Russland "Die Mär vom Reich des Bösen"

Russlands Wirtschaft soll modernisiert werden, sagt Präsident Dmitri Medwedew. Wie ernst ist diese Ankündigung zu nehmen und wie sieht der künftige Kurs des ehemaligen Zarenreichs aus? Elena Shaftan ist Fondsmanagerin bei Jupiter Asset Management und investiert das Geld ihrer Kunden unter anderem in Russland.
Von Arne Gottschalck

mm: Frau Shaftan, Präsident Dmitri Medwedew hat vor einigen Tagen eine viel beachtete Rede gehalten, in der er sagte, er wolle Russlands Wirtschaft modernisieren. War das nun ein echter Paradigmenwechsel oder nur eine Schau für die Galerie?

Shaftan: Interessant, dass Sie fragen, das habe ich mich auch gefragt. Nach meiner Einschätzung ist das aber durchaus mehr als nur eine Theatervorstellung, es ist Teil einer Strategie. Die russische Regierung versucht seit einiger Zeit, die Wirtschaft zu modernisieren.

mm: Im Westen scheint das aber nicht so recht anzukommen.

Shaftan: Ja, weil dort Russland immer wieder gern als Reich des Bösen wahrgenommen wird.

mm: Aber es gibt immer wieder Fälle, die so ein Bild nicht gerade abschwächen, um es einmal vorsichtig zu sagen.

Shaftan: Ja. Das passiert zum Beispiel dann, wenn man sich in ein Joint Venture begibt, ohne die Aktienmehrheit daran zu halten. Das geht nirgends gut. Abgesehen davon gibt es in Russland wie anderswo lokale Gepflogenheiten. Und eine ist: Nie etwas gegen die Pläne der Regierung zu machen.

mm: Das klingt ein bisschen nach dem alten Russland-Klischee. Ich dachte, einige russische Politiker träumen davon, Russland in der EU zu sehen.

Shaftan: Westeuropäer mögen davon träumen, aber nicht die Russen selbst. Die wollen einen russischen Weg gehen, der dem Westen vielleicht etwas verschroben vorkommt.

mm: Wie viel dieser Entwicklung, dieser Öffnung, ist denn der Krise geschuldet - oder anders gefragt, geht es damit weiter, auch wenn der aktuelle Druck weg ist?

Shaftan: Wenn ich das wüsste! Im Ernst, das ist die zentrale Frage. Ich persönlich glaube, dass es damit weitergeht, weil Russland erkannt hat, dass es der richtige Weg ist.

Russlands gefährliches Öl

mm: Welche Rolle spielt das Gespann Putin und Medwedew für Russland?

Shaftan: Eine große. Es gibt den Mann für innen, das ist Putin. Er ist unglaublich beliebt. Für den Westen gibt es das Gesicht nach außen, Medwedew. Das muss man nicht mögen, aber es schafft Stabilität. Und die ist wiederum für Investoren wichtig.

mm: Das führt uns zu der Frage, wie Sie als Fondsmanagerin die Ankündigungen werten - allein dafür kann man sich noch nichts kaufen.

Shaftan: Es geht um Stabilität. Die ist in Russland gegeben. Und es geht um die richtige Richtung. Und auch die scheint eingeschlagen zu sein. Immerhin dreht sich jedes dritte Gerichtsverfahren derzeit um Korruption. Und die ist eine echte Geißel des Landes. Die Regierung erlaubt den Großkonzernen inzwischen auch Entlassungen. Das war früher nicht denkbar. Jetzt werden teilweise 20.000 Menschen in einem Unternehmen entlassen.

mm: Wenn ich mal etwas wider den Stachel löcken darf - den anderen BRIC-Ländern geht es recht gut, Russland scheint in der Krise zurückgefallen zu sein. Heißt es inzwischen BIC statt BRIC?

Shaftan: Es sah Anfang des Jahres tatsächlich so aus, weil Russland das einzige BRIC-Land war, das von der Klippe rutschte. Wie auch immer, wenn Sie sich die Wachstumsaussichten für die kommenden zwei Jahre anschauen - wenn Russland sich von der Rezession erholt, hat es die besten Gewinnchancen aller BRIC-Länder. Die Krise war auch ein wichtiger Faktor, um die Einstellung der russischen Regierung zu ändern.

Dass nun der Bedarf an westlichem Geld deutlich wurde, hat die PR-Maschine für die Bedürfnisse westlicher Investoren sensibilisiert. Und was wichtiger ist - die Regierung scheint entschlossen zu sein, die Ineffizienz der Wirtschaft anzugehen, und da hilft es, wenn der Ölpreis nicht deutlich über das aktuelle Niveau steigt und die Regierung nicht selbstgefällig wird, sondern das Problem weiter abarbeitet.

mm: Da muss ich nachfragen - der nur mittelmäßig hohe Ölpreis ist gut, weil ...?

Shaftan: Weil er Russland ausreichend mit Geld versorgt, aber nicht die Gefahr besteht, dass man sich zurücklehnt und nur aus den Rohstofferträgen finanziert.

mm: Wie rohstofflastig ist das russische Anlageuniversum eigentlich noch?

Shaftan: Solche Unternehmen sind noch immer dominant, doch es gibt inzwischen eine Reihe anderer Unternehmen, zum Beispiel aus dem Medienbereich oder dem Konsumbereich.

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