Dax-Geflüster Volkswagen - völlig schwerelos

US-Autokonzerne weisen Milliardenverluste aus. Daimler sowie BMW schocken die Märkte mit Gewinnwarnungen, auch bei Toyota schrillen die Alarmsirenen. Für Volkswagen scheinen die Gesetze des Marktes und der Schwerkraft nicht zu gelten: Die Aktie schwebt in anderen Sphären. Platzt die VW-Blase?

Hamburg - Die Zeiten haben sich geändert. Wer auf Spritfresser setzt, den bestraft der Käufer. Ford  meldet 8,7 Milliarden Dollar Quartalsverlust, General Motors  gleich 15 Milliarden. So weit, so schlecht - aber irgendwie einleuchtend. Doch dann schockieren auch Daimler  und BMW  mit Gewinnwarnungen, überrascht selbst der Musterschüler Toyota  mit einem drastischen Gewinneinbruch. Es scheint, die ganze Autoindustrie gerate aus der Spur und steuere finsteren Zeiten entgegen.

Die ganze Autoindustrie? Offenbar nicht. Während die Wettbewerber am Berichtstag die Litanei über hohe Rohstoffpreise, Dollar-Schwäche und die miese Autokonjunktur abspulen, präsentiert Volkswagen-Chef Martin Winterkorn Zahlen vom Feinsten und prophezeit der Branche im selben Atemzug schwierige Zeiten.

Damit meint er selbstredend vor allem die anderen. Volkswagen selbst sehe der Zukunft zuversichtlich entgegen. Die Anleger sind begeistert, treiben die Aktie von Volkswagen  zeitweise deutlich über die Marke von 200 Euro. Die Gesetze des Marktes und der Schwerkraft scheinen für die Wolfsburger nicht zu gelten.

Der Erfolg des größten europäischen Autobauers hat Gründe, sagen Experten. Volkswagen habe seine Probleme einige Jahre früher als die Mitbewerber angepackt und den Konzern einem harten Restrukturierungskurs unterworfen. Was BMW  großteils noch bevorstehe, hätten die Wolfsburger längst hinter sich. Personal wurde abgebaut, Kosten gesenkt, die Produktion durch geschickte Modularisierung der Modelle optimiert und zugleich eine Modellpalette aufgelegt, die beim Kunden ankommt. "Davon profitiert Volkswagen und steht deshalb im Vergleich zur Konkurrenz jetzt deutlich besser da", sagt Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB.

"Volkswagen hat seine Hausaufgaben gemacht"

Auch Christian Aust von der Unicredit sieht die Wolfsburger gegenüber anderen Massenherstellern im Vorteil. "Die Kostenstrukturen sind angepasst. Volkswagen produziert Autos, die sich sehr gut verkaufen. Man expandiert in den Emerging Markets und ist dort sehr erfolgreich. Volkswagen hat seine Hausaufgaben gemacht."

In der Tat spielen die sogenannten Schwellenländer für Volkswagen eine immer größere Rolle. Von den weltweit 3,3 Millionen ausgelieferten Fahrzeugen im ersten Halbjahr ging rund ein Drittel nach China, Brasilien sowie Zentral- und Osteuropa. In diesen Regionen wuchs der Absatz im Schnitt um gut 20 Prozent. In China verkaufte Volkswagen genauso viele Autos wie in Deutschland.

Der weltweite Absatz könnte sich sogar noch beschleunigen, schließlich gelangt mit dem Golf VI im Herbst ein neues Volumenmodell auf den Markt. Auch dem neuen Audi Q5, dem neuen Passat CC sowie dem neuen Scirocco trauen die Experten einiges zu. Angesichts des bevorstehenden Modellfeuerwerks spricht der Konzernvorstand gar von einer "Sonderkonjunktur".

Paradoxer Vorteil in den USA

Paradoxer Vorteil in den USA

In den USA ist diese Sonderkonjunktur sicherlich nicht zu erwarten. Das dürfte Volkswagen  gegenwärtig auch kaum stören. Im Gegenteil: Legte man den Wolfsburgern lange Zeit die geringe Präsenz auf dem weltgrößten Automarkt als strategische Schwäche aus, verkehrt sich dies jetzt paradoxerweise zum Vorteil und begründet sogar den gegenwärtigen Höhenflug des Autobauers mit, sagen Experten. "Der Anteil des US-Geschäfts ist bei Volkswagen deutlich geringer als bei Daimler und BMW. Folglich leiden die Wolfsburger jetzt auch weniger unter den Schwierigkeiten des US-Marktes", sagt Unicredit-Analyst Aust.

Dass VW-Chef Winterkorn mitten in der Krise des amerikanischen Automarktes ein neues Werk in den USA plant, wo andere Hersteller Fabriken schließen, muss vor diesem Hintergrund irritieren. Doch Volkswagen könnte mit diesem antizyklischen Investitionsverhalten goldrichtig liegen.

Zum einen produziert der Konzern im Euro-Raum wegen des schwachen Dollar schlicht teurer. Und es ist nicht absehbar, dass der Greenback so schnell wieder in Form kommt. Zum anderen soll die Produktion nicht vor 2010 anlaufen - zu einem Zeitpunkt also, wo der US-Automarkt das Schlimmste hinter sich haben könnte. Volkswagen hat dann die Chance, mit passgenauen Modellen für den US-Geschmack als strahlender Profiteur der Konsolidierung aufzutrumpfen.

