Mittwoch, 21. August 2019

Tagesgeld Parkplätze für Geld sind teuer

Wie würden Sie eine Anlage beurteilen, die ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 240 aufweist? Sie würden mit Sicherheit sagen: Zu teuer. Richtig, aber wer sein Geld heute in Tagesgeld anlegt, "kauft" zu diesem Preis. Warum das so ist, erklärt Thomas Grüner von Grüner Fisher Investments in einem Gastbeitrag.

Der Eonia stürzt ab. Der Eonia (Euro Overnight Index Average) ist der offiziell berechnete Tagesgeldzinssatz für den Euro. Kurzum: Der Eonia ist der maßgebliche Zinssatz an dem sich Tagesgelder orientieren sollten. Die Finanzkrise wirkt an dieser Stelle jedoch immer noch nach. Viele Banken gewähren ihren Kunden Zinsaufschläge auf den Eonia. Kurios dabei: Unter institutionellen Kunden wie Fonds oder großen Investoren wird oft der Zinssatz "Eonia" abzüglich 0,25 Prozentpunkte vereinbart."

Wenig Zins für den Euro: Der Euro-Tageszinssatz "Eonia" ist binnen 10 Monaten von 4,6 Prozent auf 0,3 Prozent abgestürzt
Seit der Staatsgarantie Anfang Oktober 2008 sind die kurzfristigen Zinssätze kollabiert. Der Eonia lag Anfang Oktober 2008 noch bei 4,6 Prozent - am 6. Juli 2009 bei 0,33 Prozent. Ein Rückgang innerhalb einiger Monate von 93 Prozent. Wenn das kein echter Crash war! Ein Zinssatz von 0,33 Prozent bedeutet dabei analog zum Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) an den Aktienmärkten einen Wert von 100 geteilt durch 0,33 = KGV 303!

Die heutigen Konditionen für Bundeswertpapiere verdeutlichen die "Zinsfalle", in der sich derzeit viele Investoren befinden, die auf mittel- und langfristige Erträge angewiesen sind.

Die Tagesanleihe rentiert mit 0,33 Prozent (KGV 303), einjährige Finanzierungschätze des Bundes mit 0,65 Prozent (KGV 154), die zweijährige Variante mit 1,2 Prozent (KGV 83) und fünfjährige Bundesobligationen mit 2,33 Prozent (KGV 43). Parken ist teuer.

EZB hinkt der FED stets hinterher

Trotz teurer Parkplätze sind diese überfüllt. Nie in der Geschichte erlebten wir innerhalb weniger Wochen und Monate eine Kapitalflucht in diesem Ausmaß. Deutsche Anleger verkauften nahezu alle Anlageklassen (Aktien, Immobilien, Zertifikate und Industrieanleihen) und flüchteten panisch in die vermeintlich sicheren Bankeinlagen, für die der Staat eine "Garantie" abgegeben hatte. Weltweit haben Staatsgarantien und Eingriffe in die Märkte diesen Effekt gebracht - einen globalen Zinscrash.

Die Rezession in Europa hat die EZB - wie auch die europäischen und globalen Investmentbanken - im vergangenen Jahr völlig überrascht. Die EZB ging noch im Sommer 2008 - bei rekordhohen Rohstoffpreisen - von einer gefährlichen Zunahme der Inflationserwartungen aus. Die Realität heute: Es droht eine kurzfristige Deflation, die Rohstoffpreise liegen trotz einer Erholung noch immer am Boden und die Inflationsraten - wenn man diese überhaupt noch so nennen kann - befinden sich teilweise bereits im negativen Bereich.

Rückblickend hat die EZB mit ihren Zinssenkungen viel zu lange gewartet. Die Kritik an den schnellen Leitzinssenkungen der US-Notenbank Fed war dabei völlig verfehlt und die EZB hat im Jahresverlauf ihrerseits die Leitzinsen ebenfalls deutlich senken müssen. Die europäische Zentralbank hat mit ihren Stützungsmaßnahmen - immer in zeitlicher Verzögerung zur Fed - sehr zögerlich, und damit wohl auch viel zu spät gehandelt. In den kommenden Monaten wird die EZB - allen Unabhängigkeitsbeteuerungen zum Trotz - hierbei auch in weiteren Bereichen der Fed folgen und zu unkonventionellen Stützungsmaßnahmen greifen.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung