Konjunktur "5 Prozent Inflation ab 2011"

Deflation oder Inflation, wohin geht die Reise? Thomas Straubhaar begrüßt zwar die expansive Geldpolitik gegen die Rezession. Der HWWI-Direktor fürchtet aber, dass die Stimmung am Ende des Abschwungs schneller dreht, als den Notenbanken recht ist - und sagt im Interview stark steigende Inflationsraten voraus.

mm.de: Herr Straubhaar, Sie warnen vor einem drastischen Anstieg der Inflationsraten. Welches Szenario schwebt Ihnen vor?

Straubhaar: Zunächst sehe ich - wie alle meine Kollegen auch - in diesem Jahr eher Deflationserwartungen. Um dies zu drehen, so sagt es jedes Lehrbuch, muss man Inflationserwartungen erzeugen. Das machen die Notenbanken derzeit weltweit, indem sie in einer ersten Stufe die Zinsen heruntergestuft haben und mit frisch gedrucktem Geld Anleihen kaufen. So wird die Zentralbankgeldmenge ausgeweitet. Die Notenbanken beginnen nun in einem weiteren Schritt sogar damit, gegen frisch gedrucktes Geld "toxische Papiere" hereinzunehmen. In der Summe sehen wir eine Vervielfachung der Zentralbankgeldmenge. Die Frage ist nun, inwieweit das auch in der realen Wirtschaft ankommt.

mm.de: Momentan passiert das jedenfalls noch nicht.

Straubhaar: Richtig, die allgemeine Unsicherheit hat die Nachfrage nach Geld noch nicht so sehr nach oben gepusht. Wissenschaftlich könnte man sagen: Die notwendige Voraussetzung für eine Ausweitung von M3 ist gegeben, sie ist aber noch nicht hinreichend. Das ist erst dann der Fall, wenn die Bankbilanzen saniert sind und die Konjunktur ihre Talsohle durchschritten hat. Dann wird das Geld auch in den Wirtschaftskreislauf fließen und die Inflationsraten werden steigen.

mm.de: Das sehen nicht alle ihre Kollegen so.

Straubhaar: Richtig, viele meiner Kollegen sagen, es sei im entscheidenden Moment möglich, die Entwicklung zurückzudrehen und das Geld wieder einzufangen. Da sage ich aber, wir wissen aus historischen Erfahrungen, dass das in der Regel zu spät erfolgt.

mm.de: Dass die Geldmenge noch nicht wirklich steigt, liegt jedoch nicht nur daran, dass die Nachfrage der Unternehmen fehlt. Ein Grund ist auch, dass viele Banken das frische Geld in ihrem Sektor halten, um sich selbst damit zu sanieren.

Straubhaar: Beides findet statt. Das Geld wird auch von den Banken benötigt, um ihr Eigenkapital aufzustocken. Aber die Banken sind durchaus auch daran interessiert, das Geld weiterzugeben. Sie fordern allerdings zunehmend höhere Risikoprämien und mehr Eigenkapitalunterlegung von den Firmen. Das wiederum mindert die Kreditnachfrage der Firmen. Solange die konjunkturelle Unsicherheit noch so groß ist wie zurzeit, wird die Kreditnachfrage auch schwach bleiben. Das Inflationsszenario wird daher in diesem Jahr noch nicht greifen.

mm.de: Sondern?

Straubhaar: Sobald die Erwartung beziehungsweise die Stimmung in der Wirtschaft und bei den Menschen dreht. Alle Regierungen und alle Notenbanken arbeiten zurzeit ja heftig daran, die Erwartungen zu ändern und dafür zu sorgen, dass die Menschen sagen: Es geht wieder aufwärts. Insofern ist es gerade deren Ziel, Inflationserwartungen zu erzeugen. Sobald das Ziel aber erreicht ist, bekommt die Sache eine rasante Eigendynamik, die sich mit einem einfachen Rückwärtsdrehen der Geldpolitik nicht wieder einfangen lässt. Und dann haben wir genau die Inflationsentwicklung, die ich prognostiziere.

"EZB muss vielleicht schon 2010 das Geld wieder einsammeln"

mm.de: Die Politik der Notenbanken zielt derzeit also nicht so sehr darauf, die Deflation zu verhindern, sondern, Inflationserwartungen zu schüren?

Straubhaar: Richtig ist beides. Und das ist auch gar kein Widerspruch. Es geht mir daher auch nicht darum, die EZB zu kritisieren. Schon Fed-Chef Ben Bernanke hat in seiner berühmten Dissertation beschrieben, wie die Notenbanken die Erwartungen drehen müssen, um nicht aus einer Deflation eine Depression werden zu lassen. Und genau das tun sie jetzt.

mm.de: Wie sieht ihr Zukunftsszenario konkret aus?

Straubhaar: Aufgrund der Erfahrungen früherer Rezessionen und der Entwicklung nach der Wiedervereinigung erwarte ich einen Anstieg der Inflationsraten auf über 5 Prozent ab 2011.

mm. de: Letztlich bedeutet das, sie erwarten, dass die EZB eher zum Erfolg kommen wird, als ihre Kollegen glauben.

