Geldanlage "Diversifikation wird sich wieder lohnen"

Ob Dax, Euro, Gold, Rohstoffe oder Firmenanleihen - viele Märkte streben derzeit klar nach oben. Es scheint so, als ob Investoren wahllos zugreifen. Spielen Selektion und Diversifikation keine Rolle mehr? Raimund Saxinger von Frankfurt Trust geht davon aus, dass Investoren bald wieder stärker differenzieren - damit wächst das Rückschlagpotenzial für einige aktuelle Anlegerlieblinge.

mm.de: Herr Saxinger, warum sehen wir gerade jetzt in so vielen Bereichen Höchststände?

Wenn alles steigt: Ob Aktien, Gold oder andere Asset-Klassen - die Investoren greifen derzeit scheinbar wahllos zu

Wenn alles steigt: Ob Aktien, Gold oder andere Asset-Klassen - die Investoren greifen derzeit scheinbar wahllos zu

Foto: Corbis

Saxinger: Nach der Lehman-Pleite hatte sich die Risikoaversion der Anleger stark erhöht. Im Grunde waren nur Geldmarktanlagen gesucht und das nur bei allerbesten Adressen. Beginnend mit diesem März wagten sich die ersten Investoren wieder aus der Deckung und setzten verstärkt auf riskantere Assets wie Aktien oder Anleihen. Und da die Aufwärtsbewegung halbwegs nachhaltig zu sein schien, sprangen immer mehr Anleger auf diesen Zug. Die Hausse nährt im Grunde die Hausse.

mm.de: Wie erklären Sie das Phänomen, dass sich gleich mehrere Asset-Klassen in die gleiche Richtung bewegen?

Saxinger: Der gemeinsame Nenner der jetzt besonders gefragten Asset-Klassen ist eben ihr höheres Risiko. Aktien und Unternehmensanleihen zum Beispiel bergen ein deutlich höheres Anlagerisiko als Geldmarktprodukte. Der Mut, in diese und andere riskantere Assets wie Gold zu investieren ist wieder zurück.

mm.de: Gilt Gold für gemeinhin nicht eher als sicherer Hafen denn als Risikoinvestment?

Saxinger: Ich sehe Gold in gewisser Weise schon als Risikoinvestment, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Gold oder auch Rohöl stehen in einem engen Verhältnis zum Dollar. Fällt der Greenback, steigen in der Regel die Preise für Gold und Rohstoffe oder umgekehrt.

mm.de: Halten Sie die Relation zwischen dem extrem starken Goldpreisanstieg und der aktuellen Dollar-Schwäche noch für schlüssig? Gibt es für dieses Phänomen noch andere Gründe?

Saxinger: Sicherlich. Manche Marktteilnehmer gehen offenbar davon aus, dass die Inflation infolge der Politik der Notenbanken massiv steigen wird. Wir teilen diese Einschätzung nicht. Zum einen passt diese Inflationserwartung aktuell nicht zur Entwicklung der Rentenmärkte. Würden die Rentenmärkte die Erwartung explodierender Inflationsraten teilen, müssten die langfristigen Zinsen auf anderen Niveaus notieren.

Sollte es zum anderen tatsächlich zu dem erwarteten Inflationsschub kommen, halten wir Gold nicht zwingend für den besten Inflationsschutz. Da sind andere Assets besser geeignet. Die gegenwärtige Euphorie nach dem Durchbrechen der 1000-Dollar-Marke könnte jetzt zwar den Goldpreis noch weiter nach oben tragen. Aus fundamentaler Sicht sehen wir aber deutliches Rückschlagpotenzial.

mm.de: Das Phänomen der gleichgerichteten Bewegung verschiedenster Asset-Klassen dürfte damit bald wieder verschwinden?

Saxinger: Ich denke ja. Oft sind nach Wendepunkten wie jetzt im März in einer ersten Phase nahezu alle Anlageklassen gefragt. Je länger aber eine Erholungsphase anhält, desto stärker differenzieren die Investoren. Das werden wir auch diesmal erleben.

mm.de: Derzeit aber, so scheint es, wird nicht groß diversifiziert. Man hat eher den Eindruck, es gilt das Prinzip Gießkanne. Hat die Portfoliotheorie von Markowitz, auf deren Grundlage viele Investmentstrategen ihre Anlageentscheidungen treffen, jetzt versagt?

