Altersvorsorge Mehr Rente für Kranke und Raucher

Schwere Krankheiten können sich rechnen. Das behaupten jedenfalls Anbieter von Rentenpolicen, die gefährdeten und kranken Menschen eine deutlich höhere Rente versprechen, weil sie im Schnitt kürzer leben. Geht die Rechnung auf? Die entsprechenden Produkte führen noch ein Nischendasein, die Branche verspricht sich aber viel davon.

Hamburg - Ob nun Diabetiker, Nierenkranker oder MS-Patient - meist zahlen kranke Menschen mehr für ihre Versicherung als gesunde Kunden. Der Grund liegt auf der Hand: Für ihren Berufsunfähigkeitsversicherer oder privaten Krankenversicherer stellen sie ein größeres Kostenrisiko dar.

In der privaten Rentenversicherung dagegen sollen Versicherte künftig von ihrer Krankheit profitieren können, wenn man den Werbebotschaften einzelner Anbieter Glauben schenkt. Die LV 1871 zum Beispiel bietet Kunden, die an multipler Sklerose erkrankt sind, eine um bis zu 198 Prozent höhere Monatsrente an. Wer krank ist, kommt bei der Rente also besser weg?

Kürzer leben, aber mit mehr Rente pro Monat: Starke Raucher, die unter Übergewicht und Herzproblemen leiden, sterben im Schnitt nachweislich früher. Lohnt sich für sie eine Sofortrente, die mit ihrer niedrigeren Lebenserwartung kalkuliert und deshalb eine höhere Rente verspricht?

Kürzer leben, aber mit mehr Rente pro Monat: Starke Raucher, die unter Übergewicht und Herzproblemen leiden, sterben im Schnitt nachweislich früher. Lohnt sich für sie eine Sofortrente, die mit ihrer niedrigeren Lebenserwartung kalkuliert und deshalb eine höhere Rente verspricht?

Foto: DPA

Der Gedanke mag irritieren, schließlich rechnen sich die meisten Rentenpolicen in Deutschland vor allem dann für den Kunden, wenn er gesund ist, also möglichst lange lebt und möglichst lange seine garantierte Rente bezieht. Die Idee, dem Kunden eine höhere Rente bei einer niedrigen Lebenserwartung zu zahlen, hat sich in der Produktwelt noch nicht durchgesetzt. Rentenpolicen, deren Kalkulation sich stark am persönlichen Gesundheitszustand und individuellen Risikoprofil eines Versicherten orientieren, fristen hierzulande noch ein Nischendasein.

76 Prozent höhere Rente bei Herzschwäche

Das könnte sich in Zukunft aber ändern. "Vor allem als Bestandteil einer Riester- oder Rürup-Rente sehen wir für solche Produkte eine sehr gute Zukunft. Der Markt ist da", sagt Klaus Math, Bereichsleiter Mathematik und Produktentwicklung der LV 1871.

Mit seiner "Extra-Rente" hat der Münchener Lebensversicherer in Deutschland Pionierarbeit geleistet. Sie ist als Sofortrente konzipiert, die nach erfolgreicher Risikoprüfung und einmaliger Einzahlung eines höheren Geldbetrags sofort mit der Rentenzahlung beginnt.

Anhand der Krankenbiografie des Kunden versuchen die Versicherungsmathematiker, seine vom statistischen Durchschnitt abweichende Lebenserwartung zu ermitteln und kalkulieren diese Abweichung bei der Rentenberechnung ein.

Demnach könnte ein Mann mit Herzschwäche eine bis zu 76 Prozent höhere Sofortrente beziehen als ein gleichaltriger gesunder Mann mit einer herkömmlichen Sofortrente desselben Anbieters. Die an Brustkrebs erkrankte Frau könnte sich gar über eine bis zu 83 Prozent höhere Rente freuen, verspricht die Werbung.

