Privatanleger "Bankgeschäfte werden emotional"

Die Deutschen sparen so viel Geld wie seit 14 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Verständlichkeit der Geldanlagen stark gestiegen. Wie aber reagieren Banken auf dieses Bedürfnis? Eine Spurensuche nach Bankprodukten jenseits von Sparbuch und Festgeld.
Von Grit Beecken

Hamburg - "Gute Aussichten für den Zertifikatemarkt" - so fasst die "Börsenzeitung" Ralph Danielskis Erwartung zusammen. Der stellvertretende Geschäftsführer der Börse Stuttgart, an der Zertifikate gehandelt werden, muss berufsbedingt an die verschrieenen Produkte glauben - trotz der Lehman-Pleite, in deren Folge sich viele Anleger von ihren Banken geprellt fühlen. So viel Optimismus erstaunt jedoch - ob sich künftig noch genügend Bankberater finden, die ihren Kunden Zertifikate empfehlen, ist fraglich. Denn Banker berichten, dass die Menschen wieder risikoärmere Anlageprodukte haben wollen.

Im der ersten Jahreshälfte haben die privaten Haushalte in Deutschland fast 89 Milliarden Euro auf die hohe Kante gelegt. Die Summe entspricht 11,3 Prozent der verfügbaren Einkommen und ist damit die höchste Sparquote seit 1994. Jeder Einwohner sparte - statistisch gesehen - 180 Euro pro Monat. Besonders gefragt waren Tagesgeldkonten und Festgeldanlagen. Experten gehen davon aus, dass die Deutschen angesichts des Abschwungs und des erwarteten Anstiegs der Arbeitslosigkeit noch mehr Geld beiseite legen werden.

"Der Gedanke des Sparens erlebt eine Renaissance", sagt Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis. Vor allem das Sparbuch gehöre zu den bevorzugten Anlageformen. Und es geht noch weiter.

"Beim Gros der Kunden erwarten wir ein noch konservativeres Anlagenverhalten", sagt Postbank-Sprecher Joachim Strunk. Die Postbank stellt sich darauf ein: "Wo man früher eine Geldanlage mal eben so abgeschlossen hat, wird man sich künftig stärker Informationen einholen und sich das Risikoprofil anschauen".

Zertifikate dürften es nach Ansicht des Postbank-Sprechers schwer haben. "Wir denken, dass das Thema Sicherheit mittelfristig die Renditeorientierung verdrängt hat". Habe die Finanzkrise die meisten Anleger doch verunsichert - wenn nicht gar misstrauisch gemacht. "Wir Banken haben in den vergangenen Wochen erlebt, dass die Kunden massiv verunsichert waren. Es wird eine Weile brauchen, bis wir hier wieder bei einem normalen Maß an Vertrauen sind", sagt Strunk.

"Wir machen normal weiter"

Eine von der Postbank in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass 40 Prozent der Deutschen den Empfehlungen ihres Bankberaters künftig weniger trauen werden. Eine Herausforderung für die Banken: "Es kann sein, dass Beratungsgespräche intensiver werden. Das wäre aber auch in Ordnung und wünschenswert", sagt Strunk. Zudem dürften "Bankdienstleistungen emotionaler werden": Kunden hätten festgestellt, wie wichtig eine Bank sei und dass sie Augenmerk auf sie richten sollten.

Doch Anleger können nur das kaufen, was die Banken anbieten. Und das scheint im Großen und Ganzen unverändert zu bleiben. Das zumindest lässt sich aus den Einschätzungen einiger Experten ablesen. "Ich glaube, dass derzeit niemand mit Hochdruck an der Entwicklung neuer Produkte sitzt, sondern dass wir normal weitermachen", sagt Strunk.

Die Fondsbranche ist anderer Meinung: "Standardisierte Produkte, die einzelne Anlageklassen abbilden, sind im Privatkundengeschäft künftig weniger gefragt", sagt Dekabanksprecher Markus Rosenberg. "Viele Anleger trauen sich die Auswahl der passenden Anlageklasse und das richtige Zeitmanagement nicht zu. Künftig wird es deshalb stärker darum gehen, Lösungen anzubieten, die einem konkreten Anlegerbedürfnis, zum Beispiel dem Ansparen auf einen bestimmten Zeitpunkt hin, entsprechen". Und die Produkte sollen transparent und verständlich sein.

"Die Scheu, sich mit komplizierten Produkten auseinanderzusetzen, ist gestiegen. Nur die Scheu, das auch zu sagen, die dürfte entfallen sein - übrigens auch für die Bankberater", sagt der Dekasprecher. Und folgert: "Wir müssen verständliche Produkte anbieten, die mit einer einfachen Funktionsweise ihren Kundennutzen deutlich machen", sagt Rosenberg. Da gebe es verschiedene Ansatzpunkte, beispielsweise Garantieprodukte: "Die bieten den Kapitalerhalt, beinhalten aber auch die Chance, an der Entwicklung eines Index zu partizipieren. Das ist ein klares Produktversprechen".

So einfach ist es nicht, entgegnet Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Mannheim: "Mehr Rendite gibt es nur mit mehr Risiko. Wo soll die Rendite bei einem sicheren Produkt denn herkommen?". Zahle man die Ausfallversicherung in den Produktgebühren schließlich mit. Und die Vertragskonstruktion werde durch die Garantie komplizierter. Oftmals rentiere Festegeld ebenso gut, wenn nicht sogar besser, als Garantieprodukte. Bei größerer Verständlichkeit und Transparenz.

Weber erklärt die lockenden Produkte anders: "Die Banken wollen Innovationen auf den Markt bringen, ihre Produktmanager beschäftigen. Aber ich glaube nicht, dass immer neue Produkte den Anlegern wirklich helfen".

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