Straubhaar: Mit der Einschränkung, dass der Erfolg der Geldpolitik von heute die Inflationserwartung von morgen ist. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlen muss, um aus einer Deflation nicht eine Depression entstehen zu lassen. Das ist eben nicht kostenlos zu bekommen. Und um diese Kosten gering zu halten, muss die EZB schon das Feld vorbereiten und die öffentliche Meinung und die Politik dafür gewinnen, dass sie noch im Tal der konjunkturellen Entwicklung - vielleicht schon Anfang kommenden Jahres - das Geld einsammeln wird. Das muss sie sehr früh tun, obwohl sie dann noch damit rechnen muss, dass die Arbeitslosenzahlen weiter steigen.

mm.de: Was macht Sie denn so optimistisch, dass die Stimmung so schnell wieder dreht? Schließlich haben wir einen enorm steilen Absturz hinter uns.

Straubhaar: Gerade weil der Absturz so rasant und so brutal war, so ist meine These, können wir auf der Angebotsseite nach dem Abschwung mit denselben Technologien arbeiten wie vor der Krise. Das heißt: Beim Produktionspotenzial ist praktisch nichts passiert. Das ist anders als bei einem Krieg oder einer schweren Naturkatastrophe, wo Produktionspotenzial zerstört wurde und erst wieder aufgebaut werden muss. Wir haben auch keine Abwertung des Potenzials durch technologische Weiterentwicklungen. Was wir sehen, sind gewaltige Probleme auf der Finanzierungsseite. Die müssen gelöst werden. Dann geht die Wirtschaft schlagartig, genauso schnell wie sie abgestürzt ist, wieder nach oben.

"Wir könnten erneut eine Asset-Inflation bekommen"

mm.de: Neben der Geldmenge und dem Produktionspotenzial ist in Sachen Inflation die Umlaufgeschwindigkeit die dritte bestimmende Größe. Wie steht es mit ihr?

Straubhaar: Richtig, und die Zweitrundeneffekte, die von hohen Lohnabschlüssen herrühren können. Die sieht man im Moment allerdings tatsächlich noch nicht. Aber wenn es so kommt wie ich erwarte, dass der Apparat sehr schnell wieder angeworfen wird, wird es vor allem für Fachkräfte und qualifizierte Arbeitskräfte sehr schnell wieder relative Knappheit geben. Das dürfte der absenkenden Wirkung größerer Arbeitslosigkeit auf die Lohnkosten und damit auf das Preisniveau entgegenwirken.

mm.de: Und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes?

Straubhaar: Da gibt es zurzeit sehr viel Unsicherheit in beide Richtungen. Es gibt sicher einige, die ihr Geld in der Erwartung einer Deflation nicht ausgeben, weil sie mit sinkenden Preisen rechnen. Das spricht eher für einen Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit. Aus der höheren Sparquote jedoch grundsätzlich zu schließen, dass die Leute ihr Geld nachhaltig behalten und nicht ausgeben, halte ich für falsch.

mm.de: Warum?

Straubhaar: Die Sparquote ist nichts anderes als ein statistisches Artefakt. Alle die Wertpapiere verkauft haben und das Geld jetzt als Bar, Fest- oder Termingeld halten, fallen da rein. Es heißt also nicht, dass die Masse der Bevölkerung mehr spart. Es wird vor allem Vermögen umgeschichtet.

mm.de: Sobald die Krise voll am Arbeitsmarkt angekommen ist, könnte sich das aber sehr schnell ändern.

Straubhaar: Einverstanden. Da gibt es aber gerade in Deutschland automatische Stabilisatoren, die dagegen wirken.

mm.de: Alles in allem kommt es also vor allem auf die Stimmung unter den Menschen an und ob es den Verantwortlichen gelingt, diese schnell zu drehen.

Straubhaar: Absolut. Und das ist genau Sinn und Zweck der expansiven Geld- und Fiskalpolitik. Letztere trägt natürlich ebenfalls den Keim späterer, höherer Inflationsraten in sich. Zwar ist die EZB unabhängig. Es wird aber früher oder später unterschiedliche Interessen im EZB-Board geben. Je peripherer ein Land ist, umso eher ist aus fiskal- und realpolitischen Überlegungen heraus eine etwas laxere Geldpolitik in seinem Interesse.

mm.de: Im Grunde befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie zu jener Zeit, als die Grundlage für die jetzige Finanzkrise gelegt wurde. Wieder wird in brenzliger Situation viel Geld in die Märkte gepumpt. Beim letzten Mal entstand keine breite Inflation. Stattdessen entwickelten sich einzelne Blasen auf den Finanzmärkten. Kann sich nicht auch dieses wiederholen?

Straubhaar: Auch das würde ich nicht völlig ausschließen. Wir könnten durchaus erneut eine Art Asset-Inflation bekommen. Wenn sehr viel Geld in Sachwerte fließt, könnte es für Vermögenswerte und auch Aktien wieder zu erheblichen Preissteigerungen kommen.

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