Affäre um Kundendaten "Postbank nur die Spitze des Eisberges"

Deutschlands Versicherungskaufleute schießen gegen Banken und Sparkassen. "Der Datenskandal der Postbank ist nur die Spitze des Eisberges", sagt ihr Präsident Michael Heinz. Viele Institute nutzten die Kontendaten ihrer Kunden zum Versicherungsvertrieb. Doch auch innerhalb der Assekuranz werde der Wettbewerb ruppiger, sagen Insider.

Hamburg/Dortmund - Die Postbank  ist mit ihrer rechtlich umstrittenen Nutzung von Kundendaten zu Vertriebszwecken ins Zwielicht geraten. Nach Einschätzung des Bundesverbandes der Versicherungskaufleute (BVK) steht Deutschlands größte Privatkundenbank mit dieser Praxis indes nicht allein. "Der Datenskandal der Postbank ist nur die Spitze des Eisberges", sagt BVK-Präsident Michael H. Heinz im Gespräch mit manager-magazin.de. Aus der täglichen Praxis seiner Mitglieder wisse der BVK, dass Banken und Finanzdienstleister "massenhaft die Kontodaten für andere Geschäftszwecke nutzen".

Laut Heinz verwendeten Banken, Sparkassen aber auch Genossenschaftsbanken die Kontoinformationen, um Kunden zusätzliche Verträge von Versicherungstöchtern oder kooperierenden Versicherungsfirmen aufzudrängen. Öfter aber versuchten sie auf diesem Wege die Verbraucher zu überreden, ihre alten Verträge zu kündigen, um das so frei gewordene Geld in eine neuen Vertrag einzuzahlen. Banken deckten auf diese Weise Kundenverträge systematisch um. "Banker und Beschäftigte banknaher Vertriebe haben uns diese Praxis massenhaft bestätigt", versichert Heinz. Der Grund dafür. Die Angestellten seien einem "enormen Vertriebsdruck ihrer Vorgesetzten ausgesetzt". Viele reize aber auch die Aussicht auf Provision, die bei Abschluss eines Versicherungsvertrages entsteht.

Scharf kritisiert Heinz zudem, dass Kreditinstitute in Deutschland angeblich die Darlehensvergabe oder die Kreditkonditionen immer öfter von dem gleichzeitigen Abschluss einer Versicherung bei einem dem Institut angegliederten Assekuranzdienst abhängig machten. Das können Kreditsicherungspolicen oder auch Sach- und Gewerbeversicherungen sein. Der BVK-Präsident aber auch andere Beobachter sehen in diesen "Kopplungsgeschäften" einen Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz.

Der Verband kritisiert schon seit geraumer Zeit eine in seinen Augen sich verändernde Geschäftspolitik der Geldinstitute. Im Mai dieses Jahres  forderte der BVK deshalb den Gesetzgeber auf, die Verwendung von Bankkundendaten zur weiteren Akquisition, die über die bestehende eigentlich Vertragsbeziehung hinausgeht, zu untersagen und damit den aus seiner Sicht unlauteren Wettbewerbsvorteil der Banken zu beseitigen.

Nach Erfahrungen des BVK sähen sich indes nicht nur Privatpersonen, sondern schon längst auch Unternehmen den Abwerbungsversuchen und dem Druck von Banken ausgesetzt. "Kleinere und mittlere Unternehmen bekommen sogar schriftlich von den Kreditinstituten bescheinigt, dass sie ein Darlehen nur im Zusammenhang mit dem Kauf bestimmter Versicherungen erhalten", sagt Heinz.

Banken und Sparkassen weisen Verdacht zurück

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband weist die Vorwürfe zurück. "Wir können das nicht nachvollziehen", erklärt DSGV-Sprecherin Michaela Roth auf Anfrage von manager-magazin.de. Die Sparkassen berieten ihre Kunden nach einem ganzheitlichen Beratungsansatz, dem Sparkassen-Finanzkonzept. Dabei würden die bereits getätigten Anlagen ebenso erfasst wie die finanziellen Ziele und Möglichkeiten des Kunden. "Auf dieser Basis erhält der Kunde individuelle Lösungen angeboten", sagt Roth und ergänzt: "Uns ist auch kein Fall bekannt, bei dem ein Kunde einen Privatkredit nur zusammen mit einer Kreditausfallversicherung erhalten hat." Diese Produkte würden separat voneinander angeboten und könnten auch unabhäging voneinander abgeschlossen werden.

Beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) weist man den Verdacht des widerrechtlichen Gebrauchs von Kundendaten entschieden zurück: "Im genossenschaftlichen Finanzverbund ist klar geregelt, welche Bankmitarbeiter auf Kundendaten zugreifen können. Nur Mitarbeiter, die aufgrund ihres Arbeitsgebietes Zugriff auf jene Daten benötigen, besitzen die entsprechenden Rechte. Mitarbeiter der Verbundunternehmen dürfen nur dann auf die Daten zugreifen, wenn die schriftliche Erlaubnis des Kunden vorliegt", sagt BVR-Vorstand Andreas Martin gegenüber manager-magazin.de.

