Gold Leaving Las Vegas

Gold gilt als Kriseninvestment. Es gilt als Bollwerk gegen eine steigende Geldentwertung und eine sich weiter abschwächende Wirtschaft. Doch was ist, wenn so ein Szenario gar nicht mehr zählt?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Wer 31 Euro in der Hosentasche hat, der muss am Frankfurter Flughafen nicht mehr länger durch die Duty-Free-Geschäfte streunen. Oder sich die Beine in den langen Gängen vertreten. Er kann Gold kaufen. Am Automaten. Dafür bekommt er einen Barren von einem Gramm. Börsenpsychologen würden die Stirn runzeln. Denn wenn die Nachfrage so groß geworden ist, dass es zu solchen Angeboten kommt, ist das Ende eines Booms nicht mehr weit. Immer mehr Fachleute nicken beifällig.

Und das, obwohl die Goldgeschichte sich noch immer überzeugend liest. Da ist die Rede vom sinkenden Angebot und der tendenziell steigenden Nachfrage aus China oder aus Indien. Für die Schmuckbranche, für die Industrie oder eben für die Geldanlage, vor allem als Inflationsschutz. Alles überzeugende Gründe, die interessierten Anlegern einleuchten. Nicht nur den Laien, auch den Profis. Die Gesellschaft Craton Capital zum Beispiel hat sich auf Rohstoffe spezialisiert. Und prognostizierte noch im Marktkommentar des Mai: "Das Anlageuniversum werde sich mit hoher Wahrscheinlichkeit besser entwickeln (…) als die meisten anderen Anlageklassen."

Die Zuversicht liegt sicherlich auch darin begründet, dass Gold eine starke Lobby hat. Das World Gold Council zum Beispiel verbreitet eben jene Geschichte weltweit - und wird dafür von Teilen der Goldproduzenten wie zum Beispiel Barrick Gold  bezahlt. Es liegt aber auch daran, dass Gold ein Anlagemythos ist. Gold, das ist der sagenhafte König Midas, das ist die Königin von Saba und Fort Knox. Der Mythos packt die Menschen, wie es ein rationales Argument nie könnte. Im Internet kursieren sogar Anweisungen, wie mit dem einmal gekauften Gold zu verfahren sei - vergraben. Denn der Staat könnte es ja beschlagnahmen.

Steigende Nachfrage, ein knappes Angebot und eine gute Stimmung - alles spräche für weiterhin steigende Preise. Und da Goldeigner auf Zinsen oder Dividenden verzichten müssen, wäre das eine gute Nachricht für sie. Es wäre.

Unsicherheitsfaktor Politik

Manuel Tenekedshijew kennt sie zur Genüge, die Argumente wie die Stimmung. Gold sei eben ein sehr emotionales Thema. "Die Stimmung bewegt sich zwischen zwei Extremen - der Angst vor starker Deflation und heftiger Inflation", sagt der Goldexperte der Fondsgesellschaft DWS.

Falsch sind die klassischen Argumente keinesfalls, doch sie werden teilweise überlagert. Zum Beispiel durch das so genanntes Papiergold, Wertpapiere wie jene Exchange Traded Funds (ETFs), die mit Gold hinterlegt sind. Allein im ersten Quartal wurden weltweit noch 469 Tonnen des edelmetalls in ETFs gekauft und damit sogar das Hoch des dritten Quartals 2008 geknackt. Doch diese Entwicklung könnte sich umkehren. So wie 2008, als viele semiinstitutionelle Anleger - zum Beispiel Vermögensverwalter - viel Geld aus Immobilienfonds abzogen. Nicht, weil deren Leistung nicht stimmte, sondern weil sie die einzige Anlageform waren, die noch im Plus stand. So wie die Gold-ETFs, die seit Dezember vergangenen Jahres um gut 20 Prozent zugelegt haben. Die Furcht vor einer Umkehr findet sich auch in einem Marktkommentar des Earth Gold Fund.

"Der ETF-Markt verzeichnete im April (…) nur einen schwachen Anstieg, nachdem das kontinuierliche Wachstum der letzten 18 Monate die Sorge über einen möglichen 'ETF-Überhang' verstärkte."

Nicht genug damit.

