US-Wahlen "2000 Dollar für jeden!"

Politische Börsen haben kurze Beine, weiß der Börsianer. Aber stimmt das wirklich? Immerhin wählt mit den USA die bedeutendste Volkswirtschaft der Welt. Und was soll mit den 700 Milliarden Dollar des Hilfspakets geschehen? Pioneers US-Fondsmanager John Carey gibt Antworten.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Die USA wählen - ist das in diesen krisengeschüttelten Zeiten eine Wahl, auf die Sie achten? Oder gilt der alte Spruch, dass politische Börsen kurze Beine haben?

Carey: Eine Wahl kann durchaus einen psychologischen Effekt haben. Die Menschen sehen darin die Möglichkeit eines Neuanfangs - und vergessen manchmal, dass die wirtschaftlichen Probleme ganz banal weiterlaufen und verbunden sind mit dem normalen Rhythmus der Wirtschaftszyklen und nicht mit der Demarkationslinie zwischen einer Administration und der nächsten. Daher kann sich der Effekt einer Wahl ganz schnell abnutzen, wenn sich die Menschen wieder auf die zugrunde liegenden Geschäftstrends konzentrieren.

mm.de: Sind die Vorstellungen der beiden Präsidentschaftskandidaten McCain und Obama eigentlich so unterschiedlich, dass Sie Ihre Arbeit als Fondsmanager beeinflusst? Aus Europa wirken die Unterschiede recht verwaschen.

Carey: Sicherlich haben die zwei Kandidaten schroff unterschiedliche Politiken im Bezug auf Handel, Steuern und Regulierung, Außenpolitik, nationaler Verteidigung und sozialen Fragen geäußert - und auch als Senatoren unterstützt. Doch wann immer man sich die Bedeutung eines Präsidenten vor Augen führt, sollte man im Auge behalten, dass es der Kongress ist, der die Gesetze macht, die der Präsident abzeichnet. Und das jedes dieser Gesetze das Ergebnis langer Debatten, Diskussionen und Kompromisse mit den Repräsentanten ist, die ihrerseits für viele lokale Interessen stehen.

Und ja, ich glaube, dass man im Fonds einige Anpassungen machen wird, abhängig vom Ausgang der Wahl. Sowohl unter Demokraten als auch Republikanern gibt es Chancen, aber auch Risiken.

mm.de: Etliche Börsenweise sagen derzeit, US-Aktien seien unterbewertet. Sehen Sie das auch so - und gilt das für alle Segmente gleichermaßen?

Carey: Auf lange Sicht ja. Ich glaube, dass US-Aktien derzeit unwiderstehliche Werte bieten. Und ja, sie scheinen mir in jeder Industrie und in jedem Sektor günstig zu sein. Der Ausverkauf der vergangenen zwölf Monate war bemerkenswert umfassend.

mm.de: Welches ist nun eigentlich das drückendste Problem der US-Wirtschaft und ihrer Börsen?

Carey: Die Einschränkung der Kreditvergabe ist ein Problem für den US-Markt, aber der wichtige Aspekt für mich ist der Verlust des Vertrauens in breiten Schichten der Bevölkerung in unsere Finanzinstitutionen und in unser freiheitlich geprägtes ökonomisches System.

mm.de: Immobilien, Kreditkarten - gibt es eigentlich irgendein Übel, das noch nicht an die Oberfläche geploppt ist?

Carey: Wir beginnen tatsächlich, Probleme mit Kreditkartenportfolios zu sehen, ebenso mit kommerziellen und industriellen Krediten. Bislang waren ja die Immobilienkredite für Wohnungen und Häuser das Hauptübel, aber es breitet sich aus.

Der leidende US-Konsument

mm.de: Wie stark ist der US-Konsument wirklich betroffen?

Carey: Die US-Konsumenten werden für einige Zeit durch den Absturz der Werte ihrer Häuser leiden. Wir erwarten auch, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Und das wird negativen Einfluss auf die Konsumausgaben haben.

mm.de: Kann China die Rolle des US-Konsumenten von Joe Average übernehmen?

Carey: China hat offenbar das längerfristige Potenzial, ein Hauptabnehmer von Konsumgütern aller Art zu sein. Allerdings haben die Chinesen noch einen weiten Weg vor sich, um ihren Lebensstandard auf westliches Niveau zu heben.

mm.de: 700 Milliarden Dollar hat die Regierung bereitgestellt, um die Krise einzudämmen. Reicht das?

Carey: Blickt man die vergangenen zwölf Monate zurück, lassen sich die Verluste des persönlichen Wohlstands auf 20 Billionen Dollar schätzen. Wenn man dann noch die Verluste der Aktien- und Anleihenbewertungen dazu rechnet sowie die Abschreibungen auf Immobilien, privat wie gewerblich genutzte, und die der Ölquellen und Minen, dann ist das in der Tat eine gewaltige Summe.

Im Vergleich zu dieser Zahl sind die 700 Milliarden Dollar nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich bin mir selbst nicht ganz schlüssig über diese ganzen Bail-out-Anstrengungen, dieses Rettungspaket. Und ich bin etwas besorgt über den langfristigen Effekt dieses Programms auf das US-Defizit, die Inflation und den Dollar.

Kurzfristig scheint der Bail-out allerdings viele Menschen davon zu überzeugen, dass sich die schlimmsten Befürchtungen nicht realisieren werden - namentlich der völlige Zusammenbruch des Finanzsystems. Aber ich sorge mich, dass die Regierung den Schritt zu schnell gemacht hat - mit einem Plan, der bestenfalls halbgar ist.

Etwas verärgert bin ich auch über die Tatsache, dass die Regierung nun teilweise Anteilseigner bei unseren Banken ist. Woran haben die Banken gedacht, als sie sich darauf eingelassen haben? Das hölzerne Pferd durch das Tor zu ziehen im vollen Bewusstsein, dass es voller griechischer Soldaten ist. Wie im Himmel will sich die Bank dem Einfluss der Regierung entziehen, und welchen Druck wird die Regierung auf die Banken als Anteilseigner ausüben?

mm.de: Lassen Sie uns zum Abschluss ein bisschen philosophieren. Gesetzt den Fall, Sie könnten Neel Kashkari, dem Verwalter des 700-Milliarden-Ungetüms, einen Rat geben - welcher wäre das?

Carey: Gib das Geld den Banken zurück, ohne Einschränkungen, weder Aktien dafür im Austausch, keine Verpflichtungen zur Rückzahlung. Besser noch, gib jedem in den USA einen Scheck über 2000 Dollar. Und noch besser: Weigere dich, es auszugeben, und gib es dem Schatzamt zurück.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.