Run auf Gold "So etwas hat es noch nicht gegeben"

Der Goldpreis überspringt die 1800 Dollar je Unze, der Chart begibt sich in die Senkrechte. Zeit zum Ausstieg also? Noch lange nicht, sagt Robert Hartmann. Für den Chef des Handelshauses Pro Aurum sind dies historische Tage - und er nennt Gründe, warum es vorläufig weiter aufwärts gehen sollte.  
Goldmarkt in Bangkok: Das Edelmetall erfreut sich angesichts der Unsicherheiten auf den Finanzmärkten weltweit großer Beliebtheit - auch hierzulande

Goldmarkt in Bangkok: Das Edelmetall erfreut sich angesichts der Unsicherheiten auf den Finanzmärkten weltweit großer Beliebtheit - auch hierzulande

Foto: Narong Sangnak/ dpa

mm: Herr Hartmann, der Goldpreis steigt zurzeit in atemberaubender Geschwindigkeit, viele Zeitungen berichten darüber schon auf ihren Titelseiten. Nähert sich der Markt allmählich der berüchtigten Hausfrauenhausse, bei der man an einen Ausstieg denken sollte?

Hartmann: Nein, ich sehe diese Marktphase noch lange nicht. Wir haben eine Umfrage gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Forsa gemacht. Demnach besitzen derzeit lediglich 8 Prozent der Deutschen Gold in Form von Barren oder Münzen. Weitere 2 Prozent denken darüber nach, sich Gold in den kommenden sechs Monaten zuzulegen - und das sind vor allem jene, die bereits investiert haben.

mm: Gibt es Vergleichszahlen?

Hartmann: Es gibt Erhebungen aus dem Jahr 1980, der Zeit der vergangenen großen Goldhausse also. Seinerzeit waren zwischen 30 und 35 Prozent der Leute investiert. Hinzu kommt, dass auch diejenigen 8 Prozent, die bereits Gold besitzen, oft noch nicht den empfehlenswerten Anteil von 5 bis 10 Prozent ihres Vermögens darin investiert haben. Wir haben also noch einen Weg zu gehen.

mm: Inzwischen gibt es aber auch zahlreiche Wertpapiere, ETFs zum Beispiel, über die in Gold investiert wird. Wie sieht das Bild aus, wenn diese mit berücksichtigt werden?

Hartmann: Hier fehlen uns nachhaltige Erhebungen. Ich rechne aber damit, dass die Investitionsquote inklusive Wertpapiere und ETFs noch unter 15 Prozent liegt. Das heißt: Nur jeder sechste Anleger hat Edelmetalle, in welcher Form auch immer, im Portfolio.

mm: Das klingt alles nach sehr rationaler Berechnung. Der Goldmarkt scheint sich aber gerade in diesen Tagen alles andere als rational zu entwickeln.

Hartmann: Was zurzeit passiert ist zum Teil wirklich einmalig. Ich bin seit 25 Jahren in dem Geschäft. Aber so etwas wie vor wenigen Tagen, am 9. August, zum Beispiel habe ich noch nicht erlebt. An der Rohstoffbörse Comex betrug die Trading-Range an dem Tag 260 US-Dollar. Der Preis ging 60 Dollar rauf, 60 Dollar runter, 60 Dollar rauf, 60 Dollar runter, und das innerhalb teils weniger Minuten. Wer da als professioneller Händler Kurssicherungsgeschäfte betreiben muss, kann schon ins Schwitzen kommen. Das sind Ereignisse von denen man seinen Enkeln erzählen kann.

mm: Heftiger als bei der Lehman-Pleite?

Hartmann: Ohne Zweifel. Ich schaue schon lange auf den Markt, aber zumindest von der Schwankungsbreite her hat es so etwas meines Wissens noch nicht gegeben.

mm: Wie groß ist zurzeit der Kundenansturm bei Ihnen?

