn sich die Aktienmärkte beruhigen oder kontinuierlich steigen.

Mit einem Discountzertifikat kann ein Anleger von fallender Volatilität unter Umständen profitieren. Mit diesem Zertifikat nimmt der Investor an der Wertentwicklung eines zugrundeliegenden Basiswerts mit einem Preisabschlag, dem sogenannten Discount, teil. Das kann zum Beispiel eine Aktie oder ein Index sein.

Dabei bündelt das Papier im Grunde zwei Vorgänge: Der Emittent bezieht den Basiswert und verkauft gleichzeitig auf diesen Wert eine entsprechende Call-Option an einer Terminbörse. Der Preis des Discountpapiers ergibt sich dann aus dem Kurs der Aktie abzüglich der sogenannten Optionsprämie, die der Emittent durch den Verkauf der Option erhält, erläutert Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verband (DDV). Auch hier geht es also nicht ohne Optionsgeschäfte im Hintergrund.

Die Einstiegstiegspreise bei Discountzertifikaten sind aktuell noch vergleichsweise billig, sagen selbst unabhängige Experten. Das hat folgende Bewandtnis. Weil eben mit zunehmender Volatilität der Wert einer Option steigt, steigt auch ihr Verkaufserlös. Diesen Erlös geben die Emittenten in Form des Discounts an den Anleger weiter. "Ob das immer zu 100 Prozent passiert, ist unsicher", sagt Verbrauchschützer Mai. Die relative Ersparnis jedenfalls im Vergleich zum Kauf des Basiswertes entspricht beim Zertifikat dem "Risikopuffer". Im Gegenzug nimmt der Anleger aber nur bis zu einer bestimmten Obergrenze (Cap) an steigenden Kursen des Basiswerts teil.

Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Discountzertifikat auf einen Basiswert kostet den Anleger 48 Euro. Der Emittent hat dabei auf den Basiswert von 60 Euro einen Discount von 20 Prozent eingeräumt. Das heißt, der Basiswert müsste zur Endfälligkeit des Zertifikats um mehr als 20 Prozent (Risikopuffer) gefallen sein, bevor der Anleger mit dem Produkt einen Verlust erleidet. Steht die Aktie zur Endfälligkeit des Papiers über 48 Euro, macht der Anleger einen Gewinn. Liegt der Aktienkurs bei 70 Euro und der Cap bei 60 Euro, erhält er maximal diese 60 Euro.

Grundsätzlich gilt, je höher der Discount, desto höher ist der Risikopuffer und damit der Schutz vor möglichen Kursverlusten des Basiswerts. Der Anleger sollte daher seine Risikoneigung genau prüfen und den Risikopuffer entsprechend wählen.

Vor möglichen Verlusten ist er aber, sollten die Kurse mit Ablauf des Zertifikats unter den Einstandspreis rauschen, auch nicht gefeit. Ein weiteres Risiko besteht darin, das Discount-Zertifikate wie alle Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen sind. Geht der Emittent insolvent, erleidet der Anleger einen Totalverlust. Opfer der Lehman-Pleite haben das bitter zu spüren bekommen.

Bonuszertifikate: Wehe wenn die Schwelle reißt

Will der Investor die Volatilitätserwartung in seiner Anlageentscheidung berücksichtigen, böte sich unter Umständen auch ein Bonuszertifikat an. Auch hier hat die steigende Volatilität in der jüngsten Vergangenheit die Produktkonditionen verbessert. Von der Ratingagentur Scope Ende Juli untersuchte Bonuszertifikate mit einer Laufzeit bis Dezember 2012 und einem Risikopuffer von 30 Prozent hätten noch eine Rendite von durchschnittlich 7,6 Prozent im Jahr aufgewiesen.

Bonuszertifikate beziehen sich ebenfalls auf einen Basiswert und zahlen mit Endfälligkeit mindestens den Nominalwert des Papiers plus einen möglichen Bonus. Voraussetzung für die Bonuszahlung ist, dass der Basiswert die untere Grenze während der Laufzeit nicht berührt oder durchbrochen hat - andernfalls ist der Bonus unwiederbringlich verloren.

Eben wegen dieses Risikos stehen SDK-Vorstand Labryga oder auch Feri-Analyst Wolter Bonuszertifikaten durchaus skeptisch gegenüber. "Bei extrem schnellen und kurzen Kursstürzen, wie wir sie die vergangene Woche gesehen haben, besteht die ernsthafte Gefahr, dass die unten eingezogene Bonusschwelle dieser Produkte durchschlagen wird", gibt Wolter zu bedenken. Vor allem durch diese Bonusstruktur hätten sich die Menschen in der vergangenen Finanzmarktkrise "die Finger an diesen Produkten verbrannt", ergänzt Finanzexperte und Verbraucherschützer Mai.

