Devisen Schweizer Franken wird zum Gipfelstürmer

Schokolade, Käse, Uhren: Die Schweiz hat einige Exportschlager und neuerdings noch einen mehr - den Franken. Kaum eine andere Weltwährung hat zuletzt einen derart strammen Aufstieg hingelegt. Der Gipfel scheint noch nicht erreicht. Experten halten sogar die Parität zum Euro für möglich.
Ganz weit oben: Der Schweizer Franken steigt in luftige Höhen und rückt immer näher an den Euro heran. Experten schließen eine Euro-Franken-Parität nicht mehr aus

Ganz weit oben: Der Schweizer Franken steigt in luftige Höhen und rückt immer näher an den Euro heran. Experten schließen eine Euro-Franken-Parität nicht mehr aus

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Frankfurt am Main - Der Aufstieg ist schon bemerkenswert: Allein seit Mitte Mai hat der Schweizer Franken zur Gemeinschaftswährung Euro und auch zum US-Dollar rund 10 Prozent gewonnen. Aktuell bekommt man für einen Euro etwa 1,15 Franken, zu Jahresbeginn waren es immerhin noch rund zehn Rappen mehr.

Im Herbst 2007, vor Ausbruch der US-Finanzkrise, wurden fast 1,70 Franken gezahlt. Damals galt er als langweilig und wurde wegen der niedrigen Zinsen gern für so genannte Carry Trades eingesetzt - das heißt, Anleger nahmen Kredite im Franken auf und investierten das Geld in renditeträchtigere Anlagen.

Warum nun transferieren Investoren seit Monaten ihr Geld in die geruhsame Eidgenossenschaft? "Die Märkte sind wegen der Schuldenkrise in Europa und den USA derzeit im Krisenmodus", sagt Commerzbank-Analystin You-Na Park. "Auf der Suche nach einem sicheren Hafen hatten die Anleger in letzter Zeit kaum Alternativen." Weder Euro noch Dollar werden derzeit als verlässliche Anlagen gesehen, auch dem japanischen Yen trauen Investoren wegen der hohen Staatsverschuldung nicht über den Weg. Und Währungen aus den Schwellenländern müssen ihre Krisenfestigkeit erst noch unter Beweis stellen, heißt es.

Der Franken habe sich dagegen seit Jahrhunderten als Krisenwährung bewährt, hebt DWS-Experte Moritz Rieper hervor. Aus Sicht der Experten grenzt sich die Schweiz vor allem durch ein gutes Schuldenmanagement ab. Die Wachstumsdynamik ist stark, die Bewertung der Bonität durch die Ratingagenturen geradezu vorbildlich.

Die Puste wird dem Franken angesichts der schwelenden Schuldenkrisen wohl nicht so schnell ausgehen. "Ich denke, die Parität ist das nächste Ziel", prognostiziert Stratege Joachim Kneissl von der LBBW. "Da Psychologie und Herdentrieb eine wichtige Rolle spielen am Markt, liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Parität zum Euro erreicht wird", meint auch Portfoliomanager Andre Stagge von Union Investment.

Für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft wird die teure Währung immer mehr zur Bürde. Die ersten Unternehmen sahen sich schon zu Preissenkungen gezwungen, in der Chemieindustrie waren es allein im Juni 20 Prozent. Experten wie Volkswirt Alessandro Bee von der Bank Sarasin warnen vor einer deutlichen Konjunkturabkühlung im nächsten Jahr.

Schmeißen die Schweizer jetzt die Notenpresse an?

Ein Rezept gegen die Aufwertung der heimischen Währung hat die Regierung bislang nicht gefunden. Ein großes Thema ist deshalb die Frage, ob die eidgenössische Notenpresse angeworfen wird und mehr Franken in den Umlauf kommen. Experten sind skeptisch. "Wir glauben nicht, dass die Schweizerische Nationalbank erneut intervenieren wird. Sie hat die bittere Erfahrung gemacht, dass der Markt zu mächtig ist", meint Stagge.

Zuletzt hatte die SNB im Jahr 2010 Milliarden von Euro aufgekauft ohne eine Abwertung des Franken zu erreichen. Stattdessen hat die Notenbank ihre Bücher damit belastet; ihre Eigenkapitalquote ist deutlich gesunken.

Also bleibt Abwarten. Wenn sich die Hysterie um die Verschuldung im Euro-Raum erst einmal gelegt habe, sollte auch der Franken wieder an Attraktivität verlieren, sagt Devisenstratege Michael Rottmann von der UniCredit. Dann dürften sich Anleger wieder mehr auf fundamentale Daten - zum Beispiel die Zinsdifferenzen - konzentrieren, schätzt DWS-Experte Rieper.

So sind die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) auf inzwischen 1,5 Prozent seiner Meinung nach noch nicht angemessen am Devisenmarkt berücksichtigt. Zum Vergleich: der Leitzins der Eidgenossenschaft liegt bei 0,25 Prozent.

Spätestens mit einer Zinswende in den USA - die viele allerdings erst im zweiten Halbjahr 2012 erwarten - wird der Franken auf seiner Bergtour wohl Konkurrenz bekommen. "Dann sollte der Dollar auch wieder an Kraft gewinnen und von seinem Ruf als Weltleitwährung profitieren", sagt Commerzbank-Analystin Park. Immerhin wechseln bei fast jedem zweiten internationalen Devisengeschäft Dollar-Noten den Besitzer. "Letztlich ist der Franken keine Alternative zum Dollar, weil der Schweizer Markt dafür viel zu klein ist."

rei/reuters
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