Hartmann: Das Kundenaufkommen hat sich im Vergleich zu Anfang Juni etwa verdreifacht. Grund sind wohl die Diskussionen um Italien sowie um das Rating der Amerikaner und zuletzt auch noch der Franzosen. Immer mehr Menschen denken offenbar darüber nach, sich stärker dem Edelmetallsektor zu widmen.

"Solche Maßnahmen haben in der Vergangenheit häufig Korrekturen eingeleitet"

mm: Wie man hört, stehen die Menschen vor Ihren Geschäftsräumen bereits Schlange.

Hartmann: Ja, das ist richtig. Das muss man aber relativieren. Früher war das Edelmetallgeschäft ein klassisches Bankgeschäft. Jede kleine Sparkasse oder Raiffeisenbank hatte Krügerrand-Münzen oder Goldbarren vor Ort zum Verkauf. Inzwischen gibt es beispielsweise in München nur noch drei Stellen, wo Anleger ad hoc Gold oder Silber kaufen können. Das heißt, wenn sich 300 Leute auf die Pirsch machen, dann bilden sich schon einmal schnell für eine Stunde Schlangen.

mm: Hatten Sie in den vergangenen Jahren vergleichbare Nachfragespitzen?

Hartmann: Seit Beginn der letzten Finanzkrise erleben wir momentan nach Lehman/2008 und dem ersten Bekanntwerden der griechischen Schuldenprobleme im Jahr 2010 die dritte Welle des Ansturms am Goldmarkt. Das ist in der Dimension absolut vergleichbar und führt auch immer wieder dazu, dass es zu Lieferengpässen kommt.

mm: Haben die Deutschen so viel Nachholbedarf in Sachen Gold?

Hartmann: Allerdings, sie sind in dem Bereich eindeutig unterinvestiert. Die Deutschen haben ihre Goldinvestments zwischen 1980 und 1999 sukzessive aufgelöst, zuletzt vor allem, um vermeintlich attraktive Chancen am Aktienmarkt wahrzunehmen. Die Nachfrage jetzt rührt vor allem daher, dass sich viele Sorgen machen, weil sie das Thema Edelmetalle so sehr vernachlässigt haben. Sorgen, die meiner Ansicht nach berechtigt sind.

mm: Warum?

Hartmann: Das Stichwort lautet Inflation. Was die Notenbanken derzeit betreiben, nämlich der Ankauf von Anleihen zweifelhafter Bonität und damit die Ausweitung der Geldmenge, führt unweigerlich dazu. Und das spüren die Leute.

mm: Eine Entspannung am Goldmarkt wäre demnach in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Hartmann: Nein, ich erwarte ein relativ stetiges Geschäft auf historisch sehr hohem Niveau mit extremen Ausschlägen nach oben ...

mm: ... was den Preis angeht.

Hartmann: Ja, aber vor allem auch was die Tätigkeit angeht. Es wird immer wieder Meldungen geben, die die Anleger auf die Idee kommen lassen, einen Teil ihres liquiden Vermögens in Gold umzuschichten. Für den Preis gilt: Solange es keine ernsthaften und soliden Ansätze seitens der Politik oder der Notenbanken gibt, die Geldmengenausweitung zu stoppen oder wirklich in eine solide Haushaltsführung zu kommen, solange braucht man sich mittel- bis langfristig wegen eines Rückgangs des Goldpreises keine Gedanken zu machen. Natürlich erwarte ich kurzfristige Korrekturen, die teils auch heftig ausfallen werden. Einbrüche von 10 bis 15 Prozent wird es geben.

mm: Apropos Preiskorrektur, was zurzeit passiert ist beinahe schon schwindelerregend. Steht eine solche Korrektur kurz bevor?

Hartmann: Wenn eine Nachricht den Preis antreiben kann, kann eine einzelne Nachricht den Preis andersherum auch genauso schnell wieder nach unten führen. Derzeit ist ein wenig heiße Luft aufgestaut. Hinzu kommt, dass an der Rohstoffbörse Comex die Margins, also die Beträge, die für den Handel hinterlegt werden müssen, erneut erhöht werden. Solche Maßnahmen haben in der Vergangenheit häufig Korrekturen eingeleitet.

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