Dax-Geflüster Flucht aus der Vorstadt

Teures Öl zieht nicht nur den Konsumenten Geld aus der Tasche. Es beschleunigt zusätzlich den Verfall der Häuserpreise in den USA. Viele US-Bürger fliehen aus der Vorstadt und verschärfen die Probleme in der Region. Anleger haben allen Grund, auf weiter fallende Ölpreise zu hoffen.

Mit wenigen Worten hat Ben Bernanke Anlegern etwas Luft verschafft. Der Chef der US-Notenbank hat keine Zinssenkung angekündigt, im Gegenteil. Er sehe erhebliche Risiken für das Wirtschaftswachstum und gleichzeitig ein "kritisches" Inflationsrisiko, warnte Bernanke Mitte Juli vor dem US-Kongress. Der Ölpreis, der am gleichen Tag noch bei 147 US-Dollar notierte, gab daraufhin stark nach und ist seitdem um rund 15 Prozent auf etwa 125 Dollar je Barrel gefallen. Dow Jones  und Dax  erholten sich.

Der Preissturz beim Öl bringt Entlastung in höchster Not. Die Inflation in den USA ist im Juli auf 5 Prozent gestiegen - ein Wert, der die Fed früher oder später zu Zinserhöhungen zwingen wird. In Deutschland ist die monatliche Inflation mit 3,3 Prozent auf den höchsten Stand seit 15 Jahren geklettert.

Auch hierzulande waren Benzin und Energiekosten die Preistreiber. Die Europäische Zentralbank erwägt ebenfalls weitere Zinserhöhungen, obwohl die Konjunktur auch in Euro-Land bereits abkühlt.

Teures Öl verschärft in der aktuellen Finanzmarktkrise die Probleme auf dreifache Weise.

Es zieht erstens den Konsumenten Geld aus der Tasche, weil nicht nur die Kosten für Benzin und Heizöl, sondern mit Verzögerung auch für Gas, Strom sowie für zahlreiche Konsumartikel steigen. "Diese Nachzieheffekte dürften dafür sorgen, dass die Inflation in Deutschland kurzfristig weiter steigen wird", schätzt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus. In den USA ist die Verteuerung des täglichen Lebens besonders schmerzhaft: Die US-Regierung versucht mit Steuerschecks im Wert von 170 Milliarden Dollar den Konsum anzukurbeln. Doch die Wirkung ist geringer als erhofft, wie die gestern veröffentlichten Zahlen zum US-BIP zeigen.

Teures Öl drückt Hauspreise - und verschärft die Krise

Eine durch teures Öl hochgepeitschte Inflation nimmt zweitens den Notenbanken ihr bislang effektivstes Werkzeug aus der Hand. Selbst wenn Fed oder EZB versuchen, durch Zinserhöhungen die Inflation zu zähmen, kann der Ölpreis wie eine "importierte Inflation" wirken. Damit droht das unappetitliche Szenario einer Stagflation: Die Wirtschaft stagniert oder kühlt wegen steigender Zinsen ab. Gleichzeitig steigen aber dennoch die Preise, weil andernorts auf der Welt eine hohe Nachfrage den Ölpreis hochhält.

Doch Öl treibt nicht grundsätzlich die Preise. Ausgerechnet auf dem US-Häusermarkt, der eine Erholung dringend nötig hätte, wirkt teures Öl als Preisdämpfer und verschärft damit die Krise.

Viele US-Bürger verlassen die einst gepflegten Vorstädte und hinterlassen oftmals leer stehende Häuser. Was nützt ihnen ein Häuschen mit Veranda, Gärtchen und zwei Autos vor der Tür, wenn die tägliche Fahrt zur Arbeit nicht mehr bezahlbar ist? Große Autos, mehrspurige Highways und uneingeschränkte Mobilität gehörten bislang zum American Way of Life. Bei Spritpreisen von vier Dollar pro Gallone wird er zum Luxus, den sich viele nicht mehr leisten können.

Die "Mileage" sinkt, Autobauer leiden

Die "Mileage" sinkt - und GM leidet

Nach Angaben der Federal Highway Administration (FHWA) legten US-Autofahrer bereits im März rund 11 Milliarden Meilen weniger zurück als im Vorjahresmonat, ein Rückgang um 4,3 Prozent. Im April folgte ein weiterer Rückgang um 1,8 Prozent. Zum ersten Mal seit 25 Jahren könnte die Fahrleistung in den USA in diesem Jahr zurückgehen, schätzt die FHWA.

Auch die Autobauer spüren das. Der kriselnde Branchenriese General Motors  meldete heute ein Minus von 15 Milliarden Dollar im abgelaufenen Quartal und versucht, die Produktion von spritfressenden Geländewagen auf sparsamere Modelle umzustellen.

Viele US-Bürger sind "gestrandet in Suburbia", schrieb der Ökonom Paul Krugman in der "New York Times". Wer es sich leisten kann, zieht wieder in die City.

