Lebensversicherer Gefährliche Blasen mit frischem Geld

Solvente Kunden haben die Lebensversicherer 2009 mit vielen hohen Einmalbeiträgen gestützt. Doch die Risiken dieser bankähnlichen Geschäfte sind groß, warnen Experten. Zudem gehen sie zu Lasten aller Versicherten: Diese müssen nun mit einer fallenden Verzinsung rechnen.

Hamburg - Die deutschen Lebensversicherer haben im vergangenen Jahr wieder mehr Geld an den Kapitalmärkten verdient und die Bewertungsreserven in ihren Bilanzen deutlich steigern können. Nach Informationen der Ratingagentur Fitch sind auch die gebuchten Beiträge angestiegen. Dennoch geben die Experten keine Entwarnung und behalten ihren negativen Ausblick für die Branche bei. Sie sorgen sich um die Qualität und Nachhaltigkeit des Neugeschäfts und sehen das niedrige Zinsumfeld als eine Bedrohung für die Branche.

Die Kapitalanlagen der Lebensversicherer haben sich im vergangenen Jahr netto mit 4 Prozent verzinst (2008: 3,4 Prozent), schätzt Fitch. Neben der allgemeinen Erholung an den Kapitalmärkten habe dazu vor allem ein hoher Koupon bei den festverzinslichen Anlagen von durchschnittlich 4,5 Prozent beigetragen. Dabei hätten die Anbieter angesichts des niedrigen Zinsumfeldes in ihrem Kapitalanlagebestand erheblich umgeschichtet.

Um die Renditen ihrer Kunden aufzufrischen investierten die Lebensversicherer mehr Geld in höher verzinste Staats- und Unternehmensanleihen. Fitch geht davon aus, dass die Branche im vergangenen Jahr ihre Investitionen in Unternehmensanleihen (ohne Finanzinstitute) und Staatsanleihen (ohne Deutschland) mehr als verdoppelt hat. So habe sich im Schnitt der Anteil der Unternehmensanleihen auf rund 4,7 Prozent (2008: 1,8 Prozent) erhöht. Einzelne Gesellschaften hätten diesen Anteil sogar in einen zweistelligen Prozentbereich ausgeweitet, schreiben die Versicherungsexperten in ihrem jüngsten Report.

Das Neugeschäft der Branche war im vergangenen Jahr maßgeblich von hohen Einmalbeiträgen geprägt, analysiert Fitch. Nach jüngsten Hochrechnungen dürften die Einmalbeiträge gegenüber dem Vorjahr um mehr als die Hälfte auf bis zu 20 Milliarden Euro angestiegen sein. Das Neugeschäft gegen laufenden Beitrag dagegen, also der herkömmliche Sparvertrag, fiel dagegen um mehr als 17 Prozent und spülte gerade noch knapp sechs Milliarden Euro in die Kassen der Lebensversicherer. Im Ergebnis habe die Branche ihre gebuchten Bruttobeiträge um 6,5 Prozent steigern können, schätzt Tim Ockenga, Senior Director bei Fitch Ratings.

Zwar ist auch in anderen europäischen Ländern das Einmalbeitragsgeschäft gewachsen. Fitch interpretiert das Ausmaß allerdings als strukturelle Schwäche des Neugeschäfts. Denn der hohe Neuzugang gegen Einmalbetrag sei "zum Großteil auf eher kurzfristige Kapitalisierungsgeschäfte zurückzuführen".

Mit anderen Worten: Die Versicherer locken die Kunden mit Kontrakten, die vergleichsweise hohe Zinsen bei kurzen Laufzeiten bieten und oft nur geringe bis gar keine versicherungstechnischen Risiken enthalten. Da die Rendite dieser Verträge zumeist höher liegt als die Lebensversicherer sie selbst am Kapitalmarkt kurzfristig erzielen können, belastet dieses Geschäft vor allem die Altkunden. "Damit plündern die Unternehmen das eigene Versichertenkollektiv", zeigt sich Analyst Carsten Zielke von der Société Générale über diese Praxis verärgert.

Prämienwachstum nicht nachhaltig

Lebensversicherer bieten damit im Grunde Bankprodukte an, was ihr Geschäft allerdings deutlich schwankungsanfälliger macht. Denn sollten die Kapitalmarktzinsen steigen und die Kunden anderen Produkten eine ähnlich hohe Attraktivität wie Versicherungspolicen zugestehen, werden sie ihr Geld schnell wieder abziehen. Oftmals seien die Verträge so ausgelegt, dass sie dabei noch nicht einmal Stornogebühren bezahlen müssten, sagt Zielke.

Volatilität und Liquiditätsrisiko steigen

Fitch bewertet das Prämienwachstum der Lebensversicherer über derlei Kapitalisierungsprodukte daher auch als nicht nachhaltig. Durch seinen großen Anteil am Neugeschäft berge es die Gefahr erheblicher Schwankungen in den Kapitalanlagevolumnia. Im zeitlichen Zusammenspiel mit anderen Faktoren, etwa steigenden Stornoquoten und hohen Ablaufleistungen des regulären Bestandes erhöhe sich für den Versicherer zugleich das Liquiditätsrisiko. Das Ablauf- und Liquiditätsmanagement eines Lebensversicherers werde daher in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen, ist Fitch überzeugt.

Laut Fitch haben sich die Bewertungsreserven der Lebensversicherer im vergangenen Jahr auf rund 18 Milliarden Euro oder 2,5 Prozent (2008: 1,5 Prozent) der Kapitalanlagen erholt. Zum einen ist dies den steigenden Kapitalmärkten geschuldet. Bewertungsgewinne bei noch gehaltenen Aktien und sich verringernde Spreads für festverzinsliche Wertpapiere glichen die im Jahr 2008 unterlassen Abschreibungen zu einem erheblichen Teil wieder aus, schreibt Fitch. Zum andern führte der Rückgang der langfristigen Zinsen zu "großen Bewertungsgewinnen bei festverzinslichen Wertpapieren" und damit steigenden Reserven.

Ein anhaltend niedriges Zinsumfeld bleibt jedoch das Damoklesschwert für die Branche. Zwar könnten die Lebensversicherer ein Niedrigzinsszenario nach japanischem Muster "über längere Zeit" durchstehen, also die zugesagten Garantien von durchschnittlich 3,4 Prozent auf den Sparbeitrag einhalten, ist Fitch überzeugt. Bei den Überschusszahlungen dürften die Kunden dann aber nicht mehr viel erwarten. "Sollten die Zinsen länger auf dem jetzigen Niveau bleiben, ist für die Zukunft von einer deutlicheren Senkung der Überschussbeteiligungen auszugehen", sagt Ockenga voraus. Für das laufende Jahr zahlt die Branche ihren Kunden im Schnitt noch eine Verzinsung von 4,2 Prozent.

Ernsthafte Probleme unter den Anbietern hinsichtlich ihrer Kapitalausstattung und Solvabiltät erwarten die Experten von Fitch derzeit nicht. Trotz der Erholungstendenz im vergangen Jahr beurteilen die Analysten die Branche ausblickend gleichwohl "negativ". Den hohen Stellenwert des Geschäfts gegen zumeist sechsstellige Einmalbeiträge halten sie für problematisch und das niedrige Zinsumfeld als ernste Herausforderung für die Branche. "Den Versicherern bleibt keine Atempause", warnt Analyst Ockenga.

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