Assetmanager Verdrossene Gesellschaft

Die deutsche Fondsbranche ist im Umbruch. Unstete Anleger, die Finanzkrise und die wachsende Regelungsdichte aus Brüssel schlagen den Fondsgesellschafen auf den Magen. Das Porträt einer verdrossenen Gesellschaft.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es ist grau über Deutschland, Regenschleier wechseln sich mit Windböen ab. Nur ab und zu blitzt die Sonne durch. Ein passendes Bild für den Zustand der Assetmanager in Deutschland, jener Industrie, die sich die Mehrung des Kapitals ihrer Kunden auf die Fahnen geschrieben hat.

Auf dem Papier steht es um die Fondsbranche gar nicht schlecht. Sie verwaltet in der Summe etwas mehr als 1,3 Billionen Euro. Und bei dieser Hochrechnung bleiben die Gelder jener Gesellschaften außen vor, die nicht im zentralen Verband gemeldet sind, dem Bundesverband Investment und Asset Management (BVI). Eigentlich könnte die Branche also zufrieden sein. Doch sie ist es nicht. Ganz so offen sagt man es in dieser Branche freilich nicht. Die Missstimmung zeigt sich vielmehr in Kleinigkeiten. In Hintergrundgesprächen, in denen Einsparungen oder gekappte Budgets eingestanden werden. Oder in nervösen Kurswechseln. Wenn Fondsgesellschaften sich erst auf den Endkunden konzentrieren, dann auf institutionelle Anleger, dann wieder auf den Endkunden. Es ist also nichts Offizielles. Aber es lässt sich hinter den Zahlenkolonnen, hinter den schimmernden Glasfronten erahnen.

Zum Beispiel, wenn man den Geldströmen etwas genauer hinterherspürt. Denn die schiere Menge des verwalteten Gelds allein lässt Fondsgesellschaften noch nicht prosperieren. Es kommt für sie darauf an, wie viel sie von diesem Geld als Gebühren vereinnahmen können. Nach Kosten. Der Kauf eines Aktienfonds zum Beispiel kostet den Kunden gut 5 Prozent. Gut. Davon fließen aber teilweise bis zu 90 Prozent an den Vertrieb - wie zum Beispiel den AWD, aber auch den unabhängige Berater oder Banken. Für die Fondsgesellschaft bleibt also nicht viel übrig. Und was ist mit den jährlich fälligen Gebühren? Rund 1,5 Prozent sind für einen Aktienfonds im Schnitt zu zahlen. Aber auch davon wandert zunehmend mehr Geld in die Hände des Vertriebs. "Die Vertriebskosten in Europa sind deutlich höher als in den USA", sagt Peter Seethaler, Partner und Leiter Asset Management Consulting bei PricewaterhouseCoopers (PwC). "Unter Berücksichtigung der Vertriebskosten steigt die Differenz der Gesamtkosten im Vergleich zwischen Europa und USA auf 33 Prozent an." Noch enger wird die Kalkulation, wenn in Rechnung gestellt wird, wessen Gelder die Fondsgesellschaften verwalten. Die Gelder der Privatanleger, aber auch der Profiinvestoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen. Doch Letztere zahlen deutlich geringere Gebühren. Das Gleiche gilt für Rentenfonds, die sowieso weniger kosten als Aktienfonds und den Anbietern weniger Raum lassen. Umso wichtiger ist es für die Unternehmen, so viel Geld wie möglich zu verwalten.

Über die Zukunft der Fondsbranche wird daher auch das Vertrauen der Deutschen in die Kapitalmärkte entscheiden. Ein offenbar schon fast kulturelles Problem. "Wenn man auf die Aktionärsquote schaut, sind wir im internationalen Vergleich nach wie vor ein 'Börsenentwicklungsland'", sagt zum Beispiel Norbert Welp, Vertriebschef von Pioneer Investments. "Die große Mehrheit der Deutschen ist in Finanzfragen sehr uninformiert. Dazu kommt ein sehr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis. Viele Bürger setzen auf das ertragsschwache Sparbuch, Chancen einer aktienbasierten Kapitalanlage für die eigenständige Altersvorsorge werden nur unzureichend genutzt." Und Clemens Schuerhoff, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Kommalpha, spricht von einem "wenig ausgeprägten Investment- und Vorsorgegedanken in Deutschland trotz hoher und steigender Sparquote" bei den Endanlegern. Entsprechend nervös flohen die Anleger in der Krise aus Aktienfonds. Diese Befindlichkeit trifft nicht nur die deutschen Fondsanbieter. Um die Jahrtausendwende kamen etliche angelsächsische Unternehmen nach Deutschland. Beseelt vom festen Glauben, die ihnen gewohnte Anlagemaxime - Aktien als zentraler Bestandteil der Geldanlage - auch auf Deutschland übertragen zu können. Sie wurden schnell eines Besseren belehrt.

