Kurssturz Wie in China die Aktienblase platzt

Von Olympiaeuphorie ist an den chinesischen Börsen nichts zu spüren. Mit hohem Tempo befinden sich die Kurse seit Monaten auf Talfahrt, erkleckliche Gewinne von Millionen Kleinanlegern sind bereits verpufft. Aber auch in dieser Krise gibt es Gewinner.

Hamburg - Olympia hin oder her, die Börsen in China kennen zurzeit nur eine Richtung: steil abwärts. In Shanghai liegt der dortige Composite Index gegenüber seinem bisherigen Rekordhoch vom Oktober 2007, als er die 6092-Punkte-Marke übertroffen hatte, inzwischen etwa 60 Prozent im Minus. Am zweiten Handelsplatz auf dem chinesischen Festland, in Shenzhen, sieht es nicht besser aus.

Es ist offensichtlich: Die Blase, vor der der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan schon im Frühjahr 2007 gewarnt hatte, ist geplatzt. Und mit ihr die Träume von Millionen Chinesen, die mit ihren Engagements reich werden wollten. Mit Hochdruck entweicht jetzt heiße Luft aus dem chinesischen Aktienmarkt.

Der Hintergrund: Ähnlich wie die Deutschen während der Interneteuphorie Ende der 90er Jahre haben chinesische Privatanleger in den vergangenen Jahren immer mehr Geld in den dortigen Aktienmarkt gepumpt. Die Zahlen machen das deutlich: Anfang 2006 stand der Shanghai Composite Index bei kaum mehr als 1100 Punkten. Anfang 2007 rangierte er auf dem ebenfalls noch vergleichsweise bescheidenen Niveau von 2675 Punkten.

Dann setzte jedoch der Run ein, der im Oktober des vergangenen Jahres kulminierte. Millionen Chinesen vertrauten bis dahin auf die Stärke ihrer heimischen Volkswirtschaft, deren jahrelang exorbitanten Wachstumsraten den Optimismus zu rechtfertigen schienen.

Seither ist die Zuversicht jedoch in Furcht umgeschlagen, wie sie besonders für Privatinvestoren typisch ist. Der derzeitige Ausverkauf trägt nach Ansicht von Experten die typische Handschrift chinesischer Kleinanleger.

Banken besser als Rohstoffe

Banken besser als Industrie und Rohstoffe

"Auf dem chinesischen Inlandsmarkt, in Shanghai und Shenzhen, entstand eine Blase", konstatiert Alexander Banik, Manager des DWS-China-Fonds. "Es gab Unternehmen, die mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von mehr als 70 gehandelt wurden." Der Aktienmarkt selber hatte laut Banik in der Spitze ein KGV von 50.

Seit im vierten Quartal 2007 die Meldungen immer zahlreicher wurden, dass die Inflation nicht mehr zu bremsen sei, stieg nach Beobachtung von Banik die Risikoaversion der Anleger. "Hinzu kamen die Abkühlungsmaßnahmen seitens der chinesischen Regierung", so der Experte. "Zu nennen ist beispielsweise die Verlängerung beziehungsweise Einführung von Spekulationsfristen bei Immobilientransaktionen sowie die Limitierung von neuen Krediten."

Zu den wichtigsten Faktoren, die beim Stimmungsumschwung eine Rolle spielen, zählt auch nach Ansicht von Weijun Yin, China-Experte von Allianz Global Investors, die Befürchtung eines sich abschwächenden Wirtschaftswachstums im Reich der Mitte. "Vor allem die Exportindustrie könnte aufgrund der hohen Rohstoffpreise unter Druck geraten", so Yin. "Nicht zu vergessen die steigenden Löhne und eine schwächer werdende Nachfrage aus Übersee."

