Börse Wo ist Oliver Kahn?

Was die Börse dieser Tage mit der deutschen Fußballnationalmannschaft zu tun hat, wann ein genauerer Blick lohnt und was es mit dem Charme von Zement auf sich hat, erklärt Thomas Körfgen, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft SEB Asset Management, im Gespräch mit manager-magazin.de.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Körfgen, an einem Tag steigen Bankentitel kräftig, nachdem sie tags zuvor mindestens ebenso kräftig verloren haben - lässt sich aus so einer Datenlage überhaupt ein Trend herauslesen?

Körfgen: Die Börse, wie wir sie noch von der Zeit vor einem dreiviertel Jahr kannten, die gibt es aktuell nicht mehr. Trends sind nicht zu erkennen. Die Börse schaut nur noch auf die kurzfristig aufflackernden Nachrichten und nicht mehr ein halbes Jahr nach vorn. Solange sich das nicht ändert, wird es an der Börse auch so bleiben wie es ist - unruhig.

mm.de: Was bedeutet das nun für die Anleger - ihr Pulver trocken halten, wie es immer so schön heißt?

Körfgen: Jein. Auf der einen Seite ist es gut, viel Geld in "Cash" zu halten. Das haben wir bei manchen unserer Aktienfonds getan, seit vergangenem September zwischen 20 und 30 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die bieten Chancen, das darf man nicht verkennen.

mm.de: Welche?

Körfgen: Das sind zum Beispiel einige Immobilienaktien …

mm.de: … die zwischenzeitlich extrem gelitten haben.

Körfgen: Genau, die extrem gelitten haben. Aber diejenigen, die über ein gutes Management, gesunde Bilanzen und hohe Dividendenrendite verfügen sind ein Investment wert.

mm.de: Welche Unternehmen zum Beispiel?

Körfgen: Belassen wir es mal bei der Kategorie als Beispiel. Die Immobilienaktien sind vor allem gefallen, weil viele Investoren etwas verkaufen mussten - und diese Aktien seinerzeit deutlich im Plus standen.

mm.de: Die Krise läuft doch schon einige Zeit - warum wirkt der Markt noch immer so verstopft?

Körfgen: Das ist wie mit der deutschen Nationalmannschaft. Es gibt die Zeit vor Lehmann, und es gibt die Zeit nach Lehmann. Nach so einer Änderung muss sich alles erstmal setzen, das braucht Zeit.

Rückkehr des Risikos

mm.de: Wie viel Zeit?

Körfgen: Ich denke, im zweiten Halbjahr können die Kurse wieder langsam aufwärtsgehen; gängige Meinung ist, dass sich die wirtschaftliche Situation im zweiten Halbjahr wieder verbessert, wir glauben, dass sich dies noch bis in das Jahr 2010 hinziehen kann.

mm.de: Und dann - geht der Zyklus aus Gier und folgender Panik wieder von vorn los?

Körfgen: Nein, es gibt einen schleichenden Paradigmenwechsel. Die Produkte ändern sich, weil das Risiko nun endlich in den Vordergrund tritt. Bislang war das eine Größe, die für viele Anleger nur schwer zu fassen war. Nun ist deutlich geworden, dass das Risiko eines Sparbuchs eben nicht mit dem Renditepotenzial von Aktien einhergeht.

Es gab in meinen Augen drei Phasen der Produkte. Die erste war bis etwa 1999/2000 in der die Fonds versuchten, den Index zu schlagen. 2001 folgte die Zeit der Absolute- und Total-Return-Produkte, die seit etwa 2007 um die Konstruktionen verfeinert wurden, die eine bestimmte Risikovorgabe vor Augen haben. Es sollen stete Erträge erwirtschaftet werden.

mm.de: Aber das Risiko war doch schon immer ein Thema, schon bei der Bankberatung und der klassischen Einteilung in die fünf Risikoklassen.

Körfgen: Ja, aber das Risiko wird anders gewertet werden. Und das wird eben auch auf die Produkte durchschlagen. Sie werden komplexer werden, um bestimmte Risikovorgaben einzuhalten und daraus das Beste zu machen. Es geht also nicht mehr darum, Aktien oder Anleihen um ihrer selbst willen zu kaufen, sondern mit ihnen als Werkzeug bestimmte Zielvorgaben einzuhalten.

mm.de: Es wird also komplizierter?

Körfgen: Auf der Produktebene sicherlich, da gebe ich Ihnen recht. Kunden und Berater müssen umdenken. Aber wegen ihrer Vorgaben sind diese neuen Produkte immer noch transparenter als Zertifikate: Da gab es ja Konstruktionen, die keiner mehr verstanden hat, mit klingenden Namen, die keinerlei Bezug zum eigentlichen Investitionszweck mehr erkennen ließen.

mm.de: Ist das für den durchschnittlichen Privatanleger nicht etwas viel?

Körfgen: Der Privatanleger hat manchmal geniale Züge; und das ist durchaus ernst gemeint. Die stellen sich beispielsweise die Frage, warum sie die Aktie eines Handelsunternehmens kaufen sollen, in dem nie Kunden zu sehen sind.

Glück auf

mm.de: Was bleibt uns für die Börse als Hoffnungsschimmer?

Körfgen: Die Megatrends. Das ist keine neue Entwicklung, ich weiß. Aber sie bleiben trotz der globalen Krise bestehen und sind komplett in den Hintergrund getreten. Das sind Themen wie die Bevölkerungsstruktur und der Bedarf an Infrastrukturprojekten. Davon profitieren langfristig bestimmte Branchen. Nehmen Sie mal das Beispiel Zement. Um Immobilien oder Infrastruktur zu bauen, ist dieser Baustoff absolut notwendig. Der Transport lohnt sich aber nur über eine bestimmte Distanz. Es gibt einige Unternehmen, die davon profitieren können.

mm.de: Welche Rolle spielen eigentlich die aktuellen politischen Rettungsversuche?

Körfgen: Lassen Sie mich mal eine Lanze für die Politiker brechen. Jeder Politiker, der helfen will, begibt sich ins Neuland, es gibt ja keine "showcases". Ich glaube aber, dass man diese Rettungsversuche aus der Politik tatsächlich braucht. Der Wendepunkt der Krise war die Pleite von Lehman - die hätte man nicht kaputtgehen lasen dürfen. Die Krise hätte sich nicht so verschärft.

mm.de: Eine letzte Frage: Wie soll die Stabilität an die Börsen zurückkehren? Um in Ihrem Fußballbild zu bleiben - wo ist Oliver Kahn?

Körfgen: Das Geld ist da, nur keiner investiert. Das kommt erst wieder, wenn die Hauspreise in Amerika sich stabilisieren und nicht mehr fallen. Das schlägt auf die Renten durch, und dann fangen die Unternehmen auch wieder an, glaubhaft Gewinne auszuweisen. Und dann kann die Börse auch wieder die üblichen sechs Monate in die Zukunft schauen. Wie soll man denn derzeit zum Beispiel eine Dax-Prognose wagen, wenn 25 Prozent des Index aus Finanztiteln bestehen, deren Gewinnsituation völlig schleierhaft ist?

mm.de: Glück auf?

Körfgen: Ja genau, Glück auf.