Anbieter verspricht bis zu 1100 Euro Rente monatlich

Verallgemeinern ließe sich das nicht, letztlich komme es immer auf den Einzelfall an, sagt Math und stellt klar: "Der Versicherte muss definitiv eine ärztlich attestierte schwere Krankheit haben, aus der sich eine verkürzte Lebenserwartung ergibt. Dann ist er ein möglicher Kandidat für die Extra-Rente." Von Werbeslogans wie "Rauchen für mehr Rente" hält der Lebensversicherer wenig. Ein starker Raucher, der sich trotz seines Nikotinkonsums laut Hausarzt oder Facharzt überraschend bester Gesundheit erfreut, fiele damit durch das Raster.

Der aus Liechtenstein agierende Versicherer Quantum Leben scheint ein größeres Kundenspektrum im Visier zu haben. Die über die Vertriebsgesellschaft Alternative Investments Deutschland (AID) seit knapp drei Jahren angebotene "Individualrente" zielt durchaus auch auf Raucher ab.

"Es muss nicht zwingend eine schwere Krankheit vorliegen. Das Gros unserer Kunden leidet unter Bluthochdruck, einem hohen Cholesterinspiegel und weist zudem in der Regel einen schlechten Body-Mass-Index auf", sagt AID-Geschäftsführer Rüdiger Vogel. Die "Individualrente" ist ebenfalls als sofort beginnende Leibrente gegen Einmalbetrag konzipiert. Auch sie berücksichtigt die anhand der Krankenbiografie des Kunden voraussichtlich niedrigere Lebenserwartung bei der Berechnung der Rentenhöhe.

Bei 100.000 Euro Einmalzahlung bis zu 1100 Euro Rente monatlich

Dazu ein der Redaktion vorliegendes Musterbeispiel: Ein stark übergewichtiger Raucher ohne größere Vorerkrankungen, der seit zehn Jahren mindestens 15 Zigaretten täglich konsumiert und dann mit 65 Jahren 100.000 Euro in diese Sofortrente mit fünfjähriger Rentengarantiezeit einzahlt, würde demnach eine monatliche Garantierente von 711 Euro beziehen. In einem zweiten Beispiel ist der Mann härter von Krankheit gezeichnet: Er leidet zusätzlich unter Diabetes sowie Bluthochdruck und hat einen Herzinfarkt samt Bypass-Operation hinter sich. Dieser Mann erzielte mit 915 Euro bei gleicher Einzahlung eine deutlich höhere Garantierente im Monat.

Je nach Krankheitsbild und Vorerkrankungen könne die von Quantum garantierte Individualrente bei besagter Einmalzahlung bis zu 1100 Euro betragen und damit bis zu 120 Prozent höher liegen, als eine Sofortrente sehr guter deutscher Anbieter, sagt Vogel. Dabei gilt es allerdings zu bedenken, dass die Quantum-Leben-Rente voll ausfinanziert ist und im Gegensatz zu den Mitbewerbern keine möglichen Überschüsse an den Kunden auszahlt.

Kürzeres Leben, höhere Leistungen

Im Vergleich zu Großbritannien, wo "Enhanced Annuities" (frei übersetzt: erweiterte Leistungen) im vergangenen Jahr den Anbietern ein Prämienvolumen von rund 1,7 Milliarden Euro in die Kasse spülten, backen die wenigen Anbieter hierzulande noch deutlich kleinere Brötchen. Am Erfolg der Individualrente, deren Kundengelder laut Quantum ausschließlich in einem festverzinslichen Anlageportfolio landen, zweifelt Vogel gleichwohl nicht.

"Wir werden in diesem Jahr allein mit der Individualrente rund 40 Millionen Euro Einmalbeiträge einfahren", sagt der AID-Geschäftsführer. Die Hannover Rück als Rückversicherungspartner der Quantum Leben und zahlreicher Anbieter in Großbritannien, traut dem deutschen Markt laut Vogel mittelfristig ein ähnliches Potenzial zu wie dem britischen.

Verbraucherschützer skeptisch

Auch die LV 1871 nennt keine detaillierten Zahlen zu ihrer Extra-Rente. Bislang hat der Lebensversicherer nach eigenen Angaben diese spezielle Rentenversicherung erst einige Hundert Mal verkauft. Im Gegensatz zur Quantum Leben, wo der durchschnittliche Einmalbetrag bei rund 130.000 Euro liege, hat die LV 1871 mit ihrem klassischen Maklervertrieb wohl auch die weniger vermögenden Kunden im Visier. In diesem Umfeld liegt womöglich das Problem der bereits seit knapp zehn Jahren bestehenden Extra-Rente, deutet Math an.