Ist der besagte Schwellenbruch erfolgt, ist das Papier dennoch nicht gleich wertlos, wendet DDV-Vorstand Knüppel ein. Das Zertifikat verwandelt sich in diesem Fall in ein einfaches Investment, das an steigenden Kursen partizipieren kann. Allerdings: Da dieses Zertifikat "vielfach mit einem Aufgeld eingekauft wurde, sind umso größere Anstiege nötig, um der Verlustzone zu entkommen", schreibt Scope.

Der Agentur zufolge sind die jüngsten Marktturbulenzen vielen dieser Papiere tatsächlich auch nicht gut bekommen: Bei 21 Prozent der in Deutschland handelbaren Bonuszertifikate sei zuletzt die Schwelle nach unten verletzt worden. Der Bonusmechanismus ist damit deaktiviert, das Zertifikat verliert seinen eigentlichen Mehrwert gegenüber dem direkten Aktieninvestment, der ohnehin wie bei Discountzertifikaten durch den Verzicht auf mögliche Dividenden eingekauft wurde.

Über eines sollte sich der Anleger im Klaren sein: Hohe Schwankungen an den Märkten mögen die Einstiegskonditionen derzeit auch bei Bonuszertifikaten günstig erscheinen lassen. "Die Gefahr, dass die Risikopuffer aufgebraucht werden, ist in einem solchen Umfeld aber ebenfalls erhöht", mahnt Scope.

Die meisten Vola-Fonds sind noch sehr jung

Will ein Anleger Volatilität in ihren unterschiedlichen Spielarten nutzen, rät Feri-Anlyst Wolter grundsätzlich dazu, sich professionellen Investoren anzuvertrauen. "Denn viele Faktoren und Informationen, die Volatilität beeinflussen, sind Privatanlegern nicht verständlich oder nicht zugänglich." Volatilität als eigene Anlageklasse und die Produkte dazu seien schlicht ein komplexes Thema, sagt Wolter.

Fondsmanager beherrschten dies besser und würden im Zweifelsfall in beide Richtungen spekulieren, Strategien von steigender und fallender Volatilität miteinander verbinden. Die Auswahl an sogenannten "Vola-Fonds" ist aber nicht groß und nur die wenigsten könnten überhaupt eine Dreijahresperformance aufweisen. Maximal sechs bis acht dieser Fonds seien aus Sicht des Analysten daher überhaupt erwähnenswert.

Wolter unterscheidet dabei grundsätzlich zwischen konservativen und offensiveren Fondskonzepten. Konservative Vola-Fonds verfolgten ein Absolute-Return-Ansatz. Sie versuchen zum Beispiel, ein Basisportfolio aus Geldmarkt- und Rentenanlagen mit Vola-Strategien aufzuwerten. Diese Fonds seien relativ schwankungsarm mit eher geringen Verlusten aber auch nur mäßigen Gewinnen, skizziert Wolter grob.

Offensivere Konzepte dagegen versuchen, Aktienvolatilitäten weltweit auszunuten. Diese Fonds, durch die Bank weg aktiv gemanagt, könnten im Jahresschnitt schon mal 12 Prozent steigen. Der Anleger müsse aber ein erhebliches Rückschlagpotential einkalkulieren, das auf Jahressicht prozentual ebenso zweistellige Verluste bedeuten kann.

In offensiveren Fondskonzepten werden zum Beispiel Aktienoptionen mit langer Laufzeit gekauft und Aktienoptionen mit kurzer Laufzeit gleichzeitig verkauft, um über die komplexe Optionspreisbildung Effekte zu erzielen. So wird die Volatilität von lang laufenden Optionen genutzt und von kurz laufenden verkauft, erläutert Analyst Wolter.

Richtig gut läuft es für die aus Sicht von Wolter überhaupt ernst zu nehmenden und in Deutschland angebotenen sechs Volafonds aktuell allerdings nicht. Vier von ihnen stehen im laufenden Jahr (31. Juli) mit bis zu 7 Prozent im Minus. Mit Blick auf die Dreijahresperformance ist die Spanne allerdings erheblich und reicht von minus 2 Prozent bis plus 43 Prozent. Vola-Fonds der französischen Gesellschaft Amundi, die auf diesem Gebiet mit zu den ersten Akteuren zählen, schneiden bei der Dreijahresperformance noch am besten ab.