Hausgemachte Probleme

Die Konkurrenz wächst dennoch. "Die zunehmende Nachfrage nach passiven Produkten - wie insbesondere Exchange Traded Funds (ETFs) - verstärkt den Preis- und Kostendruck auf die Anbieter erheblich", analysiert PwC-Partner Seethaler. Zu eben jenen ETFs kommt der Druck durch den deutschen Klassiker, der Lebensversicherung. Mit rund 80 Millionen dieser Verträge in Deutschland hat fast jeder Einwohner einen - vom Baby bis zum Greis. Und je mehr der Fondsmarkt in der EU zusammenwächst, umso schärfer wird der Wettbewerb. Denn neue Gesellschaften kommen nach Deutschland. Die amerikanische Vanguard zum Beispiel, oder die britische Neptune Asset Management. "Wir sind seit 2008 in Deutschland aktiv - weil das für uns der Schlüsselmarkt ist", sagt Paul Boughton, Vertriebschef Europa von Neptune.

Hausgemachte Probleme verschärfen die Situation noch. "Zu viele Fonds und vor allem zu viele kleine Fonds, häufig marketinggetriebene Aktivitäten", kennzeichnet Schuerhoff zwei der Baustellen. Sein etwas böses Wort: "Der Branche ging es viel zu lang zu gut." Und nur auf den ersten Blick lobt PwC-Berater Seethaler: "Die Stückkosten deutscher Kapitalanlagegesellschaften können sich im europäischen und US-amerikanischen Vergleich durchaus sehen lassen. Auch die Abläufe sind effizient organisiert." Es folgt ein Aber. "Allerdings werden Neugeldzuflüsse von den Vertrieben überwiegend in Neuprodukte gelenkt, sodass die Fonds teilweise im Ergebnis zu kleine Volumina aufweisen." Und Jörg Ambrosius ergänzt: "Die deutsche Fondsbranche steht vor erheblichen Umwälzungen. Es wird weitere Zusammenschlüsse geben, und manche Anbieter dürften verschwinden." Der Geschäftsführer von State Street Deutschland weiter: "Die Fondsgesellschaften selbst werden sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, die Konzeption von Anlageprodukten mit guter Performance. Alles andere steht zur Disposition, die Fondsbuchhaltung, das Depotbanking, kurz: alles, was wir bei State Street mit 'Investment Servicing' bezeichnen. Der Grund ist, dass die Vermögensverwalter unter erheblichem Investitionsdruck stehen. Die Anforderungen an das Reporting zum Beispiel sind massiv gestiegen - nicht nur wegen der verschärften Bestimmungen. Institutionelle Kunden etwa wollen in immer kürzeren Zeitabständen über den aktuellen Stand ihres Depots informiert sein."

Auch der Gesetzgeber in Brüssel erhöht den Druck. Derzeit schmiedet er eine Regelung namens AIFM, der zufolge alternative Anlagen stärker kontrolliert werden sollen. Darunter fallen offenbar auch Spezialfonds. Mit harten Konsequenzen, heißt es auf der Internetpräsenz von Universal Investment: "Die Folgen für Investoren und Finanzbranche wären massiv: mehr Bürokratie, weniger Flexibilität in der Kapitalanlage und höhere Kosten." Länder, in denen diese Konstruktion unbekannt ist, dürfte diese Stoßrichtung kalt lassen. Nicht so in Deutschland, wo die Spezialfonds rund 700 Milliarden Euro bündeln. Dieses Geld würde entweder in andere Länder abwandern oder in Retailfonds fließen. Und was Profiinvestoren an der Seite von Privatanlegern anrichten können, zeigte sich im Oktober 2008. Vor allem sogenannte semiinstitutionelle Anleger, Dachfondsmanager zum Beispiel, zogen Milliarden aus den offenen Immobilienfonds ab, weil sie das Geld anderweitig benötigten. Mit der Folge, dass ein knappes Dutzend Fonds die Rücknahme der Anteilscheine aussetzte. Amtsdeutsch für den Effekt, dass Kunden nicht mehr an ihr Geld kamen.

Kein Wunder also, wenn Jochen Wiesbach, Geschäftsführer bei der DWS, hofft, dass die "AIFM im Lauf des Verfahrens abgemildert werden wird." Er hofft nicht allein. "Für Spezialfonds wird es sicherlich eine Ausnahmeregel geben, denn bei ihnen handelt es sich grundsätzlich um Renten- und Aktienfonds beziehungsweise gemischte Mandate und eine deutsche Eigenheit", sagt Murat Ünal, Vorstand der Beratungsgesellschaft Funds at Work.