"Die Entscheidung ist grundsätzlich richtig", sagt Analyst Aust. Denn schließlich will Volkswagen weiter hoch hinaus und im Jahr 2018 Toyota als Weltmarktführer ablösen und natürlich auch die Renditezahlen der Japaner bringen, an die bislang kaum ein anderer Volumenhersteller rankommt. "Dazu muss man auf den US-Markt, anders ist das nicht zu schaffen."

Also auch strategisch scheint der derzeit erfolgreichste Autobauer Europas auf dem richtigen Weg zu sein. Doch rechtfertigt all dies den unvergleichlichen Höhenflug der Aktie? Auf Jahressicht stehen Volkswagen-Papiere mit rund 40 Prozent im Plus. Angesichts dieser Performance müssen Daimler- und BMW-Investoren vor Neid erblassen, sind ihre Anteile mittlerweile doch 37 Prozent weniger wert als vor Jahresfrist.

Mit derzeit 200 Euro und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16,8 für 2008 haben die Anteilscheine von Volkswagen eine gefährliche Fallhöhe erreicht, sagen Experten. Daimlers KGV liegt für denselben Zeitraum bei 6,7, das von BMW bei 10,5. Kaum ein Analyst wagt derzeit noch, eine Kaufempfehlung für Volkswagen abzugeben.

"VW-Aktie lächerlich überbewertet"

"VW-Aktie lächerlich überbewertet"

"Die Aktie ist nach wie vor lächerlich überbewertet", schreibt Harald Hendrikse von Merrill Lynch. Er sieht das Kursziel bei 100 Euro. Das ist starker Tobak, möchte man meinen. Doch mit seiner grundlegenden Einschätzung steht der Experte unter professionellen Aktienbeobachtern nicht allein. Sowohl Schwope von der NordLB als auch Analyst Aust von Unicredit raten zum Verkauf der VW-Aktie.

Schwope sieht bei den derzeitigen Volkswagen-Kursen von 200 Euro den "Wendepunkt" erreicht. Trotz der neuen Modellpalette sei es zweifelhaft, dass der Konzern sein "exorbitantes Absatzwachstum" der beiden vergangenen Jahre in Zukunft halten könne, meint der Analyst. "VW macht einen guten Job, sie haben gute Produkte und verkaufen viele Autos. Das ist nicht das Thema. Wer sich aber auf das originäre Geschäft konzentriert, muss zu dem Schluss kommen, dass Kurse um 200 Euro fundamental nicht gerechtfertigt sind", erklärt Aust. Der Unicredit-Analyst gibt ein Kursziel von 138 Euro aus, Schwope sieht die Aktie bei 150 Euro angemessen bewertet.

Gefährliche Porsche-Wetten

Einen ganz wesentlichen Kurstreiber machen alle Experten in der seit Monaten anhaltenden Übernahmefantasie aus. Porsche verfügt bereits über 30,29 Prozent der VW-Aktien und will bis Jahresende mit seinen Optionen auch die Mehrheit - sprich 51 Prozent - an dem Autobauer übernehmen.

So mancher Investor, der zuletzt auf den fahrenden Zug gesprungen ist, geht vermutlich davon aus, dass Porsche die Zügel bei Volkswagen  noch fester anziehen und die Restrukturierung weiter vorantreiben wird.

Womöglich spekulieren viele Anleger mit Blick auf die zu vollziehenden Optionsgeschäfte Porsches auch darauf, dass der Partner dieser Transaktion - in der Regel eine Bank - sich die zu liefernden Aktien noch nicht besorgt haben könnte und die Papiere dann am Markt zukaufen muss.

"Diese Marktteilnehmer kaufen auf diesen Verdacht hin und machen die Aktie für den Gegenpart so teuer wie möglich, um ihrerseits davon zu profitieren", erklärt Aust und sieht darin eine mögliche Erklärung für das anhaltend hohe Kursniveau der Volkswagen-Aktie. Einige verwegene Marktteilnehmer setzen unter Umständen auch darauf, dass Porsche  seinen Volkswagen-Anteil deutlich über die angestrebten 51 Prozent hinaus ausbauen könnte.

Die VW-Blase könnte platzen

Das sind gefährliche Wetten. Denn zum einen ist eher zweifelhaft, dass bei den ausstehenden Optionsgeschäften Porsches Vertragspartner sich die zu liefernden Aktien noch nicht in irgendeiner Weise gesichert haben und dann teuer über den Markt einkaufen müssen.

Zum anderen macht es für Porsche strategisch nur wenig Sinn, seine VW-Beteiligung deutlich über die angestrebte Mehrheit auszubauen und eine teure VW-Vollübernahme zu stemmen, sagen Analysten.

Haben Wiedeking und Co. erst einmal die VW-Schwelle von 50 Prozent überschritten, könnte die VW-Blase platzen, warnen die Experten von Lehman Brothers. Ein Szenario, das auch Schwope und Aust nicht ausschließen. Denn ist die Porsche-Spekulation erst einmal raus, könnten sich die Märkte bei Volkswagen blitzschnell wieder auf den Boden der Fundamentaldaten begeben.

Dann ist es vorbei mit der scheinbaren Schwerelosigkeit.

Bildergalerie: Die neuen VW-Hoffnungsträger

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