"Es spielt momentan kaum eine Rolle, ob Südafrika mit fallender Produktion zu kämpfen hat", so Tenekedshijew. Das würde bedeuten, die klassischen Fragen nach Angebot und Nachfrage hätten an Bedeutung verloren. "In Moment wird die makroökonomische Frage gespielt. Was machen die Regierungen gegen die Krise? Wie gehen sie fiskalisch und monetär dagegen vor?"

Ja, was machen sie? "Wir denken, dass die Krise so ernst war, dass es schwer zu beurteilen ist, ob die Geldmengenpolitik nur ausreichend oder exzessiv war", schreibt Richard B. Hoey, Chefökonom von Bank of New York Mellon. Anders ausgedrückt: Ist der von den Zentralbanken ausgelöste Geldstrom so groß, dass die Inflation überbordet? So ganz ohne die alten Argumente lässt sich Gold offenbar doch nicht beikommen. Tenekedshijew wird etwas deutlicher: "Das ist schwer vorherzusagen. Dennoch denke ich, dass mittelfristig eine restriktive Politik gefahren werden muss." Das wiederum würde die Furcht vor einer hohen Inflation dämpfen. "Wenn die Anleger die Sorge davor verlieren, rechne ich damit, dass Gold unter 900 Dollar rutschen wird."

Auch andere sind skeptisch. Vor allem was die jüngste Vergangenheit betrifft. "In den vergangenen Wochen wurde Gold nur auf Basis der Dollarschwäche oder -stärke gehandelt", sagt Ole S. Hansen, unter anderem für den Handel mit Futures bei der Saxo Bank verantwortlich. Und etwas betulicher schreibt Joachim Berlenbach im Marktbericht seines Earth Gold Funds: "Wie sich herausstellte, war der April ein schwieriger Monat für den Goldmarkt, was für wachsende Unsicherheit bei Investoren in diesem Sektor sorgte. Die Aktienmärkte Europas, Japans, der USA und der Schwellenländer befanden sich immer noch in einer starken Rally, was die Frage aufgeworfen hat, worin die Notwendigkeit liegt, 'Safe-Haven-Anlagen' wie Gold zu halten (...)."

Vorsichtiges Umdenken

Selbst Goldoptimisten wie Nico Baumbach, Manager eines Goldfonds, räumen ein: "Was sich negativ auf den Goldpreis auswirken könnte, wäre eine nachhaltige Erholung an den Aktienmärkten." Vordergründig hält der Verwalter des Hansagold der Goldgeschichte die Stange. "Dazu müsste aber erst einmal die Angst aus den Märkten verschwinden. Das sehe ich noch nicht. Außerdem werden Investoren meines Erachtens langfristig strategische Positionen in Gold in ihren Portfolien halten - einfach als Krisenschutz." Dennoch hat sich Baumbach bereits ein wenig auf Preisänderungen eingestellt.

Zu Jahresbeginn "hatten wir zunächst ausschließlich auf Gold gesetzt. Inzwischen stecken nur noch "60 Prozent unseres Portfolios in physisches Gold beziehungsweise Goldverbriefungen, und 26 Prozent in Silberverbriefungen investiert haben. Den Rest halten wir derzeit als Kasse." Das gleiche Bild bei dem Earth Gold. Im Juli steckten 76 Prozent des Fondsvermögens in Gold, dazu kamen 7,7 Prozent Gold-ETFs. Aktuell sind es 68,5 Prozent. Gold-ETFs sucht man im Fonds vergebens.

Freilich - das ist kein repräsentativer Durchschnitt. Aber es zeigt, dass auch gestandenen Goldkennern die Goldgeschichte etwas heiß zu werden scheint. Weil das Papiergold - die ETFs - den wahren Wert des Edelmetalls verzerrt, weil die herkömmliche Argumentation derzeit vielfach außer Kraft gesetzt ist. Selbst bei TG Gold, dem Betreiber des Frankfurter Goldautomaten, versucht man sich abzusichern. Und schreibt in der Internetpräsenz: "Gold aus dem (...) Automaten eignet sich in erster Linie als Geschenk, nicht zur Wertanlage." Vielleicht erklärt das, warum Kunden für den ein Gramm schweren Barren 30 Prozent mehr als den Marktpreis zahlen müssen. Immerhin, so lässt sich offenbar auch jetzt noch Geld mit Gold verdienen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.