Wachsende Konkurrenz

Die schrittweise Nivellierung des europäischen Markts durch Druck aus Brüssel wird die Situation noch weiter verschärfen. Lokale Bastionen werden fallen, neue Wettbewerber auftauchen. Die damit einhergehenden Fragen sind noch unbeantwortet. Es könnte sein, dass große Gesellschaften wie eine DWS oder eine Allianz Global Investors von diesem Trend profitieren. Immerhin haben sie "das entsprechende Backoffice", so die gängige Brancheneinschätzung.

Einige Experten haben da so ihre Zweifel. "Große Investmentgesellschaften werden von weiten Teilen der Ucits-IV-Reform, insbesondere dem EU-Pass für Verwaltungsgesellschaften und den damit beabsichtigten Effizienzgewinnen für die Branche, nur bedingt profitieren, da sie in verschiedenen Ländern bereits die kritische Masse erreicht haben und viele Geschäftsprozesse schon seit einiger Zeit grenzüberschreitend integriert sind"; sagt Berater Seethaler. "Großes Potenzial zur Kostensenkung hätte hingegen eine weitere Harmonisierung der Steuersystematiken auf EU-Ebene, da dies immer noch der Hauptgrund für die mehrfache Auflage ähnlicher Fondsprodukte in verschiedenen Ländern darstellt."

Eine komplexe Gemengelage also. Immerhin, es tut sich einiges. Zum Beispiel die Konsolidierung des Angebots läuft. "Auf der Produktseite läuft die Optimierung, das heißt es werden Fonds zusammengelegt, geschlossen oder repositioniert, um die Angebotspalette noch transparenter und übersichtlicher zu gestalten", sagt Wiesbach für die DWS. "Neue Produkte legen wir auf, wenn sich Opportunitäten bieten. Dabei soll Klarheit herrschen - zum Beispiel mit Laufzeitlösungen, das ist eine klare Ansage für den Kunden." Der Haken dabei: "Solange Fonds überwiegend ver- und weniger gekauft werden, hält bei Kapitalanlagegesellschaften der Trend an, durch Produktinnovationen vorrangig Modethemen zu bedienen", so PwC-Mann Seethaler. "Das erschwert es natürlich, den Altbestand an kleinen, unrentablen Fonds abbauen zu können."

Die Situation verschärft auch den Kampf um die Köpfe. Denn neue Produkte, die zum Beispiel in jeder Marktphase Geld verdienen wollen, brauchen andere Köpfe. Die Bedeutung des aktiven Fondsmanagements bleibt unverändert hoch", sagt zum Beispiel Tobias Geibies aus dem Produktmanagement der Union Investment. "Die ausgeprägte Schwankungsbreite der Indizes betont eher noch die Bedeutung des aktiven Managements von Chancen und Risiken in einem breit diversifizierten Portfolio."

Auch die Positionierungen werden langsam klarer - die Vollsortimenter auf der einen Seite und die Boutiquen auf der anderen. "Es wird weiter die großen Anbieter geben, die als Vollsortimenter mit den entsprechenden starken Vertriebskanälen am Markt sind", sagt Ambrosius. "Dabei wird die Bedeutung der Vertriebskapazitäten weiter stark zunehmen. Auf der anderen Seite werden sich kleinere, auf einzelne Produkte und Marktsegmente spezialisierte Nischenanbieter durchsetzen, die gerade was Produktinnovationen und maßgeschneiderte Produkte angeht, schneller auf spezifische Kundenwünsche reagieren können."

"Du bist Deutschland"

Viel Arbeit liegt also noch vor den Unternehmen, einiges wurde bereits geschafft. Noch einmal Berater Schuerhoff: "Die Branche arbeitet an fast allen genannten Themen. Allerdings ist meine Einschätzung, dass noch viel Handlungsbedarf besteht." Klar, ein solch komplexes System umzubauen, kostet Zeit.

Und in der Zwischenzeit? Versuchen die Gesellschaften auch an ihrem Image zu arbeiten. Oliver Kahn für die DWS, Günter Netzer für Allianz Global Investors. Wie Fußball allerdings grundsätzlich funktioniert, dazu schweigt die Branche. Freilich, die Abseitsfalle ist in Deutschland hinlänglich bekannt. Doch was ist mit dem Ausgabeaufschlag? Läge es daher nicht nahe, den grundsätzlichen Anlagegedanken in Deutschland zu bewerben, nicht nur die Leistungsversprechen Einzelner? Und damit nicht nur jene Menschen anzusprechen, die ihr Geld sowieso schon selbstständig investieren? Nach Informationen von manager-magazin.de wird das im BVI durchaus diskutiert.

Freilich, eine jahrelange Werbekampagne, wie sie offenbar einigen vorschwebt, kostet Geld. Aber sie könnte einige der Probleme der Fondsgesellschaften ausräumen. Statt "Du bist Deutschland" einfach "Du bist Anleger" - das wäre es doch.