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland seien an dauerhaft zufriedenen Kunden und nicht kurzfristigen Vertriebserfolgen interessiert, führt Martin weiter aus. Philosophie der BVR-Mitglieder sei es, den Kunden umfassend zu beraten und ihm dann auf die Lebenssituation abgestimmte Produkte zu empfehlen. Die Kaufentscheidung obliege aber ihm selbst. Dies gelte analog für ergänzende Versicherungen. Der BVR-Vorstand weist deshalb ebenso den Verdacht der Kopplungsgeschäfte bei der Darlehensvergabe zurück. "Nur wenn der Kunde wünscht, bestehende Risiken im Zusammenhang mit einer Kreditaufnahme abzusichern, würde es auch im Rahmen der Kreditvergabe durch unsere Mitgliedsbanken zu einer Vereinbarung entsprechender Versicherungsverträge kommen", sagt Martin.

Auslöser für die scharfe Kritik des BVK ist, dass sich die Postbank seit Wochenbeginn dem Vorwurf des Datenmissbrauchs ausgesetzt sieht. Das Institut hat Kontodaten seiner Kunden an Tausende freie Handelvertreter weitergereicht. Die freien Vertreter der Postbank Finanzberatung AG hatten offenbar auch dann genauen Einblick in die Konten, wenn die Kunden dies im Vorfeld explizit untersagt hatten, berichtete "Stiftung Warentest". Nach Aussagen von Datenschützern ist diese Praxis rechtswidrig. Die Postbank wies die Vorwürfe zurück, sperrte aber gleichwohl Mitte dieser Woche den Zugriff der freien Handelsvertreter auf die Datenbanken, bis die Rechtslage mit der zuständigen Datenschutzstelle endgültig geklärt sei.

"Umdeckung" - wie Vermittler schnell fettes Geld verdienen

Klar ist: Der Kampf um den Kunden wird immer härter. Vor allem dort, wo die Allfinanz-Idee nach wie vor gelebt wird, Banken und Kreditinstitute also eng mit ihren Versicherungstöchtern kooperieren, darf sich der Kunde über die direkte Ansprache und immer wieder neue Angebote aus beiden Branchen nicht wundern. Nur selten wird er dabei aber auf die Idee kommen, dass der freundliche und unbekannte Berater am Telefon die Informationen für den vermeintlichen Versicherungs- oder Geldanlagebedarf aus der Analyse von Girokonto-Bewegungen und/oder bestehenden Versicherungsverträgen abgeleitet hat.

Selbst eng miteinander verflochtene Institute gehen dabei nicht gerade zimperlich miteinander um, berichten Insider trotz aller Dementi aus der Bankenbranche. Immer wieder käme es vor, dass Banker Kunden überredeten, ihren Versicherungsvertrag bei der kooperierenden Versicherungstochter zu kündigen, um dann einen neuen Kontrakt über die Bank bei der gleichen Versicherung abzuschließen. Nur fließe die dann anfallende Provision eben dem Banker zu. Dass der Kunde unter dem Strich womöglich schlechter dasteht, werde bei solchen Umdeckungen gern verschwiegen. "Es geht nicht darum, dem Kunden etwas Gutes zu tun, sondern die Verkaufsvorgaben zu erfüllen", weiß auch Manfred Poweleit vom Versicherungsfachdienst Map-Report zu berichten.

Doch nicht nur Geldinstitute und Versicherer, auch Versicherer und Finanzvertriebe untereinander versuchten laufend, sich die Kunden abzujagen. In der Branche existieren Schätzungen, dass mindestens jeder vierte neu abgeschlossene Versicherungsvertrag in Deutschland aufgrund solcher "Umdeckungen" zustande kommt - für den Kunden lohne sich das nur selten.

Einer aber profitiert immer: der Vermittler. "In der privaten Krankenversicherung beobachten wir zusehends, dass sich Vermittler auf das Umdecken von Verträgen spezialisieren", sagt Poweleit. Dabei sei es oft sogar derselbe Vermittler, der seinem Kunden erst eine private Krankenversicherung verkauft, um ihn dann zwei Jahre später zu einem Anbieterwechsel zu bewegen. "Gelingt ihm das in nur fünf Fällen, hat der Vermittler ohne große Anstrengungen bis zu vier Jahresbeiträge verdient", rechnet Poweleit vor.

Offizielle Erhebungen für diese Umdeckungspraxis - sei es nun durch Banker oder Versicherungsvermittler initiiert - gibt es allerdings nicht. Beim Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV) hat man zu diesem Marktgebaren gleichwohl eine klare Position: "Wir verurteilen diese Praxis ausdrücklich. Denn für den Kunden ist ein Vertragswechsel oft mit Nachteilen verbunden", sagt Sprecherin Ulrike Pott. Verbraucherschützer als auch die GDV-Sprecherin empfehlen den Kunden, sich von unabhängiger Stelle möglichst genau vorrechnen zu lassen, ob sich ein Vertragswechsel lohnt.

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