Sündeninvestments "Die Nase voll von Nachhaltigkeitsfonds"

Habgier, Neid, Maßlosigkeit: Mitten in der Fastenzeit startete Deutschlands erster Publikumsfonds, der in das Geschäft mit den Todsünden investiert. Zum Ende der Fastenzeit sagt Fondsstratege Conrad Mattern, was ihn zum Gegenprogramm des Gutmenschentums getrieben hat - und wie er sich fühlt.
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Foto: Karim Kadim/ AP

mm: Herr Mattern, wie kommt man auf die Idee, einen Sünden-Fonds aufzulegen?

Mattern: Wenn alle am Finanzmarkt herdenmäßig in eine Richtung laufen, sollte man sich um 180 Grad drehen. Das ist eine Grundregel der Behavioral Finance. Wenn also derzeit die gesamte Branche auf ethische und nachhaltige Investments setzt und sich als Herde von Gutmenschen darstellt, ist ein Angebot für sündige Investments die logische Konsequenz. Dieser Markt wird zu wenig bedient. Aus diesem Grund platziert gerade die Prosperia AG mit der Prosperia Mephisto 1 GmbH & Co KG einen geschlossenen "Sünden"-Fonds, der ausschließlich in Private-Equity-Beteiligungen investiert, während der neu aufgelegte Peccata Global in börsennotierte Unternehmen anlegt. So gibt es zwei Investmentprodukte, die beide eine ähnliche Grundidee haben, dies aber auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise umsetzen.

mm: Und für beide Fonds mussten es die sieben Todsünden sein.

Mattern: Absolut. Stolz, Habgier, Neid, Zorn, Wollust, Maßlosigkeit und Trägheit spiegeln nun einmal wunderbar typische Verhaltensweisen der Menschen wider und lassen sich hervorragend verschiedenen Branchen und Unternehmen zuordnen. Wir haben mittlerweile 700 Titel in unser Sünden-Register aufgenommen. Stolz zum Beispiel steht für die Luxusindustrie, Habgier für Investmentbanken, Zorn für die Rüstungsindustrie, Maßlosigkeit für Alkohol und Tabak, Neid für Lifestyle-Produkte. Unsere Rückwärtssimulationen für die vergangenen zehn Jahre zeigen, dass diese Sünder überdurchschnittliche Renditen einbringen.

mm: Habgier steht für Investmentbanken? Damit haben Sie sich in der Branche aber keine Freunde gemacht, Herr Mattern…

Mattern: Wieso? Die Banker, mit denen ich darüber gesprochen habe, fanden die Zuordnung selbst logisch. Und jeder, der in der Zeitung über Millionen-Boni und die Folgen der Finanzkrise liest, sicherlich auch.

mm: Kamen wirklich keine negativen Reaktionen aus der Branche?

Mattern: Doch, vereinzelt. Eine Kapitalanlagegesellschaft wollte nicht mit uns zusammenarbeiten, weil wir in unserer Fonds-Präsentation ausgerechnet eine US-Investmentbank als "Habgier"-Beispiel gewählt hatten, mit der die Gesellschaft bereits zusammenarbeitete. Eine andere Anlagegesellschaft kippte den schon bestehenden Vertrag mit uns einen Tag vor dem Starttermin, weil sie kalte Füße bekam. Das ist übrigens wirklich unethisches Verhalten, wenn Sie mich fragen. Und in Luxemburg durften wir den Fonds nicht auflegen, weil die Aufsichtsbehörde um den guten Ruf des Finanzplatzes fürchtete. Deshalb übrigens auch der verschobene Fonds-Start erst im April. Wir mussten uns neue Partner suchen.

mm: Das alles hat Sie aber von Ihrer Idee nicht abbringen können.

Mattern: Nein. Im Gegenteil. Es hat mich nur bestärkt. Erasmus von Rotterdam sagte ja schon: "Wer nicht zu sündigen wagt, begeht die größte Sünde." Sehen Sie, Viele haben uns ganz klar signalisiert, dass sie die Idee eigentlich gut finden. Alle haben die Nase voll von diesen Nachhaltigkeitsfonds, die keine Rendite bringen. Aber die meisten trauen sich einfach nicht, den Fonds unter ihrem Namen aufzulegen, zum Beispiel weil sie viele kirchliche Investoren haben. Bei der Verabschiedung sagten mir die Banker oft: Wenn ihr den Fonds erst mal habt, gebt mir Bescheid. Ich investiere dann gerne privat.

mm: Sie wollen sagen: Hinter der Ethik- und Nachhaltigkeits-Fassade interessieren sich also doch alle für sündige Investments?

Mattern: Na klar. Wir sind doch alle kleine Sünder, nicht wahr? Für den geschlossenen Prosperia-Mephisto-1-Fonds, bei dem wir das Konzept mit private Equity-Beteiligungen umsetzen, bekommen wir übrigens auch viele Anfragen von Unternehmen mit ethisch angeblich verwerflichen Geschäftsmodellen, die nach Investoren suchen. Zum Beispiel einem Hersteller von Simulatoren für Kampfhubschrauber, oder einem asiatischen Hersteller von Luxus-Accessoires. Andere versuchen, bei uns ihre Altlasten loszuwerden. Zum Beispiel wollte uns auch eine Bank gerne eine Immobilie verkaufen, in der die Zimmer, nun ja, stundenweise vermietet werden.

mm: Keine moralischen Bedenken, Herr Mattern?

Mattern: Nicht in alles, was wir angeboten bekommen, investieren wir auch. Die Konzepte müssen sich auch betriebswirtschaftlich rechnen. Aber unmoralisch sind doch wohl eher diese Pseudo-Nachhaltigkeits-Fonds, die in Wirklichkeit in Firmen wie Tepco und BP investieren. Diese Scheinheiligkeit ist unethisch. Ethisches Investieren zeigt sich nämlich nicht daran, in was man investiert, sondern in der Art und Weise, wie man Investments umsetzt.

Fonds spendet für wohltätige Zwecke

mm: Wie meinen Sie das?

Mattern: Bei uns ist drin, was draufsteht. Wir sagen offen, in was wir investieren. Auch wenn wir uns damit außerhalb des Mainstreams bewegen. Außerdem: Sind Kondomhersteller wirklich unmoralisch? Oder Alkoholhersteller? Das soll jeder für sich selbst entscheiden. Darüber hinaus wird ein Teil des Gewinns aus dem geschlossenen Fonds, der am Ende der Laufzeit anfällt, für wohltätige Zwecke gespendet.

mm: Ganz ohne Gutmenschentum geht es also doch nicht. Klingt fast nach Ablasshandel.

Mattern: Meine Güte, warum denn nicht. Besser so, als Augenwischerei mit vorgeblich nachhaltigen Investments zu betreiben.

mm: Wo zieht ein Sündeninvestor moralische Grenzen?

Mattern: Sechs der sieben Todsünden machen das Leben vor allem angenehm. Die Siebte macht das Leben sicherer: Ohne das Militär könnten wir Despoten und Terroristen nicht bekämpfen. Aber wir investieren zum Beispiel nicht in Rüstungsfirmen von denen bekannt ist, dass sie Streubomben herstellen. Das ist nämlich keine Sünde. Sondern eine Schweinerei.

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