Saxinger: Das würde ich nicht so sehen. Aber es wird zusehends schwieriger, danach zu handeln. Denn die Korrelationen zwischen den einzelnen Asset-Klassen haben in den vergangenen Jahren sichtbar zugenommen. Das heißt, ihre Wertentwicklung läuft nicht mehr so unabhängig voneinander. Wir hielten es schon immer für einen Trugschluss, aus der Globalisierung zu folgern, man müsse jetzt auch seine Anlagen stärker diversifizieren. Das Gegenteil ist der Fall: Im Zuge der Globalisierung nehmen die Vorteile der Diversifikation ab, und nicht zu. Wir erwarten allerdings, dass die Märkte künftig wieder weniger miteinander korrelieren werden und damit auch die Diversifikation in der Anlage wieder eine stärkere Bedeutung gewinnen wird.

Die Marktkorrelationen werden abnehmen

mm.de: Für welche Asset-Klassen sehen Sie die Voraussetzung möglichst geringer Korrelationen und damit die Chance für eine effektive Diversifizierung noch gegeben?

Saxinger: Generell sind Korrelationen dort niedriger, wo entweder Assets nicht als komplementär angesehen werden, oder Anleger aus rechtlichen und anderen Gründen nicht so leicht zwischen den unterschiedlichen Anlageklassen wechseln können. Bei Aktien und Immobilien ist das der Fall. Der Manager eines gemischten Fonds kann sich überlegen, ob er stärker in Aktien oder Renten investiert. Er wird aber niemals damit anfangen, Immobilien zu kaufen, das ist nicht sein Mandat. Deshalb sind der Aktien- und der Immobilienmarkt relativ stark voneinander abgeschottet und entwickeln sich weitgehend unabhängig voneinander.

mm.de: Macht Diversifikation jederzeit Sinn?

Saxinger: Es kommt auf die jeweilige Marktphase an. In manchen Phasen macht Diversifikation mehr Sinn als in anderen. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate zum Beispiel war nicht entscheidend, wie gut oder wie schlecht man diversifiziert war, es kam vielmehr auf das Timing an. Im September 2008 musste man im Grunde raus aus risikoreichen Anlagen und im März wieder rein. Sicher, diese Feststellung lässt sich im Nachhinein leicht formulieren. Fokussiert auf den Aspekt der Rendite wäre das aber die richtige Entscheidung gewesen.

mm.de: So einfach hätte es sein können. Und was sagt Ihr Blick in die Zukunft?

Saxinger: Auf mittlere Sicht dürften eindeutige Schwarz-Weiß-Entscheidungen in nächster Zeit kaum noch so möglich sein. Die Selektion wird nach unserer Auffassung wieder eine größere Rolle spielen. Das zeigt auch die historische Erfahrung. Nach einer Rezession der Wirtschaft und einer starken Baisse an den Finanzmärkten lässt sich in der Folge immer wieder eine gleichgerichtete Bewegung verschiedenster Asset-Klassen erkennen, später dann differenzieren die Anleger erneut deutlich stärker.

mm.de: Stellt sich damit nicht die Frage, welche Wertigkeit Konjunkturzyklen bei der Anlageentscheidung überhaupt noch haben?

Saxinger: Die Frage ist durchaus berechtigt. Konjunkturzyklen wird es selbstverständlich weiter geben. Man kann sicher darüber diskutieren, wie lang ein Zyklus andauert, wie stark die Bewegungen innerhalb des Zyklus ausfallen werden und wo er seine Spitze haben wird. Aber es wird weiterhin Zyklen geben, und sie werden die Anlageentscheidung auch mit beeinflussen.

mm.de: Und was macht ein Anleger, der Marktkorrelationen oder Konjunkturzyklen nur schlecht beurteilen kann? Wie kann er sein Portfolio diversifizieren?

Saxinger: Zum einen kennen wir die wissenschaftliche Diversifikation, wo Experten zahlreiche Zusammenhänge zwischen einzelnen Märkten analysieren und ihre Korrelationen berechnen. Zum anderen gibt es die sogenannte naive Diversifikation. Vereinfacht heißt das: Ohne wissenschaftliche Analyse streut der Investor sein Kapital auf eine bestimmte Anzahl gleich gewichteter Assets. Studien belegen, dass diese Strategie durchaus geeignet ist, um zum Beispiel Risiken in einem Aktienportfolio zu reduzieren.

mm.de: Naivität muss der Geldanlage also nicht abträglich sein - eine interessante These.

Saxinger: In einem gewissen Sinne trifft das durchaus zu. Es hat sich jedenfalls gezeigt, dass sich mit der naiven Diversifikation annähernd das Ergebnis mathematisch-statistischer Berechnungen erzielen und eine Investmentanlage durchaus sinnvoll diversifizieren lässt. Wohlgemerkt: Wir sprechen gerade vom Risiko, nicht von der Rendite! Ob nun auf die eine oder die andere Art: Der Anleger sollte die Diversifikation seines Portfolios nicht vernachlässigen. Denn sie wird sich in der Zukunft wieder stärker lohnen als in den vergangenen zwölf Monaten.

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