Kaum ein Versicherungsvermittler würde seinem Kunden am Wohnzimmertisch sagen: "Sie schauen aber schlecht aus, Sie sind bestimmt schwer krank, da hab' ich was für Sie."

Die Tatsache aber, dass die LV 1871 die Optionen der Extra-Rente seit Anfang dieses Jahres auch als Bestandteil der Riester- und Rürup-Rente anbietet, dürfte die Situation deutlich aufhellen, ist Produktentwickler Math überzeugt. In diesem Kontext sei es einfacher, schwere Erkrankungen und eine niedrigere Lebenserwartung zu thematisieren und auf die Option einer unter Umständen doppelt so hohen Rente hinzuweisen. "So wird die Extra-Rente für jeden attraktiv, der heute noch kerngesund ist, eine Krankheit zu Rentenbeginn aber natürlich nicht vorhersehen kann."

Verbraucherschützer zeigen sich skeptisch

Überzeugt ist Niels Nauhauser dagegen nicht. Der Finanzexperte von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg begrüßt grundsätzlich die Idee, auch in der privaten Rentenversicherung das individuelle Risikoprofil und damit womöglich eine kürzere Lebenserwartung in die Rentenberechnung einzubeziehen. Dennoch begegnet er diesen in Deutschland noch vergleichsweise neuen Produkten mit viel Skepsis.

Insbesondere würde er vom Kauf einer aufgeschobenen Rente abraten, wo der Kunde nicht einen Einmalbetrag investiert, sondern das Rentenguthaben viele Jahre lang anspart. "Wer als junger Mensch gesundheitlich vorbelastet ist, sollte sich das gut überlegen", sagt Nauhauser. Die Medizin mache erhebliche Fortschritte und der Kunde könnte das Geld womöglich besser für eine vielversprechende Therapie einsetzen.

"Kein Anbieter hat etwas zu verschenken"

Mit Blick auf die höheren Sofortrenten für Kranke rät der Experte erst recht zu einem kühlen Kopf: "Kein Anbieter hat etwas zu verschenken. Wie bei jeder Rentenversicherung müssen wir auch hier davon ausgehen, dass trotz Krankheit so kalkuliert wird, dass der Versicherer unter dem Strich noch ein Geschäft macht." Wenn ein Arzt seinem Patienten etwa eine Lebenserwartung von zwölf Jahren zugestehe, sollte dieser Alternativen zu der ausgelobten höheren Rente prüfen.

Der potenzielle Kunde sollte sich eine Vergleichsrechnung von einem unabhängigen Berater aufmachen und zeigen lassen, wie lange sein angespartes Geld bei einer alternativen Kapitalanlage bei gleich hoher monatlicher Auszahlung reichen könnte. Die Frage der Verfügbarkeit des Geldes sollte der Kunde ebenso bedenken. "Wir raten nur selten dazu, das Geld ganz aus der Hand zu geben und sich ausschließlich auf eine Rente zu fokussieren", sagt Nauhauser. Dies gelte umso mehr, wenn ein abgeschlossener Sofortrentenvertrag nicht kündbar ist und der Anbieter die Police auch nicht zurückkauft. Bei der Individualrente der Quantum Leben ist dies der Fall.

"Die entscheidende Frage lautet: Wie alt muss ich werden?"

Die Bedenken des unabhängigen Versicherungsmathematikers Axel Kleinlein zielen in die gleiche Richtung. Ein gesundheitlich angeschlagener Kunde, der sich auf ein kürzeres Leben einzustellen hat, sollte sich unbedingt eine Vorstellung darüber verschaffen, ob sich so ein Produkt für ihn auch nur näherungsweise rechnet. "Wie bei allen Rentenprodukten lautet auch hier die Frage: Wie alt muss ich werden, um zumindest das Geld herauszubekommen, das ich eingezahlt habe?", sagt der Experte.

