Bankenrettung Das unheimliche Solo der EZB

Die EZB ist vorgeprescht. Als einzige bedeutende Zentralbank hat sie Hilfsprogramme für Banken in der Finanzkrise zurückgestutzt. Portfoliomanager Markus Zschaber kann sich darauf keinen Reim machen und schreibt in einem Gastbeitrag für manager-magazin.de, warum das Solo der EZB den Frankfurter Aktienmarkt kein bisschen beruhigt. Aber schlimmsten Falls in einem Desaster enden wird. Für Deutschland. Für Europa.
Von Markus Zschaber

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Fakten geschaffen. Als erste Notenbank überhaupt hat sie einen Fahrplan entwickelt, wie sie jene Geldflut eindämmen will, die sie in höchster Finanzkrisennot in Europas Geldhäuser schwappen ließ. Jetzt steht der Fahrplan fest.

Die Banken in der Euro-Zone werden sich morgen in einer Woche zum letzten Mal die Taschen mit billigem Zentralbankgeld vollstopfen können. Zum Spottpreis von einem Prozent, für ein Jahr lang garantiert. Danach wird der Zinssatz an den künftig jeweils aktuellen Leitzins gekoppelt. Und damit ist die Notfallära beendet - schlimmsten Falls mit fatalen Nebenwirkungen. Für Europa. Für Deutschland.

Zentralbankchef Jean-Claude Trichet geht vorweg: Europas oberster Notenbanker hat die Krisenkonditionen für Geschäftsbanken begrenzt - und damit als erster Zentralbanker weltweit ein Stoppsignal gegeben

Zentralbankchef Jean-Claude Trichet geht vorweg: Europas oberster Notenbanker hat die Krisenkonditionen für Geschäftsbanken begrenzt - und damit als erster Zentralbanker weltweit ein Stoppsignal gegeben

Foto: REUTERS

Sobald die Währungshüter in Frankfurt am Main ihre Zinsen bis Dezember 2010 anheben, droht die Kreditklemme. Denn dann steigen die Kreditkosten der Banken, so dass die Geldhäuser mit Sicherheit noch weniger Geld als bisher schon zu passablen Konditionen etwa an Deutschlands Großindustrie vergeben können. Und nach Umfragedaten des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts ächzt die deutsche Industrie schon jetzt unter den hohen Anforderungen der Geldhäuser, unter denen sie das nötige Bare für ihren Geschäftsbetrieb bekommen können. Hunderttausende Frauen und Männer aber arbeiten bei den hiesigen Industrieunternehmen. Schon alleine deshalb hat die Europäische Zentralbank nach meinem Dafürhalten zu früh auf die Bremse getreten. Und dafür sprechen auch noch andere, nicht minder bedenkliche Umstände.

So funktioniert beispielsweise genau jener Geldmarkt noch immer nicht so ganz, auf dem sich die Geldhäuser untereinander mit Krediten versorgen - und den Europas Notenbanker mit ihrer Geldflut ja zurecht behelfsmäßig in Ordnung gebracht haben. Doch auch heute, Monate nach dem Beginn der Rettungsaktion der Europäischen Zentralbank, gibt es nach wie vor Banken, die anderen kein Kapital leihen. Gerade diese Geldhäuser dürften deshalb auch weiterhin dringend auf die Hilfskredite der Europäischen Zentralbank angewiesen sein. Das wird beispielsweise durch folgende Beobachtung gestützt:

Nicht wenige Finanzinstitute bringen kurzfristig überschüssig vorhandenes Geld lieber zu Minizinsen von 0,25 Prozent bei der Europäischen Zentralbank über Nacht in Sicherheit, als es sich gegenseitig zu leihen - obwohl sie so untereinander teilweise das Drei- bis Vierfache an Zinsen einstreichen würden. Für mich steht fest deshalb fest, dass die Banken noch immer nicht genau wissen, welcher anderen Bank sie eigentlich vertrauen können. Und wer welche Risiken in seinen Büchern versteckt hat. Das muss auch nicht überraschen, denn bis dato sind weniger als 50 Prozent der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erwarteten Abschreibungen im globalen Bankensystem überhaupt realisiert worden.

Fatal für Deutschlands Export

Man mag da einwenden, dass die IWF-Zahlen nur eine Schätzung des Problems sind. Das ist sicher richtig. Aber zusätzlich werden gerade jetzt die Bilanzen mancher Geldhäuser in Übersee auch noch durch Zwangsversteigerungen von Wohnimmobilien in den USA und einem sprunghaften Anstieg der Ausfallraten bei Konsumentenkrediten belastet. Und damit nicht genug.

Richtig schlecht wird es für uns laufen, wenn Europa die einzige industrialisierte Währungsunion der Welt bleiben sollte, deren Geldpolitik zeitnah gestrafft wird, um die Geldmenge zu reduzieren. Dann würde wohl noch mehr Kapital als bisher schon aus den USA in das momentan solidere Europa fließen - und der ohnehin längst angeschlagene Dollar würde noch mehr an Wert gegenüber dem Euro  verlieren. Schlimmer noch: Der Euro wertet dann parallel auch noch gegenüber all den vielen asiatischen Währungen auf, die sich faktisch an den Dollar gekettet haben. Die ohnehin bereits vorhandene Situation, dass der Dollar  als Carry-Trade-Währung genutzt wird, dürfte sich so noch verschärfen. Zu unseren Lasten.

Denn die Euro-Aufwertung wäre fatal für unsere Exportwirtschaft, die mit einer happigen Währungshypothek gegen die globale Konkurrenz anrennen müsste. Solch eine Belastung aber könnte für die Erholung der europäischen Konjunktur zu groß werden und die gesamtwirtschaftliche Stabilisierung im schlimmsten Fall deutlich zurückwerfen. Nicht zuletzt bei uns im exportlastigen Deutschland, dessen Wirtschaft bisher gerade zur Belebung in Europa insgesamt mit beigetragen hat.

Für mich steht deshalb fest, dass das Stoppsignal der Europäischen Zentralbank den deutschen Aktienmarkt auf einigen Umwegen nicht beruhigen, sondern vielmehr eine Zeit lang unglücklich pushen wird. Denn unsere laufende Liquiditätshausse dürfte jetzt nochmals durch US-amerikanisches und asiatisches Kapital angeheizt werden, das aus Sicherheitsgründen nach Euro-Land kommen wird.

Das wichtigste Signal für eine Beendigung der Liquiditätshausse kann deshalb wohl nicht die Europäische, sondern nur die US-Notenbank geben. Erst wenn sie beginnt die eigene Geldflutung ihres Bankensystems einzudämmen, wird auch unserer Liquiditätsrally Schritt für Schritt die Luft ausgehen und Deutschlands Aktienmarkt gesunden. Es gilt also einmal mehr, den Blick über den Atlantik zu richten.

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