Trotz Rekordpreis Goldinvestoren unter Soros-Schock

Gold ist in Euro so teuer wie nie zuvor. Der Preisanstieg war so steil, dass selbst die Investorenlegende George Soros inzwischen Kasse gemacht hat. Zeit zum Ausstieg also? Gold bringt keine Zinsen, sein Wert wird von Angst und Spekulation getrieben. Genau diese Preistreiber haben derzeit Hochkonjunktur.
Zukunftsmarkt Asien: In Fernost steigt die Nachfrage nach Goldinvestments - die Notenbanken suchen nach einer Absicherung gegen den schwachen Dollar

Zukunftsmarkt Asien: In Fernost steigt die Nachfrage nach Goldinvestments - die Notenbanken suchen nach einer Absicherung gegen den schwachen Dollar

Foto: ANDY WONG/ ASSOCIATED PRESS

Hamburg - Für die amerikanische Börsenaufsicht SEC ist das Papier mit der Nummer 13F nur ein Standardformblatt von vielen: Drei Seiten Formular plus acht Seiten Kleingedrucktes. Jeder Investor mit 100 Millionen Dollar oder mehr im Depot meldet darauf seine Bestände an die SEC, feinsäuberlich, Quartal für Quartal.

Reine Routine also - die allerdings am Goldmarkt zuletzt für einige Unruhe sorgte. Denn die 13F-Meldungen für das erste Quartal 2011, die Mitte Mai veröffentlicht wurden, hatten es in sich: George Soros, der US-Multimilliardär mit dem Ruf, ein besonders ausgebuffter Anleger zu sein, hat sein Engagement am Goldmarkt fast vollständig aufgelöst. Unter anderem verkaufte Soros 99 Prozent seiner Anteile am US-Fonds SPDR Gold Trust im Wert von mehr als 600 Millionen Dollar. Insgesamt trennte sich der Starinvestor von Goldanlagen mit einem Volumen von rund 800 Millionen Dollar.

Die Nachricht ging um die Welt: Starinvestor Soros steigt aus Gold  aus. In seinem Kielwasser reduzierten zudem einige weitere Hedgefondsmanager ihre Bestände. Für Anleger könnte das ein Warnsignal sein. Schließlich ist Soros nicht Irgendjemand. Schon häufiger lag er mit seinen Anlageentscheidungen richtig, etwa Anfang der neunziger Jahre, als er gemeinsam mit anderen Investoren durch milliardenschwere Spekulationen das britische Pfund aus dem europäischen Währungssystem drängte.

Gelingt ihm so ein Coup also auch diesmal? Markiert die Kehrtwende des gebürtigen Ungarn tatsächlich den Anfang vom Ende der inzwischen rund zehn Jahre andauernden Gold-Rallye?

Guter Zeitpunkt für Gewinnmitnahmen

Experten sind skeptisch. Zwar könnte der Zeitpunkt für Gewinnmitnahmen am Goldmarkt derzeit kaum besser sein, so der Tenor. Vor allem Anleger, die schon länger dabei sind, können Kasse machen, denn der Preis stieg in den vergangenen Jahren um mehrere hundert Prozent. So dürfte auch George Soros mit seinen jetzt liquidierten Investments einen ordentlichen Schnitt gemacht haben.

Dass der Goldpreis in nächster Zeit nachhaltig nachgeben wird, erwarten jedoch die wenigsten Fachleute. "Der Bullenmarkt ist mehr denn je intakt, da sollte man sich von einzelnen Investorenentscheidungen nicht verunsichern lassen", sagt etwa Ronald Stöferle. Der Goldanalyst von der Erste Group Bank in Wien, der regelmäßig einen umfangreichen Goldreport veröffentlicht, verweist unter anderem auf die hohen Staatsschulden in Europa und den USA. Wenn Anleger Staatsanleihen nicht mehr trauen und Staaten wie die USA fleißig Geld drucken, sei Gold eine Alternative.

Soros, so Stöferle, sei zudem nicht der einzige kluge Investor. Andere Hedgefondsgrößen hätten in jüngster Zeit klare Bekenntnisse zu Gold abgelegt.

John Paulson: "Ich fühle mich sicherer, wenn ich Gold besitze"

Tatsächlich ließ sich den 13F-Mitteilungen an die SEC jüngst auch entnehmen, dass mit John Paulson ein weiterer hartgesottener Wall-Street-Mann just im ersten Quartal 2011 seine Goldbestände erheblich ausgebaut hat. Paulson wurde weltweit bekannt, nachdem er in der Finanzkrise mit Wetten auf einen Einbruch am US-Immobilienmarkt Milliarden verdient hatte. Unterstützung hatte er dabei von der US-Bank Goldman Sachs  bekommen, die deshalb später einem 550-Millionen-Dollar-Vergleich mit der SEC zustimmen musste. Goldman soll bei Hypothekengeschäften zum Vorteil Paulsons die eigenen Kunden übervorteilt haben.

