Montag, 9. Dezember 2019

Lebensversicherer "Finanzakrobaten gewinnen die Oberhand"

Die Lebensversicherer werden der Finanzkrise wohl mit einem blauen Auge entkommen. Sind sie auf dem richtigen Weg? Mitnichten, sagt Experte Manfred Poweleit. Viele Anbieter gingen in der Produktpolitik und Beratung einen verhängnisvollen Weg. Die Branche laufe Gefahr, vor ihrer eigentlichen Aufgabe zu kapitulieren.

mm.de: Herr Poweleit, blicken wir auf das auslaufende Jahr der Lebensversicherer. Die Zahl der neuen Verträge wird wohl um 7 Prozent auf sieben Millionen Euro sinken, die Beiträge aber um 2 Prozent auf 77 Milliarden Euro wachsen. Ein ordentliches Ergebnis mitten in der Finanzkrise?

Risiko: Die Lebensversicherer richten ihre Produkte immer stärker am Kapitalmarkt aus. Das eröffnet Chancen, birgt aber auch Risiken, die der Versicherte allein trägt.
Poweleit: Das ist ein grausames Ergebnis. Das ohnehin nur leichte Beitragswachstum speist sich vor allem aus der letzten Riester-Stufe in der Lebensversicherung, die höhere Beiträge nach sich zieht. Das frische Geld fließt also mehr oder weniger automatisch in die Kassen der Versicherer. Mit Verkaufserfolgen oder einer unternehmerischen Leistung hat das nichts zu tun.

mm.de: Mancher Protagonist der Branche glaubt gleichwohl, die Lebensversicherer könnten die Gewinner der Krise werden. Verschreckte Bankkunden wendeten sich vermehrt der Assekuranz zu, heißt es. Teilen Sie diese Einschätzung?

Poweleit: Finanzielle Vorsorge für das Alter ist nur ein Aspekt der Lebensversicherung. Und da müssen wir sauber trennen, zwischen der klassischen Kapitallebens- und Rentenversicherung auf der einen sowie der fondsgebundenen Rentenversicherung auf der anderen Seite. Krisengewinner könnten die traditionellen Produkte werden, die lange Zeit im Verruf standen, renditeschwach und unflexibel zu sein. Verlierer könnten die fondsbasierten Produkte sein. Der Erfolg der traditionellen, weniger riskanten Altersvorsorgeprodukte wird vermutlich aber nicht ausreichen, den Einbruch der fondsgebundenen Policen auszugleichen.

mm.de: Dabei könnte der Garantiecharakter der klassischen Produkte gerade in unsicheren Kapitalmarktzeiten ein gewichtiges Verkaufsargument sein. Setzt die Branche es richtig ein?

Poweleit: Offenbar nicht, denn die Verkaufszahlen sprechen eher dagegen. Bei der Allianz zum Beispiel sind die Prämieneinnahmen mit fondsgebundenen Policen im dritten Quartal um 1,3 Milliarden Euro eingebrochen, die der klassischen Produkte aber nur um 400 Millionen Euro gestiegen. Das dürfte im Branchentrend auch nicht anders aussehen.

mm.de: Das Verkaufsargument der klassischen Garantie zieht also nicht richtig?

Poweleit: Auf seiner jüngsten Pressekonferenz hat der Lobbyverband GDV dieses Argument leise in Erinnerung gerufen, in der Masse aber geht es unter. Ich kann in der Branche auch keine übergreifende Strategie erkennen, um den Verbrauchern deutlich zu machen, dass in der Altersvorsorge im Grunde die Rendite nach Risiko zählt und dort die traditionellen Lebensversicherungsprodukte besser abschneiden als die vom Investmentbanking angeleiteten Produkte der Versicherer. Hier sehen wir vor allem eines: viel heiße Luft.

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