Regierung bekämpft Immobilienspekulanten

Dabei sind nicht einmal alle Branchen gleichermaßen vom Kursrutsch betroffen. "Die Konsum- und Technologiewerte geraten aufgrund der hohen Inflation und der schwachen Nachfrage weiter unter Druck, während sich die Bankenwerte gut behaupten konnten", sagt Yin. "Diese Entwicklung wird von der Aussicht auf die Auflockerung der Geldpolitik weiter unterstützt."

Auch Banik sieht die Banken im Vorteil. "Die meisten chinesischen Institute sind kaum in die weltweite Finanzkrise verstrickt", sagt er. "Im Gegenteil: Ihre Profite sind im ersten Halbjahr 2008 um 40 bis 50 Prozent gestiegen." Auch Unternehmen aus dem Konsumsektor konnten sich bislang gut behaupten.

Zu den Verlierern zählen dagegen Rohstoff-, Industrie- sowie vor allem Immobilienwerte. "Immobilienunternehmen haben sehr gelitten", so Banik. "Seit die Regierung die Spekulation in diesem Markt bekämpft, steigen die Preise längst nicht mehr so rasant. Bei den Unternehmen führt das zu enormen Umsatzrückgängen." Hinzu kommen Bestechungsvorwürfe und andere Verdächtigungen, die die Branche nach Angaben des Experten ins Zwielicht rücken.

Moment zum Einstieg schon erreicht?

Moment zum Einstieg schon erreicht?

Während die Börsen in Shanghai und Shenzhen beinahe ungebremst abstürzen, verzeichnet der Markt in Hongkong als dritter chinesischer Handelsplatz zwar ebenfalls Verluste, aber längst nicht in so dramatischem Ausmaß. Auch der Aufschwung war dort zuvor in geordneteren Bahnen verlaufen. In der Spitze lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis in Hongkong beispielsweise laut Banik "lediglich" bei 32.

Der entscheidende Unterschied: In Shanghai und Shenzhen sind in erster Linie chinesische Privatanleger am Werk, während Hongkong von internationalen Investoren dominiert wird. Erst seit Mitte vergangenen Jahres dürfen auch dort Chinesen handeln - was sich sofort in einem zusätzlichen Kursauftrieb niederschlug.

Bleibt die Frage, wie lange der Abschwung noch anhält. Ist der Moment zum Einstieg vielleicht schon wieder erreicht? Am Donnerstag jedenfalls setzte sich in Shanghai die Abwärtspartie fort, der Index schloss mit Minus 0,4 Prozent bei 2437 Punkten. Hongkong dagegen verzeichnete erstmals seit vier Tagen ein leichtes Plus, der Hang Seng Index  schloss 0,5 Prozent höher bei 21.392 Punkten.

"Es ist zu früh, von Bodenbildung zu sprechen", meint dennoch Allianz-Experte Yin. "Allerdings scheint das Downside-Potenzial begrenzt zu sein." Sollte die noch laufende Berichtssaison doch besser als erwartet abschneiden, könnte das Vertrauen seiner Meinung nach wieder in die Märkte zurückkehren.

Auch Banik ist noch zurückhaltend. "Den August halte ich aufgrund der geringen Liquidität an den Inlandsbörsen und in Hongkong für anfällig", sagt er. "Denn hier können mit wenig Mitteln große Bewegungen erzielt werden."

Ein Ausverkauf ist seiner Meinung nach momentan aber kaum zu befürchten, da die Gewinnsituation bei den meisten Unternehmen noch stabil ist. "Ich gehe im Schnitt von einem Gewinnwachstum von 15 Prozent aus", so der Fondsmanager.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es immerhin. Die Inflation hat sich in China zuletzt etwas abgeschwächt. Die Verbraucherpreise seien im Jahresvergleich um 6,3 Prozent gestiegen, teilte das nationale Statistikbüro am Dienstag mit. Im Vormonat habe die Teuerungsrate noch bei 7,1 Prozent gelegen.

Kurssturz in China: Die Gewinner und Verlierer

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