Geldanlage mit ETF Das überdrehte Investment

Exchange Traded Funds scheinen die Gewinner der Krise zu sein. Während Anleger den klassischen Investmentfonds und Zertifikaten den Rücken kehren, setzen sie auf die ETFs. Weil sie einfach und transparent seien, so die Verkaufsargumente. Doch das ändert sich gerade.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - 2008 war eigentlich ein großartiges Jahr. Thorsten Michalik oder Dirk Klee würden das zwar nie so sagen. Aber vielleicht denken. Denn Michalik und Klee stehen mit DB X-Trackers beziehungsweise Barclays Global Investors (BGI) Unternehmen vor, die mitten in der Krise gute Geschäfte machen konnten - sie legen Exchange Traded Funds (ETFs) auf. Produkte, die einen Börsenindex abbilden. Doch so einfach wie einst sind sie nicht mehr.

Dabei ist die Ursprungsidee der ETFs bestechend. Mit "Spiders" und "Diamonds" bilden amerikanische Börsenprofis seit Jahren den S&P 500 sowie den Dow Jones  nach, kaufen mit einem einzigen Wertpapier also den gesamten Markt. ETFs sind auch jederzeit liquide, was sich spätestens nach der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers als Vorteil herausgestellt haben dürfte. Und sie sind günstig.

ETFs auf Aktienkörbe kosten, grob gepeilt, 0,4 Prozent der verwalteten Summe im Jahr. Bei klassischen Aktienfonds sind es rund 1,5 Prozent. Die Anbieter der herkömmlichen Aktienfonds rechtfertigen diesen Unterschied damit, dass ein Fondsmanager den Markt schlagen könne, durch geschicktes Handeln oder durch sein Händchen für den Markt.

Freilich gibt es immer wieder Fondmanager, denen genau das gelingt. Doch statistisch überwiegt der Durchschnitt. Und das bedeutet, dass Anleger nach Gebühren mit einem passiven ETF oftmals besser fahren als mit aktiven Fonds.

Das erkennen auch Dachfondsmanager wie Markus Kaiser, der für seinen Veritas A2A allein auf ETFs setzt. Kein Wunder also, wenn sich die ETF-Anbieter 2008 über Zuflüsse freuten, während Anleger aus Aktienfonds allein im vierten Quartal weltweit 92 Milliarden Euro abzogen.

Die Jagd nach der kritischen Größe

Beispiel BGI - das Jahr 2008 spülte dem Münchener Unternehmen europaweit fast 18 Milliarden Euro in die Kassen. Bei DB X-Trackers waren es mehr als 12 Milliarden Euro. Ein Wachstumsmarkt, den die Gesellschaften nicht mehr aus der Hand geben wollen. Und ein Markt, der auch die Konkurrenz der aktiven Manager lockt.

Das Fondshaus Invesco beispielsweise bietet seit einigen Jahren die so genannten Powershares an, ETFs, die auf einem verfeinerten Index setzen.

DB X-Trackers gehören zu Deutschen Bank , unter deren Dach sich auch der aktive Manager DWS findet. Und hinter Lyxor steht die französische Großbank Société Générale . Sie alle suchen die kritische Größe.

Denn das Geschäft mit dem Index ist ein Skalengeschäft. Bei den geringen Gebühren "muss mit sehr großen Skalen gearbeitet werden, um überhaupt erfolgreich zu sein. Für einige Anbieter und Produkte kann sich daher früher oder später die Frage der Überlebensfähigkeit stellen", sagt BGI-Sprecher Marc Bubeck. "Wir brauchen die Größe", sagt auch Thomas Rampulla.

Auf seiner Visitenkarte steht Managing Director UK. Er soll vom neuen Londoner Büro des US-Riesen Vanguard Europa ins Visier nehmen. Die schiere Größe des Unternehmens verleiht ihm das notwendige Selbstbewusstsein. Vanguard bündelt rund eine Billion Euro, gut die Hälfte davon steckt in ETFs. Zum Vergleich - die DWS verwaltet über 100 Milliarden Euro, die Deka-Gruppe bringt es auf 99 Milliarden Euro.