Blicken wir dabei noch einmal auf die oben angeführten Musterbeispiele. Nach Kleinleins Berechnungen müsste der gesundheitlich angeschlagene 65-jährige Raucher mit einer garantierten Rente von 711 Euro monatlich mindestens elf weitere Jahre leben, um sein eingezahltes Geld wieder herauszubekommen. Strebt er eine Rendite von 2,5 Prozent auf den Einmalbetrag an, müsste der Kunde mindestens 13 weitere Lebensjahre hinter sich bringen, und bei einer unterstellten Rendite von 4 Prozent wären es mindestens 15 weitere Lebensjahre - das heißt der Mann müsste mindestens 80 Jahre alt werden.

Der schwer erkrankte Raucher wiederum, der bereits eine Herz-OP und/oder Krebsoperation halbwegs überstanden hat und eine monatliche Garantierente von rund 915 Euro beziehen könnte, müsste analog zu den erwarteten Renditen von 0 Prozent, 2,5 Prozent und 4 Prozent jeweils knapp neun, zehn oder elf weitere Jahre leben.

Lebenserwartung kühl kalkulieren - Transparenz bis zum Tod

"Vermutlich wird kaum ein Anbieter seinem Kunden diese Rechnung aufmachen wollen. Der Kunde sollte aber darauf drängen", sagt Kleinlein. Die in den beiden Musterbeispielen je nach Renditeziel versteckt unterstellte Lebenserwartung zu erreichen, dürfte vermutlich kein leichtes Unterfangen sein. "Ich halte das aber auch nicht für völlig ausgeschlossen", kommentiert der Versicherungsmathematiker den analysierten Sachverhalt.

Dass Quantum Leben hier nicht mit purem Altruismus an die Kalkulation geht, wird auch an einer anderen Tatsache deutlich. So rechnen die Lebensversicherer in Deutschland für einen 65-jährigen Raucher, der eine Risikolebensversicherung abschließt, mit einer Lebenserwartung von knapp 76 Jahren, wie Kleinlein sagt.

Zu einem Wettbewerbsnachteil der Individualrente von Quantum könnte nach Ansicht des Berliner Mathematikers ihre fehlende Überschussbeteiligung werden. Wer als normalgewichtiger Raucher ohne große gesundheitliche Belastungen gleichwohl eine Sofortrente kaufen wolle, sei voraussichtlich nur dann mit der Quantum-Rente besser gestellt, wenn er den klassischen Versicherern auf lange Sicht nicht mehr als ein Überschussniveau von 5,2 Prozent zutraut. "Wer den Versicherern mehr zutraut - etwa wegen einer erwarteten hohen Inflation -, ist selbst als Raucher mit einer herkömmlichen Sofortrente besser bedient", sagt Kleinlein.

Was also lässt sich einem Verbraucher raten, der den Kauf einer Sofortrente oder Rentenversicherung mit Ansparphase erwägt? Er sollte sich möglichst über die unterstellte Lebenserwartung eines Angebots Klarheit verschaffen - nicht nur der gesundheitlich angeschlagene Kunde. Selbstverständlich verfügt der Kunde dann "nur" über versicherungsmathematisch errechnete Näherungswerte. Wie das Leben im Einzelfall tatsächlich verläuft, weiß niemand. Unter dem Aspekt der Rendite ist der Kauf einer Rentenversicherung daher zu einem Großteil ein Wettlauf mit dem Tod und der Versicherungsgesellschaft, die tendenziell dazu neigt, eher zum Nachteil des Kunden zu kalkulieren.

Von daher bleibt der Kauf einer Rentenversicherung letztlich immer auch eine ganz persönliche Angelegenheit. Ältere Menschen etwa, die den Erwerb einer Sofortrente erwägen, sollten vielleicht einfach mal in sich gehen und überlegen, wie viel Lebensjahre sie sich selbst noch zutrauen, rät Kleinlein.

Das sei zwar ein sehr subjektiver Gradmesser, aber oft nicht der schlechteste.

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