Finanzkrise Zwischen Sansibar und Subprime

Nach über einem Jahr Finanzkrise und heraufziehenden Konjunkturwolken werden auch Deutschlands Millionäre langsam nervös. Doch Ruhe ist erste Bankerpflicht. Denn wie heißt es so schön: "Das Geld ist ja nie weg, es haben nur die anderen."
Von Arne Stuhr

Hamburg - Wenn es um die Stimmungslage der - zumindest subjektiv - Schönen und - wahrscheinlich objektiv - Reichen dieser Republik geht, ist Herbert Seckler Experte Nummer eins. Der Sylter Promi-Wirt, der mit einer Warteliste von rund einem Jahr für einen Tisch in seinem Dünen-Restaurant "Sansibar" kokettiert, hat täglich mit ihnen zu tun.

Sylter Promi-Restaurant "Sansibar": "Das Geld ist ja nie weg, es haben nur die anderen"

Sylter Promi-Restaurant "Sansibar": "Das Geld ist ja nie weg, es haben nur die anderen"

Foto: SANSIBAR

Jüngst von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gefragt, wie denn angesichts von Finanzkrise und Inflationssorgen das Geschäft mit der edlen Klientel laufe, antwortete Seckler ganz gelassen: "Ausgezeichnet. In schwierigen Zeiten konsumieren unsere Gäste eher mehr denn weniger. Wenn die mit ihren Sorgen hier ankommen, ist es unser Job, sie wieder aufzurichten. Außerdem: Das Geld sei ja nie weg, es haben nur die anderen."

Wie wahr, wird man sich beim Vermögensverwaltungsgiganten UBS dieser Tage denken. Entzogen private und institutionelle Investoren den Schweizern im abgelaufenen Quartal doch nicht weniger als 27,5 Milliarden Euro. Besonders die allein im Heimatmarkt abgeflossenen rund zwei Milliarden Franken bezeichnete UBS-Verwaltungsratspräsident Peter Kurer als "schmerzhaft". Zwar beträfen die Nettoabflüsse im sogenannten Wealth Management nur rund ein Prozent der verwalteten Vermögen, so Kurer weiter, aber er verhehle nicht, dass ihn diese Entwicklung "außerordentlich ärgert".

Des einen Leid ist des anderen Freud. "Als Privatbank profitieren wir von dieser Krise", sagt Eberhard Hofmann von der Hamburger Berenberg Bank (19 Milliarden Euro Assets under Management). Nicht dass der Leiter des Private Bankings des Hamburger Geldhauses sich über die Finanzkrise freue, aber die "große Verunsicherung bei einigen Großbankkunden" sei für Deutschlands älteste Privatbank durchaus von Vorteil. Die Kollegen bei den Platzhirschen der Branche machten laut Hofmann zwar keinen schlechten Job, aber bei den Renditevorgaben der börsennotierten Institute sei es deren Beratern kaum möglich, den Kunden faire Preise zu bieten.

"Große Vermögen sind häufig stabiler"

In diese Schublade will sich Joachim Häger so einfach nicht packen lassen. "Die Qualität einer Beratung hängt nicht so sehr davon ab, ob es sich um eine Boutique oder um eine global tätige Großbank handelt. Für sehr vermögende Kunden kann aber ein großer Vermögensberater eine ganz andere Vielfalt und Lösungstiefe bieten als ein kleiner", sagt der Leiter des hiesigen Private-Wealth-Geschäfts der Deutschen Bank.

Vielmehr komme es auf die Philosophie an, mit der sich eine Bank diesem Bereich widme. "Wer sich in solchen Marktphasen mit Strukturfragen beschäftigt, der läuft Gefahr, den Kunden aus den Augen zu verlieren. Das darf dem Privatbanker nie passieren", so Hägers Spitze in Richtung Wettbewerber.

Auch den Vorwurf, Großbanken würden ihre Kunden nur mit Konzernprodukten bedienen, lässt Häger nicht gelten. "Wir haben teilweise mehr als 75 Prozent Fremdprodukte in den Depots", so Häger, der rund 50 Milliarden Euro Assets under Management hat und sich bei seinem Ziel, in diesem Jahr zweistellig zu wachsen, voll im Plan sieht.

Dass es in den abgelaufenen zwölf Monaten natürlich erhöhten Kommunikationsbedarf mit den Kunden gab, streitet auch Häger nicht ab. "Das Vertrauen in einige Wettbewerber und teilweise auch in den Markt ist erschüttert", so sein Fazit. Derzeit investiere sein Haus "sehr, sehr viel Zeit in Gespräche mit den Kunden", um über die Gründe und Folgen der Finanzkrise zu informieren. Dass die Depots der vermögenden Klientel bisher weniger unter den Verwerfungen gelitten haben, liege dabei an der auf Schutz und Erhalt und nicht auf Einzeltitel ausgerichteten Struktur. "Große Vermögen sind häufig stabiler aufgestellt, da ihre Struktur mit alternativen Anlagen auf Vermögenserhalt ausgerichtet ist. Zudem laufen diese Kunden nicht gleich jeder Idee nach", hat Häger festgestellt.

Und ab wann zählt man bei Deutschlands Geldprofis zu den Topkunden, die sich diese Ruhe leisten können? Berenberg-Banker Hofmann zieht die Untergrenze bei einem liquiden Vermögen von rund fünf Millionen Euro. "Ab dieser Größenordnung geht der Trend eindeutig dahin, sich insbesondere bei der Strukturierung des Vermögens professionellen Rat zu suchen", sagt Hofmann. Die alte Faustregel "ein Drittel Cash, ein Drittel Gold, ein Drittel Immobilien" habe zunehmend ausgedient. Auf eine feste Einstiegshürde in den Kreis der Topkunden will sich Deutsch-Banker Häger dagegen nicht festlegen, nennt dann aber doch eine Hausnummer: "Ab einem Vermögen von 25 Millionen Euro zählen Kunden sicherlich zu den sehr Vermögenden.