"In diesen Zeiten der Unsicherheit gegenüber vielen Papiergeldwährungen fühle ich mich sicherer, wenn ich Gold besitze", sagte Paulson kürzlich in einem Interview. Eine Einstellung, mit der er offenbar nicht alleine steht. Die Investmentprofis David Einhorn, Präsident der US-Anlagegesellschaft Greenlight Capital, und Ray Dalio, Gründer der Investmentfirma Bridgewater Associates, etwa glauben erklärtermaßen ebenfalls weiter an das gelbe Metall.

Weltweite Verunsicherung treibt den Goldpreis

Die Überlegung, die diese Optimisten eint, ist einfach: Abgesehen von der - allerdings stark expandierenden - Schmuck- und Luxusgüterindustrie gibt es für das Edelmetall zwar kaum eine nennenswerte Nachfrage in der realen Wirtschaft, die das aktuelle Preisniveau rechtfertigen würde. Zudem wirft Gold keine Zinsen ab, einziger Renditelieferant ist die Preisentwicklung.

Letztere jedoch verfügt über einen ganz besonderen Antrieb, der in den vergangenen Jahren überaus zuverlässig lief: die Unsicherheit unter großen und kleinen Geldanlegern weltweit, zusätzlich verstärkt durch die Spekulation anderer Anleger darauf, dass genau diese Verunsicherung auch künftig anhalten wird.

Viele Investoren stellen sich derzeit schwerwiegende Fragen, auf die sie keine Antwort kennen: Werden die USA ihre gigantischen Schuldenprobleme bewältigen? Wie geht es mit Griechenland, Irland, Portugal und anderen schwächelnden Euro-Staaten weiter? Zudem: Wird die Inflation hierzulande demnächst tatsächlich, wie von Manchem prognostiziert, deutlich anziehen? Und was, wenn die Schwellenländer das Problem des rasant steigenden Preisniveaus nicht in den Griff bekommen?

Die Nachfrage steigt - China und Indien suchen Inflationsschutz

Die Liste der Unwägbarkeiten ist lang. Und jeder Punkt darauf steigert die Beliebtheit von Gold als Geldanlage. Denn der Ruf des Metalls als "sicherer Hafen" ist ungebrochen. Die Beliebtheit des Edelmetalls dürfte auf absehbare Zeit hoch bleiben, schreibt daher auch die DZ Bank in einer aktuellen Analyse.

Ablesen lässt sich diese Beliebtheit zum Beispiel an aktuellen Zahlen des World Gold Council (WGC), der Organisation der globalen Goldproduzenten. Demnach stieg die weltweite Nachfrage in den ersten drei Monaten 2011 um 11 Prozent auf 981,3 Tonnen.

Ganz oben im Käuferranking standen China und Indien. In den boomenden Schwellenländern wird das Edelmetall offenbar zunehmend auch als Schutz vor der starken Inflation eingesetzt.

Gemessen am Wert erzielte die Gesamtnachfrage wegen des steigenden Preises sogar ein Plus von beinahe 40 Prozent. Und auch der WGC gibt sich zuversichtlich: Im verbleibenden Jahr 2011 sei mit einer robusten Nachfrage zu rechnen, heißt es in einer Mitteilung.

Für einen weiter steigenden Preis spricht zudem, dass Gold bei vielen Investoren offenbar weiterhin oben auf der Einkaufsliste steht - die Verkäufe von George Soros und einigen Kollegen haben dieser Attraktivität nicht geschadet. Seit Jahren steigt der Einfluss der Anleger auf den Goldmarkt. Insgesamt lag ihr Anteil an der Gesamtnachfrage 2010 bereits bei etwa 35 Prozent. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren waren es noch keine 20 Prozent.

Zentralbanken stocken Bestände auf

Und der Trend setzt sich fort: Allein im ersten Quartal 2011 stieg die Nachfrage von Anlegerseite gegenüber dem Vorjahreszeitraum um überdurchschnittliche 26 Prozent. Favorisiert werden allerdings inzwischen mehr und mehr physische Anlagen etwa in Münzen oder Barren. Indirekte Investments, zum Beispiel über börsennotierte Indexfonds (ETFs), verzeichneten dagegen zuletzt Abflüsse.

