Quant-Fonds Phönix auf Probe

Sie waren die Stars des Börsenbooms - jene Fondsmanager, die mit Computersystemen den Index schlagen wollten. Doch mit der Finanzkrise verglühte auch der Stern der quantitativen Verwalter. Nun hat sich ihre Zunft reformiert.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Jörg Schmidt ist ein Mann, der seine Worte von Berufs wegen wohl wägt. Schmidt verwaltet Dachfonds für die Union Investment und spricht oft mit jenen Fondsmanagern, in deren Produkte er das Geld seiner Kunden steckt. Er kennt sie also beide, die Herren mit dem Händchen für Aktien ebenso wie jene, die mit mathematischen Modellen Geld verdienen. Und eine einfache Trennlinie zwischen der Leistungsstärke der Systeme will er nicht ziehen.

Aber einen schleichenden Paradigmenwechsel, den beobachtet er schon. "Noch vor knapp zwei Jahren gab es eine Phase, in der quantitativ verwaltete Fonds en vogue waren. Kein Wunder, denn sie liefen damals teilweise auch sehr gut. Im April 2007 gipfelte diese Entwicklung dann." Die Finanzkrise zog herauf, und es zeigte sich, dass die Modelle nicht so gut waren wie gedacht. Denn "viele Manager setzten in ihren quantitativen Aktienselektionsmodellen auf ähnliche Faktoren. Als im Spätsommer 2007 eine durch den Liquiditätsbedarf von Hedgefonds ausgelöste Verkaufswelle insbesondere Aktien erfasste, die auf Basis dieser Faktoren von einer Vielzahl quantitativer Fonds selektiert worden waren, erlitten einige populäre Fonds starke Verluste." Es war der "perfekte Sturm für Quant-Fonds", blickt Schmidt zurück.

"Gerade bei klassischen Value-Faktoren gab es damals durch viele Nachahmer ein gewisses 'Crowding'. Man verwendete einige populäre Kennzahlen wie zum Beispiel die PE-Ratio, anhand deren ein System zum Beispiel den S&P 500 durchleuchtete."

Er hätte auch sagen können, dass etliche Fonds nicht besonders einfallsreich konstruiert sind. Er sagt es nicht. Lieber weist er auf "proprietäre Faktoren" hin, deren Erforschung seitdem stärker im Fokus quantitativer Manager stünden und den Systemen eine individuellere Note verleihen würde. Da dadurch die Korrelation derartiger quantitativer Manager untereinander wieder sinke, seien diese für Dachfondsmanager interessant.

Tatsächlich wurden viele Modelle seitdem komplexer. Intech zum Beispiel versucht dem Problem der Lösung von den Indizes mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung Herr zu werden. "Unser Prozess wird von der mathematischen Theorie betrieben, derzufolge die Kombination von Aktien mit relativ hoher Volatilität aber niedriger Korrelation es ermöglicht, ein Portfolio zu schaffen, das höhere langfristige Ergebnisse erzielen kann als eines, das bloß die Benchmark nachzeichnet", erklärt Intech-Präsident David Schofield gegenüber manager-magazin.de. "Und das, ohne das Risikoniveau zu erhöhen. Traditionelle Aktienanalyse ist daher nicht notwendig, weil unser Prozess eben nicht auf fundamentalen Vorhersagen (...) beruht."

Doch es kostet Geld, so etwas zu machen. Bei research-starken Häusern wie Goldman Sachs oder Highbridge zum Beispiel, berichtet Fondsmanager Schmidt, forschen große Teams an neuen Selektionsmethoden. Und bei Intech seinerseits sitzen rund 20 Mitarbeiter. Diese Unternehmen zeigen, wie begehrt die entsprechenden Köpfe inzwischen sind. Highbridge zum Beispiel gehört inzwischen zu JP Morgan Chase. Federated Investors, einer der größten Assetmanager Amerikas, griff 2006 bei MDT Advisers zu, einer Boutique mit quantitativem Ansatz. Und Janus schluckte eben jene Intech. Offenbar, um sich breiter aufzustellen.

Mit züchtiger Scheu

Bei dem geballten Interesse der Experten ist es kein Wunder, dass die quantitativen Manager inzwischen wieder selbstbewusst auftreten. "Wenn man ausreichend Schlüsseldaten quantifizieren kann, die die Experten benutzen, und wenn man präzise die analytischen Schritte beschreibt, die der Experte einschlägt, um ein Urteil zu fällen, dann kann man das in ein Modell des Verhaltens eben jenes Experten gießen, das bessere Ergebnisse erzielen wird als der Experte selbst", heißt es zum Beispiel von Axa Rosenberg - einem jener "Quant-Manager", wie es in der Finanzsprache heißt. Zu den Schwächen äußert man sich etwas technokratisch: "Es ist eher wahrscheinlich, dass wir in Phasen 'underperformen', in denen die Verbindung von Fundamentaldaten und Aktienpreisen unterbrochen ist, und wenn Zahlen vom Markt ignoriert werden."

Ein Allheilmittel sind die Zahlenmagier tatsächlich nicht. Da ist zum einen die reine Leistung, wie sie die Datenbanken der Ratingagenturen ausweisen. Nur ein Beispiel: 2008 verloren Anleger mit dem Lingohr Systematic LBB - einem quantitativ verwalteten Fonds - fast 48 Prozent ihres Geldes. Laut der Feri-Datenbank gehört der Fonds damit zum schlechtesten Viertel der entsprechenden Vergleichsgruppe. Legt man dagegen den Erholungszeitraum von Februar bis Mai 2009 zugrunde, dreht sich das Bild - die Anleger verdienten in den drei Monaten fast 39 Prozent. Und der Fonds notierte im ersten Quartil des Rankings. Aber da ist auch eine ganz besondere Einstellung der Herren über die Zahlen.

"Diese Manager lassen sich natürlich ungern in ihre Systeme schauen", sagt Dachfondsmanager Schmidt. "Sie befürchten, dass jemand die teuren Systeme kopieren könnte."

Und selbst wenn das Management offen den eigenen Ansatz skizziert - es hilft nicht immer. Von einem "extrem disziplinierten mathematischen Ansatz", spricht Intech's Schofield. "Das ist schon aufwendig zu verstehen und ein sehr spezialisierter Ansatz", bestätigt Dachfondsmanager Schmidt. "Aber gerade durch diese Spezialität können Korrelationsmuster mit anderen Managern entstehen, durch die ein solches System eine Bereicherung für das Portfolio sein kann." Gut für Anlageexperten, harte Zeiten also für Otto Normalanleger.

Für Dachfondsmanager Schmidt zumindest ist die Sache klar: "Das spricht doch alles für Dachfonds", grient er.