Assekuranz "Lebensversicherern Aktienkauf verbieten"

"Souveräne Lebensversicherung" titelt Map-Report in seinem jüngsten Rating. Ist die Finanzkrise wirklich spurlos an der Branche vorbeigezogen? Ein Streitgespräch mit Analyst Manfred Poweleit über die scheinbar so krisenresistenten Lebensversicherer, die Probleme der Branche und ihre Perspektiven.

mm.de: Herr Poweleit, wer Ihr jüngstes Rating zur Lage der Lebensversicherer studiert, muss zu dem Schluss kommen, die Finanzkrise war für die Branche kein Thema. Die Konstanz in der Bewertung ist schon erstaunlich. Wie erklären Sie das?

In Sicherheit: Die Finanzkrise hat viele Opfer gekostet, so manche Bank musste der Staat retten. Lebensversicherer dagegen seien ohne Blessuren durch die Krise gekommen, schreibt der Branchendienst Map-Report. Dabei sind sie extrem stark in Papiere von Banken investiert und natürlich auch vom Kapitalmarkt abhängig

In Sicherheit: Die Finanzkrise hat viele Opfer gekostet, so manche Bank musste der Staat retten. Lebensversicherer dagegen seien ohne Blessuren durch die Krise gekommen, schreibt der Branchendienst Map-Report. Dabei sind sie extrem stark in Papiere von Banken investiert und natürlich auch vom Kapitalmarkt abhängig

Foto: Corbis

Poweleit: Unser Rating ist ganz bewusst sehr langfristig ausgelegt. Kapitallebensversicherungen laufen im Schnitt 27 Jahre. Bei Rentenversicherungen können wir Laufzeiten von 30 bis 50 Jahren erwarten. Da macht es keinen Sinn einjährige Betrachtungen anzustellen. Deshalb arbeiten wir in der Bilanzanalyse mit 12-jährigen Mittelwerten. Auch in der Serviceanalyse fragen wir sehr weit in die Vergangenheit zurück, um langfristige Entwicklungen aufzuzeigen.

mm.de: Im vergangenen Jahr haben sich die Kapitalanlagen der Lebensversicherer laut Branchenverband GDV im Schnitt mit 3,60 Prozent verzinst. Ihre Mittelwertsbetrachtung weist stolze 5,57 Prozent Rendite aus. Ist diese Herangehensweise nicht arg schmeichelhaft, wenn man eine Aussage darüber trifft, wie die Branche die Krise bislang bewältigt hat?

Poweleit: Diese 5,57 Prozent sagen nichts über Krisenbewältigung aus …

mm.de: … ach. Ihre Kommentierung trägt die dicke Schlagzeile "Souveräne Lebensversicherung".

Poweleit: In der langfristigen Betrachtung trifft das auch völlig zu - bis jetzt wohlgemerkt. Sie können davon ausgehen, dass die Lebensversicherer in den kommenden zwölf Jahren mit ihren Kapitalanlagen keine Nettorendite von 5,57 Prozent erzielen werden.

mm.de: Sie ermitteln die Nettorendite, ohne die stillen Lasten des Krisenjahres 2008 zu berücksichtigen. Ich denke, auch das verzehrt das Bild. Wo läge denn die durchschnittliche Rendite der Kapitalanlagen inklusive dieser Lasten nur im Krisenjahr 2008?

Poweleit: Im Krisenjahr 2008 dürfte eingedenk der unterbliebenen Abschreibungen die Nettorendite bei 2,37 Prozent gelegen haben.

mm.de: Warum halten Sie so eine interessante Information zurück? Viele Vermittler nutzen Map-Report längst als Orientierungs- und Argumentationshilfe. Und auch Verbraucher greifen immer mehr auf Ratings zurück.

Poweleit: Dieses Rating ist nicht die Eier legende Wollmilchsau. Nochmal. Es ist eine Langfristbetrachtung, die Kurzfristbetrachtung widmen wir anderen Studien.

"Das ist doch Papperlapapp"

mm.de: Die Branche hat im vergangenen Jahr ausgiebig von den erweiterten Abschreibungsregeln Gebrauch gemacht. Rund sieben Milliarden Euro an Abschreibungen auf Wertpapiere hat sie so in 2008 vermieden, schätzt Fitch. Wie beurteilen sie die Abschreibungspraxis der Lebensversicherer?

Poweleit: Hätte die Branche 2008 alle Wertverluste in ihren Portfolien abschreiben müssen, wären es nach unseren Berechnungen rund acht Milliarden Euro gewesen. Auf den Punkt gebracht heißt das, den Lebensversicherern geht es nicht gut, aber sie haben bei weitem nicht die Probleme wie im Jahr 2002.

mm.de: Rund 60 Prozent der Kundengelder haben Lebensversicherer in verschiedenste Papiere von Banken investiert. Eine ganze Reihe von Instituten schüttet auf bestimmte, nachrangig zu bedienende Titel keine Zinsen mehr aus. Die Branche fühlt sich gleichwohl sicher mit ihren Bankinvestments. Eine trügerische Sicherheit?