Neben den verunsicherten Investoren findet noch eine weitere gewichtige Käufergruppe mehr und mehr Geschmack am gelblich glänzenden Metall: Die Zentralbanken.

Zum Hintergrund: Jahrelang befanden sich die Notenbanken weltweit am Goldmarkt per Saldo auf der Verkäuferseite. Das lag vor allem daran, dass viele Institute von Industrieländern auf umfangreichen Beständen sitzen, die sie eher ab- als weiter aufbauen wollen. Um dabei keine ungewollten Preisturbulenzen auszulösen, schlossen mehrere europäische Zentralbanken seit 1999 sogar verschiedene Vereinbarungen, die Central Bank Gold Agreements (CBGA). Darin einigten sich die Zentralbanker auf maximale Verkaufsmengen. Seit September 2009 etwa läuft bereits das dritte CBGA, demzufolge die beteiligten Banken jährlich nicht mehr als insgesamt 400 Tonnen Gold verkaufen dürfen.

Theoretisch ist auch die deutsche Bundesbank an diesen Vertrag gebunden, denn sie zählt neben beispielsweise der Bank von Frankreich und der Schweizerischen Nationalbank zu den Unterzeichnern. Praktisch hat das Abkommen aber kaum noch eine Bedeutung, denn die Banken haben die im CBGA vereinbarten Maximalverkäufe in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr ansatzweise erreicht.

Absicherung gegen Dollarverfall: Notenbanken senken Risiken

Im Gegenteil. Seit einiger Zeit engagieren sich vor allem die Notenbanken der Schwellenländer als Goldkäufer. Besonders asiatische Länder wie China, Indien und Russland, aber auch Saudi-Arabien oder Venezuela stocken sukzessive ihre Bestände auf. Zuletzt machte die Bank von Mexiko von sich Reden, die im ersten Quartal dieses Jahres mehr als 100 Tonnen des Edelmetalls kaufte - das war der drittgrößte Goldkauf der vergangenen zehn Jahre.

Der Grund für diese Investments liegt auf der Hand: Angesichts zunehmender Schuldenprobleme vieler Länder - allen voran die USA - versuchen die Schwellenländer ihre Devisenreserven zu diversifizieren und ihr Anlagerisiko zu senken. Die Faustregel, dass der Goldpreis steigt, wenn der Dollar schwächelt, gilt schließlich nach wie vor. Zudem verfügt Gold über einen klaren Vorteil: Es besteht kein Kreditrisiko, weil weder eine Regierung noch ein Unternehmen für das Investment geradestehen müssen. Hinzu kommt, dass das weiterhin niedrige Realzinsniveau weltweit viele alternative Anlagen unattraktiv erscheinen lässt, wie unter anderem Goldman Sachs kürzlich in einer Analyse betonte.

Laut WGC stiegen die Käufe der Zentralbanken allein im ersten Quartal 2011 auf 129 Tonnen. Sie überstiegen damit die Summe der ersten neun Monate des Vorjahres.

Goldpreis erneut auf Rekordjagd

"Die Zentralbanken werden auch künftig auf der Käuferseite stehen", glaubt Wolfgang Wrzesniok-Rossbach vom Edelmetallkonzern Heraeus. "Wenngleich der Einfluss der Zentralbanken auf den Preis geringer ist, als vielfach angenommen." Der Experte rechnet vor: Mexiko kaufte im ersten Quartal 100 Tonnen - während allein die Menge an recyceltem Gold im Jahr 2010 mehr als 1600 Tonnen betrug. "Solche Deals bringen den Markt nicht aus dem Gleichgewicht", sagt der Fachmann.

Dennoch: Auch Wrzesniok-Rossbach glaubt trotz der aktuellen Turbulenzen an einen vorläufig weiter steigenden Markt. Der Verlauf dieser Woche gibt ihm Recht: Am Montag und Dienstag erreichte der Goldpreis gemessen in Euro neue Rekordwerte.

Auf Dollarbasis legte er ebenfalls deutlich zu. Mit etwa 1520 Dollar pro Unze ist der Preis von seinem Rekordhoch bei 1575 Dollar allerdings noch ein Stück entfernt. Das muss allerdings nicht so bleiben. Der Preis kann bis Jahresende ein Niveau von 1750 Dollar pro Unze erreichen, schätzt Wrzesniok-Rossbach. Er kann - sofern weiterhin schlechte Nachrichten, zum Beispiel über steigende Schulden und den schwächelnden Dollar, die Anleger verunsichern.

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