Lebensversicherung Rendite fast halbiert

Wer finanziell vorsorgt, muss sich im Alter dennoch auf klaffende Lücken einstellen. Das gilt auch für die Lebensversicherung. Der Scheck an die Kunden zum Laufzeitende fällt erneut kleiner aus. Sollen die Unternehmen am Kapitalmarkt jetzt mehr riskieren?

Hamburg - Die Protagonisten der Lebensversicherung in Deutschland betonen gern, dass bislang kein Kunde Geld verloren hat, im Gegensatz zu vielen Aktiensparern. Das ist im Grundsatz richtig, die Branche hat wegen ihrer Aktienaversion die Börsenkrisen im vergangenen Jahrzehnt relativ glimpflich überstanden. Dennoch müssen sich Lebensversicherte auf klaffende Lücken in ihrer Altersvorsorge einstellen. Denn die Rendite ihrer Policen sinkt ein ums andere Jahr, und die Zinswende ist nicht in Sicht.

Lang laufende Verträge leiden unter der anhaltenden Niedrigzinspolitik der Notenbanken und der Risikoaversion der Lebensversicherer dabei weniger als Policen mit kürzerer Vertragszeit. Im Jahr 1999 warf eine Kapitallebensversicherung nach 30 Jahren Laufzeit eine Rendite von 7,14 Prozent auf den Sparanteil ab, in diesem Jahr sind es im Marktschnitt noch 5,81 Prozent, hat der Branchendienst Map-Report analysiert. Schlechter fällt die Bilanz für einen Zwölfjahresvertrag aus: Im Vergleichszeitraum ist die Rendite hier von 6,78 Prozent auf 3,83 Prozent gefallen.

Diese Angaben beziehen sich auf den Sparanteil, also den um die Vertragsabschluss- und Verwaltungskosten bereinigten Anteil der Prämie. Bezogen auf den gesamten Beitrag muss der Versicherte angesichts der präsentierten Rechnung schon tief durchatmen: Bei einem Zwölfjahresvertrag hat sich laut Map-Report die Rendite im Vergleichzeitraum von 6,22 Prozent auf 3,36 Prozent nahezu halbiert.

Ein potenzieller Kunde sollte vor Vertragsabschluss die Angebote zwingend vergleichen. Denn eine Reihe von Anbietern erwirtschaftet weit mehr als den Marktschnitt - und das seit Jahren. Es empfiehlt sich auch, auf die garantierten Ablaufleistungen zu achten. Denn die in der Vergangenheit gezahlten Überschussgewinne sind in der Regel für die Zukunft eben nicht garantiert.

Für eine langfristige Vorsorgestrategie empfehlen die unabhängigen Experten von Map-Report einmal mehr den Genossenschaftskonzern Debeka. Der Versicherungsverein überweist seinen Kunden in diesem Jahr nach 30 Jahren Laufzeit (1200 Euro Jahresbeitrag) eine Ablaufleistung von 108.825 Euro, was einer Rendite auf den Beitrag von 6,42 Prozent entspricht. Ein gleichlautender Vertrag des Sparkassenversicherers Neue Leben würde 104.499 Euro abwerfen (6,21 Prozent) und der des Direktversicherers Europa immerhin noch 99.065 Euro bei einer Rendite von 5,92 Prozent. Die schwächsten der von Map-Report untersuchten Anbieter überweisen ihren Kunden gerade knapp 80.000 Euro.

Damit an dieser Stelle kein Missverständnis entsteht: Auch die Kunden der besten deutschen Lebensversicherer haben in der Vergangenheit fallende Ablaufleistungen hinnehmen müssen. Zum Beispiel warf laut Map-Report ein 30-Jahresvertrag der Debeka im Jahr 2005 noch die stolze Summe von rund 125.000 Euro ab. Allerdings bleibt auch in diesem Jahr der Abstand zwischen dem Marktführer und dem Marktschnitt mit rund 22.000 Euro abweichender Ablaufleistung groß, gar 30.000 Euro Differenz sind es im Vergleich zu den schwächsten Anbietern.

"Soll die Branche jetzt etwa Griechenland-Bonds kaufen?"

Trotz beherzter Appelle so mancher Experten meiden deutsche Lebensversicherer nach wie vor die Aktienmärkte. Maximilian Zimmerer, Vorsitzender des GDV-Hauptausschusses Lebensversicherung, schätzt die mittlere Aktienquote nach Absicherungsinstrumenten der Branche auf rund 3 Prozent. Knapp 85 Prozent des Anlagekapitals ist in festverzinslichen Wertpapieren investiert, ein Großteil davon in Bankenpapiere jeglicher Art.

Der Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV) sieht die Branche damit gleichwohl auf dem richtigen Weg: "Wenn man die Aktienkursschwankungen allein im ersten Quartal 2010 betrachtet, ist nachvollziehbar, warum die Lebensversicherer eine vorsichtige Anlagestrategie fahren und warum unsere Kunden gerade jetzt Produkte mit einer Garantieverzinsung bevorzugen", ist Zimmerer überzeugt.

Klar ist aber auch: Sollten die Lebensversicherer ihre Anlagestrategie über viele weitere Jahre so risikoscheu gestalten, dürfte es den vielen Anbietern nicht gelingen, die klaffenden Vorsorgelücken ihrer Klientel zu schließen. Denn fallende Zinsgewinne am Kapitalmarkt lassen sich in der Überschussbeteiligung nicht dauerhaft durch verschärftes Kostenmanagement und zuletzt wieder steigende Risikogewinne kompensieren. Risikogewinne entstehen in der Lebensversicherung, wenn weniger Menschen vorzeitig sterben und einkalkulierte Beiträge für den Todesfallschutz nicht im kalkulierten Umfang benötigt werden.

Laut Finanzaufsicht kletterte zwischen den Jahren 2002 und 2008 der Erlösbeitrag der Risikogewinne um rund zwei Milliarden Euro auf 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2008. Im Krisenjahr 2008 betrug das erwirtschaftete Kapitalanlageergebnis der gesamten Branche gerade 'mal 890 Millionen Euro. Das Ergebnis dürfte sich wegen der entspannten Marktverhältnisse im vergangenen Jahr aber deutlich verbessert haben. Laut GDV hätten sich die Kapitalanlagen der Branche im Schnitt mit 4,2 Prozent verzinst, nach rund 3,6 Prozent im Krisenjahr. Mit einer womöglich erhöhten Risikofreude der Lebensversicherer hat dies jedoch nicht viel zu tun.

"Soll sich die Branche jetzt in Griechenland-Bonds stürzen?"

Allerdings warnt auch Map-Report-Chef Manfred Poweleit die Branche davor, am Kapitalmarkt größere Risiken einzugehen. "Sollen sich die Lebensversicherer jetzt in Griechenland-Bonds stürzen?", fragt Poweleit ketzerisch. Dabei geht der Experte durchaus davon aus, dass so mancher kapitalkräftige Anbieter bei den hochverzinsten Griechenland-Anleihen mit von der Partie ist. Das Anlageziel der langfristig orientierten Branche könne letztlich aber nur eine "vergleichsweise hohe, risikobereinigte Rendite" sein.

Die Alternativen für den Sparer seien indes auch sehr begrenzt. Vielfach stünde die Chance auf höhere Renditen in keinem Verhältnis zum steigenden Risiko, ist Analyst Poweleit überzeugt: "Der Renditevorsprung von Fondssparplänen gegenüber der Lebensversicherung ist auf lange Sicht minimal. Das Risiko aber steigt um den Faktor zwölf."