Panik in den Randlagen

Die Folge: Die Hauspreise in Kalifornien zum Beispiel sind im Frühjahr im Gesamtdurchschnitt um 25 Prozent gefallen. In einigen Vorstädten der Region rutschten sie teils um dramatische 40 Prozent. Ähnlich sieht es in Colorado und Florida aus: Der Preisverfall in den Randlagen hat sich beschleunigt, zumal die bereits leer stehenden Häuser zusätzlich auf die Preise in der Nachbarschaft drücken.

Dies bringt wiederum zahlreiche Einzelhändler in der Region in Bedrängnis sowie Regionalbanken, die einen Großteil ihres Geschäfts mit Immobilienfinanzierungen gemacht haben.

Vor wenigen Tagen schlossen die US-Behörden die beiden Regionalbanken First National Bank of Nevada und First Heritage Bank NA of California. Die Einzelhandelsketten Mervyns und Bennigans meldeten in dieser Woche Gläubigerschutz an. Die Kaffeehauskette Starbucks, die in ihrer Not bereits in einigen Filialen einen Ein-Dollar-Kaffee anbietet, meldete den ersten Quartalsverlust ihrer Geschichte.

Staatliche Notprogramme gegen "Klingelpost"

Ein weiterer Verfall der Häuserpreise, vor allem in einst repräsentativen Randregionen, ist für die US-Konjunktur sehr gefährlich.

In den Suburbs leben viele Familien der Mittelschicht, die schon lange am Kreditlimit leben und oftmals überschuldet sind. Sie müssen bereits mit der ölgetriebenen Inflation zurechtkommen - die Teuerung des täglichen Lebens trifft sie besonders stark. Fällt dann noch der aktuelle Wert ihres Hauses unter den Wert ihrer Hypothek, packen viele die Koffer: Bei der Bank landet dann die gefürchtete "jingle mail" mit den Hausschlüsseln, die Familie zieht weg, und in der Region steht ein weiteres leeres Haus zum Verkauf.

Auch aus diesem Grund müht sich die US-Regierung, bis zu 400.000 verschuldete Hausbesitzer vor einer Zwangsversteigerung zu bewahren - durch staatliche Garantien im Wert von 300 Milliarden sowie weiteren Steuernachlässen für Hauskäufer im Wert von 15 Milliarden Dollar. Präsident Bush, der lange mit Veto drohte, hat dem Kraftakt jetzt zugestimmt.

Öl für 80 Dollar ist noch keine Rettung

Ölpreis von 80 Dollar ist noch nicht die Rettung

Die US-Regierung erhöht laufend den Einsatz, um die Abwärtsspirale der Häuserpreise zu stoppen und den Konsum wieder anzukurbeln. Nachdem die meisten Steuerschecks verschickt sind, bleibe nur noch wenig Stimulus für das erhoffte Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr, warnte der US-Notenbankchef in dieser Woche. Mit Argusaugen wird man im US-Wirtschaftsministerium daher auf die Entwicklung der persönlichen Einkommen und Konsumausgaben am kommenden Montag sowie auf die Zahlen des Immobilienfinanzierers Freddie Mac  am Mittwoch schauen.

In den Vorstädten häufen sich unterdessen die Alarmzeichen. Der gespenstischen Szenerie großer Shopping Malls, die sich um einen riesigen, aber weitgehend leeren Parkplatz gruppieren, will man in Washington unbedingt entgegenwirken. Ein weiterer Rückgang des Ölpreises, womöglich gar wieder unter die magische Marke von 100 Dollar, käme wie ein Retter in größter Bedrängnis, denn er entlastet vor allem die Mittelschicht.

Was diverse Verhandlungsrunden mit dem Opec-Kartell nicht erreicht haben, soll nun der ganz normale wirtschaftliche Zyklus bewirken. Weniger Nachfrage in den wichtigsten Industrieländern soll den Ölpreis bald wieder auf ein erträgliches Niveau bringen. Die globale Wachstumsflaute und das infolge der Kreditkrise deutlich restriktivere Geldmengen- und Kreditwachstum werden die Inflation letztlich eindämmen, meint John Greenwood, Chefvolkswirt von Invesco.

Das bedeutet: Europa und die USA werden möglicherweise schon 2009 ihre Inflationssorgen wieder los sein. Der Preis dafür sind aber neue Wachstumssorgen - ein stark fallender Ölpreis ist dann wahrscheinlich, wenn nicht nur USA und Europa, sondern auch die derzeit noch stabilen Schwellenländer konjunkturell abkühlen.

Ein Ölpreis unter 100 Dollar entlastet zwar Hausbesitzer und Konsumenten. Für Börsianer ist er dennoch kein Grund zum Jubel: Es wäre ein Zeichen, dass die globale Konjunktur endgültig gedreht hat.

USA: Gestrandet in Suburbia

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