Poweleit: Ich bezweifle, dass sich die Lebensversicherer mit ihren Bankinvestments sicher fühlen.

mm.de: Im März bezeichnete der Branchenverband GDV die Investments der Lebensversicherer bei Banken als "absolut sicher", eben weil die Bundesregierung keine größere Bank fallen lassen würde.

Poweleit: Mein Eindruck aus Gesprächen mit Managern der Lebensversicherer ist ein anderer. Viele bewegt die Frage: "Welcher Bank kann ich noch trauen?". Glauben Sie mir, die Branche sieht ihr Engagement bei Banken mit erheblichen Risiken verbunden. Das Paradoxe an der Geschichte ist: Lebensversicherer trauen sich kaum noch, einer Bank Geld zu leihen. Aber der organisierte Verbraucherschutz krönt Bankprodukte mit der grünen Ampel und zieht die Lebensversicherung in den Schmutz.

mm.de: Lassen wir die Ampel-Protagonisten 'mal außen vor. Die Frage müsste doch vielmehr lauten, warum Lebensversicherer überhaupt noch so stark in Bankschuldverschreibungen investieren.

Poweleit: Nein. Die entscheidende Frage lautet, wo können Lebensversicherer das Geld ihrer Kunden überhaupt noch halbwegs ertragreich und sicher anlegen? Die meisten Anlagemärkte sind doch reif für die Intensivstation.

mm.de: Sollte die Branche ihr Schicksal nicht unabhängiger von dem der Banken gestalten und ihre Anlage breiter streuen?

Poweleit: Ich würde den Lebensversicherern derzeit vor allem raten, die Finger von Aktien zu lassen.

mm.de: Die Branche hat ihr Aktienengagement ja bereits kräftig reduziert. Dafür verpasst sie jetzt weitgehend die satten Kursgewinne seit März dieses Jahres.

Poweleit: Das ist doch Papperlapapp. Da baut sich am Aktienmarkt derzeit die nächste Blase auf und Sie wollen die Lebensversicherer da jetzt reinschicken? Die Finanz- und Versicherungsaufsicht Bafin sollte sich vielmehr überlegen, den Lebensversicherern im Moment den Aktienerwerb zu verbieten.

"Zweiter Fall Mannheimer Leben sehr weit weg"

mm.de: Wie bitte? Das dürfte ja wohl kaum zu machen sein.

Poweleit: Sagen Sie das nicht. Vor gut 20 Jahren hatte die Bafin schon einmal interveniert und Investitionen im Immobiliensektor unter die Auflage gestellt, dass eine Mindestrendite dabei herausspringt. Warum sollte sie Lebensversicherern nicht Anlagegrenzen für Aktieninvestments vorschreiben, die sich zum Beispiel an der Dividendenrendite der Papiere orientieren? Ich halte das durchaus für umsetzbar.

mm.de: Derzeit jedenfalls lässt die Branche Renditechance am Aktienmarkt weitgehend links liegen. Da dürfen sich die Versicherten nicht wundern, wenn ihre Verträge zusehends weniger abwerfen.

Poweleit: Mit Verlaub, nennen Sie mir doch 'mal einen Lebensversicherer, der mit Aktien langfristig Geld verdient hat. Ich kenne jedenfalls keinen. Das Ausfallrisiko bei Aktien ist zwölf Mal höher als bei einer konservativ investierenden Lebensversicherung.

mm.de: Sicher, wenn man es falsch macht. Der Bayerischen Beamten Versicherung (BBV) geht es derzeit - vorsichtig formuliert - nicht so gut. Ihr Neugeschäft hat sie jedenfalls eingestellt und geht jetzt unter neuem Label auf Kundenfang. Wie weit weg ist die Branche eigentlich noch von einem zweiten Fall Mannheimer Leben?

Poweleit: Sehr weit weg.

mm.de: Was macht Sie da so sicher?

Poweleit: Grundsätzlich schließe ich nicht aus, dass auch ein großer Anbieter kurzfristig erhebliche Schwierigkeiten bekommen kann. Nur taugt die BBV hier als Beispiel überhaupt nicht. Die Solvabilitätsquote ihres Lebensversicherers, die die von der Aufsicht geforderten Eigenmittel misst, liegt weit über dem Marktschnitt. Bei der BBV haben wir ein Problem, das nur am Rande etwas mit der Finanzmarktkrise zu tun hat.

mm.de: Andere Beobachter sehen die BBV als ersten deutschen Versicherer, der durch die Finanzmarktkrise in Not geraten ist. Man konnte oder wollte sich nicht von Aareal-Aktien trennen und ist damit voll auf den Bauch gefallen.

Poweleit: Moment. Die BBV hatte die Beteiligung an dem Immobilienfinanzierer vor 15 Jahren erworben, die nie problematisch war. Dann kam in der Finanzmarktkrise das Gerücht auf, die Aareal-Bank sei eng mit der Hypo Real Estate verwoben, was nachweislich falsch ist. Die Bankaktie stürzte dramatisch ab - mit entsprechendem Abschreibungsbedarf für die BBV, deren Konzernführungsgesellschaft ihr im Grunde solider Lebensversicherer ist. Aber genau das mag die Bafin nicht.