Autos, Schiffe und Privatjets

Und davon gibt es immer mehr. Wie der World Wealth Report der Unternehmensberatung Capgemini und der Investmentbank Merrill Lynch Ende Juni verkündete, gibt es weltweit nun über zehn Millionen Dollar-Millionäre, rund 6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Die Zahl der Superreichen stieg sogar um knapp 9 Prozent. 103.320 Menschen verfügen demnach über ein Vermögen von über 30 Millionen Dollar. In Deutschland gibt es laut Report rund 826.000 Dollar-Millionäre, 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Damit nicht einige von ihnen in der nächsten Erhebung aufgrund der Finanzkrise aus der Statistik fallen, ist auch in deren tendenziell defensiver aufgestellten Portfolios umgeschichtet worden. "Der Finanzsektor wird aktuell eher unter- und Liquidität eher übergewichtet", sagt Falk Lüdicke. Außerdem setzt der Leiter des Portfolio Advisory bei Julius Bär in Deutschland verstärkt auf den Einsatz risikogepufferter Investments wie zum Beispiel Discountzertifikaten. Zu seinen Favoriten zählen zusätzlich Rohstofffonds, ausgewählte Unternehmensanleihen und risikoreduzierte Investments im Fondsmantel.

Bei Berenberg hat man darüber hinaus bei der Kundschaft das verstärkte Interesse an einem Direkteinstieg bei Unternehmen registriert. Dabei muss es sich nicht gleich um Deals von der Größenordnung Schaeffler/Conti oder AWD/MLP (Berenberg selbst verschaffte AWD-Gründer Carsten Maschmeyer ein 15-Prozent-Paket an MLP) handeln, sondern kann sich auch in einer Stock-Picking-Strategie für Mini-Warren-Buffetts niederschlagen.

Während der Trend also eindeutig zu alternativen Anlagen wie Private Equity, Hedgefonds und Rohstoffinvestments geht, setzen die Gutbetuchten beim Ausgeben nach wie vor auf Altbewährtes. Allerdings mit regionalen Unterschieden: Europäer und Südamerikaner kaufen gern Kunst, in Asien und dem Mittleren Osten steht Schmuck ganz oben auf der Shopping-Liste und - Rekordölpreise hin oder her - die Nordamerikaner lieben nach wie vor Autos, Schiffe und Privatjets.

Die Luxusvorlieben der Upper Class spielen auch bei den Kundenveranstaltungen der Vermögensverwalter eine wichtige Rolle. Poloturniere, Golfreisen oder Kulturevents sind da offenbar der richtige Rahmen. Die Banker selbst hängen die Bedeutung dieser Einladungen eher etwas tiefer. "Bei Kundenveranstaltungen strebt man nicht nach immer mehr Exklusivität; es geht vielmehr um das persönliche Miteinander von Kunde und Berater sowie das Knüpfen von Netzwerken", ist Berenberg-Manager Hofmann realistisch. Man sei daher zwar als Sponsor von Poloturnieren aktiv, sonst aber eher bescheiden unterwegs. Wer seiner 2007er-Bilanz die Worte "Bericht über das 418. Geschäftsjahr" voranstellt, setzt eben ganz auf Understatement.

"Es gibt nicht den Kunden", hält auch Deutschbanker Häger wenig von üppigen Luxusevents. "Wir wollen unseren Kunden Zugang zu Menschen verschaffen, den andere nicht verschaffen können", so Häger. Das klingt zwar ein bisschen wie aus der Werbebroschüre, meint aber wahrscheinlich das Gleiche wie sein Kollege von der Privatbank.

"Im Grunde immer pleite"

Doch wie wird ein Reicher eigentlich so reich, dass ein Essen beim Sterne-Koch oder die Loge beim Pferderennen ihn nicht mehr wirklich ködern können? "Wir wissen, dass es bestimmte Wege in den Reichtum gibt, und dazu gehört gewiss nicht die Erwerbstätigkeit", fasste der Vermögensforscher Matthias Grundmann seine Erkenntnisse in einem Gespräch mit der "Welt" zusammen. "Reichtum entsteht über Generationen", so der Soziologie-Professor von der Uni Münster.

Dafür, dass diese Familienvermögen die Sache nicht immer leichter machen, gibt es genügend Belege. Halten sich die Sprösslinge reicher Sippen im Kampf um das Erbe derselben mit öffentlicher Kritik an der eigenen Verwandtschaft oftmals nicht gerade zurück.

In der Regel läuft es allerdings wohl etwas gelassener ab. Bei Berenberg in Hamburg gibt es zum Beispiel regelmäßige Familienkonferenzen, bei denen alle Beteiligten samt ihrer externen Berater zusammentreffen. "Dabei geht es in erster Linie aber um die Strukturierung und Entwicklung des Vermögens und nicht um Erbschaftsstreitigkeiten oder Steuersparmodelle", will Berenberg-Generalbevollmächtigter Hofmann der Legendenbildung vorbeugen.

Apropos Legendenbildung. "Sansibar"-Wirt Seckler war nach eigenen Angaben "im Grunde immer pleite", und den genauen Umsatz seines Restaurants wisse nur sein Buchhalter. "Und der sagt mir: 'Es läuft'. Das genügt mir zur Beruhigung", so der gebürtige Schwabe.

Egal, ob wir ihm das nun glauben oder nicht, schafft er mit dieser Philosophie für seine Kunden in den Rantumer Dünen das ideale Umfeld, um den Anlagestress mit Ausgabefreude zu bekämpfen.

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