Das ewige Vorbild Amerika

In den USA sind ETF seit langem bekannt, hierzulande kommt es erst langsam, so der Amerikaner. Und einfach sei das Geschäft nicht. "Es geht auch darum, die Anleger zu erziehen." Er setzt auf das US-Beispiel. Dort begann der Siegeszug der ETFs bei den institutionellen Anlegern, um dann bei den Endanlegern anzukommen. Doch was hilft neben der Größe auf so einem "margenengen Markt", O-Ton Bubeck, die Konkurrenz zu distanzieren - eine starke Marke?

Rampulla zumindest winkt ab. "Die Marke kann helfen, macht es aber nicht allein", so der Amerikaner. "Wir setzen auf niedrige Kosten. Darauf haben wir unseren Ruf aufgebaut."

Bei DB X-Trackers dagegen setzt auch auf komplexe Angebote. Denn "auf der einen Seite werden Kunden weiterhin ihr Portfolio über ETFs entweder als Kernanlage anlegen oder zur kurzfristigen Steuerung, um Market-Exposure zu bekommen, einsetzen" sagt Michalik. "Auf der anderen Seite werden durch Produkte wie den Hedgefonds-ETFs erstmals auch schwierig darzustellende Anlageklassen einfach und transparent abbildbar."

Offenbar eine Frage des Markteintritts, beobachtet Peter Flöck, der bei Universal-Investment das Portfoliomanagement verantwortet. "Je später ein Anbieter startet, desto eher wird er aus Unterscheidungsgründen Produkte anbieten, die so noch nicht am Markt erhältlich sind. Das bezieht sich dann insbesondere auf Strategie- oder aktiv gemanagte ETF."

Unter dem Strich wird klar: "Der Trend zu immer komplexeren Strukturen in der Anwendung von Indexfonds ist unübersehbar", sagt Rocco Damm von der Dresdner Vermögensverwaltung Damm Rumpf Hering.

Die Industrie selbst sieht diese Entwicklung und mahnt: "Innovationen sind gut, aber die ETF-Industrie kann durchaus Gefahr laufen, sich irgendwann selbst zu überholen und immer komplexere und wenig am Kundeninteresse orientierte Produkte aufzulegen", heißt es zum Beispiel von BGI-Sprecher Bubeck.

Überdreht die Branche? Offenbar ja. "Mit den neuen, aktiven ETFs verschwimmen die Grenzen zwischen passiven und aktiven Anlagen und die Transparenz als größter Vorteil schwindet. Auch der Kostenvorteil geht über Bord. Je komplexer ein ETF ist, desto mehr gleichen sich die Kosten den aktiven Produkten an", rügt Flöck.

Komplexe Kosten

"Neben den Gebühren sind dort die Handelskosten und die Geld-Brief-Spanne entscheidend. Diese können durch die mangelnde Transparenz der Produkte beachtlich sein." Für die Unternehmen ist es ein wohltuender Seiteneffekt, dass sie für die komplexeren Strukturen höhere Gebühren vereinnahmen kann. Der Hedgefonds-ETFs des Hauses kostet zum Beispiel 0,9 Prozent im Jahr.

Für den Anleger bedeutet das allerdings eines - zwar wird es die einfachen Produkte auch weiterhin geben. Doch die Zeiten, in den ETFs allein den einfachen Nachbau eines Indexes versprachen, sind vorbei.

Den Anbietern der Klassiker bleibt als Trost die Einschätzung Flöcks. "Ich bezweifle, dass es einen wirklichen Markt für diese Art von ETFs in Europa gibt. Denn wer soll diese Produkte kaufen?"

Beim Abschied deutet Rampulla übrigens auf die bronzefarbenen Paneele seines Londoner Büros. Kein Metall, beteuert er, nur Farbe. Es funktioniert und ist günstig. Fast als hätte sich der Raumausstatter an der ursprünglichen Idee der ETFs orientiert.

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