Seit sich die Volksfürsorge in den 80er Jahren mit einer Rückversicherung verzockt hat, möchte die Aufsicht nicht, dass Versicherungskonzerne von Lebensversicherern geführt werden und sucht nun jede Möglichkeit, dagegen anzugehen. Wenn dann ein Abschreibungsproblem besteht, wird das hoch gekocht.

mm.de: Nochmal nachgehakt. Was macht Sie so vergleichsweise sicher, dass wir unter den Lebensversicherern keinen zweiten Fall Mannheimer Leben mehr sehen werden?

"Lebensversicherung ist kein Auslaufmodell"

Poweleit: Die Branche weist eine durchschnittliche Solvabilitätsquote von 174 Prozent auf …

mm.de: … die laut Map-Report im Vorjahr bei noch bei rund 220 lag …

Poweleit: ... mit dieser Quote jedenfalls liegt die Branche noch weit von der 100-Prozent-Marke entfernt, bei deren Erreichen die Aufsicht in das Geschäft eines Versicherers eingreifen muss. Ich sehe auch nur ganz wenige Unternehmen, die sich dieser Untergrenze nähern.

mm.de: Der langfristige Charakter der Lebensversicherung mache sie so krisenresistent, sagen ihre Befürworter. Bei langen Vertragslaufzeiten geben aber drei von vier Versicherten vorzeitig auf, über alle Laufzeiten hinweg ist es jeder zweite, errechneten Versicherungsmathematiker auf Basis von Zahlen der Deutschen Aktuarvereinigung ...

Poweleit: ... bevor mir das nicht jemand vorrechnet, glaube ich das nicht. Ich halte die Zahlen für zu viel hoch gegriffen.

mm.de: Die Mehrheit der Lebensversicherten hält jedenfalls ihren Vertrag nicht bis zum Ende durch. Steht mit der zusehends kurzfristigeren Orientierung der Menschen das Geschäftsmodell der Branche in Frage? Ist die Lebensversicherung ein Auslaufmodell?

Poweleit: Nein, das sehe ich nicht so. Die Lebensversicherer haben zweifelsohne gravierende Probleme. Eines ist der schlechte Zustand der Verbraucherfinanzen. Ein anderes ist die Propaganda interessierter Kreise, die davon ablenken wollen, welche Verluste man bei vorzeitiger Kündigung seines Fondssparvertrages erleidet. Ein weiteres Problem ist, dass die Branche millionenfach Fondspolicen beworben und verkauft hat, die ihren Kunden in der Finanzmarktkrise Stück für Stück um die Ohren fliegen.

Zu einem ernsthaften Problem für die Lebensversicherer könnte jetzt auch ein BGH-Urteil werden, dass an der Überschusspraxis in der privaten Rentenversicherung rüttelt. Die Lebensversicherer müssen sich einiges einfallen lassen, damit ihnen dieses Geschäft nicht auch noch wegbröckelt.

mm.de: Durchschnittliche Ablaufleistungen und die Renditen der Verträge sinken seit Jahren. Eine Wende an der Zinsfront ist nicht in Sicht. Das Neugeschäft lahmt, es kommt weniger frisches Geld rein, das unter schwachen Kapitalmarktbedingungen neu angelegt werden muss. Weniger Neugeschäft belastet die Kostenstruktur, während hoch verzinste Altverträge die Reserven der Assekuranz immer stärker anfressen. Würden Sie dieser groben Lagebestimmung der Branche zustimmen?

Poweleit: So in etwa, ja.

mm.de: Wie kommt sie aus dieser Misere heraus?

Poweleit: Die Lebensversicherer müssen sich in der Tat einige Sorgen und Gedanken machen - weniger über das Jahr 2008 als über die kommenden fünf Jahre. Die sehe ich nämlich für die Branche als sehr kritisch, sollten zum Beispiel die Marktzinsen nicht bald wieder nachhaltig steigen.

mm.de: Woran sollten oder können die Lebensversicherer selbst arbeiten?

Poweleit: Viele Lebensversicherer sollten ihre Position zur risikoreicheren Fondpolice überdenken. Die Branche muss ihre Hausaufgaben machen und sich viel mehr um die Themen Hinterbliebenen- und Invaliditätsversorgung kümmern. Sie sollte überdies ernsthaft die Diskussion darüber führen, ob die Abschlussprovision für den Vermittler wirklich die optimale Lösung ist. Zudem neigt die Branche dazu, sich vom eingeübten, versicherungstechnischen Handwerk zu entfernen und immer mehr Investmentbankern nachzueifern. Das halte ich für gefährlich. Mein Rat lautet daher: Back to the roots.

Die besten Lebensversicherer - das Rating

Wie Map-Report die Punkte vergibt