Aktienanlage Börsen-Ach und Krach

Josef Lakonishok gilt als akademischer Altmeister der Aktienanlage. Der Professor aus Illinois verwaltet selbst Investmentfonds im Value-Stil, kauft also unterbewertete Aktien. Doch trotz der weltweit gefallenen Kurse sei das in der Ach- und Krachbörse nicht einfach, sagt er im Gespräch mit manager-magazin.de. Daran seien auch ganz bestimmte Investoren schuld.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Herr Professor Lakonishok, gucken Sie eigentlich noch Fernsehen? Dort spricht man ja nur noch von fallenden Kursen und üblen Zeiten.

Lakonishok: Sport ja, aber nicht CNBC, die Wirtschafts- und Finanzsendungen. Wir werden mit Informationen überhäuft, und das macht die Situation auch so schwierig. Ich denke, früher war die Geldanlage einfacher.

mm.de: Sie prüfen Ihre Portfolios also nicht täglich?

Lakonishok: Nein, das mache ich einmal im Monat. Früher war ich noch strenger mit mir, habe das nur einmal im Quartal angeschaut.

mm.de: Aber das kann sich nicht jeder leisten.

Lakonishok: Der Druck auf die Geldverwalter ist tatsächlich gewaltig. Das liegt auch daran, dass den Anlegern die Geduld fehlt: Während Assetmanager früher das Geld über Jahre verwalten konnten, machen seine Investoren jetzt bereits nach wenigen Monaten Druck und ziehen auch mal das Geld zurück. Das ist ein großer Fehler, man muss geduldig sein. Historisch gesehen ist es aber normal, dass auch ein guter Fondsmanager einige schlechte Quartale hat.

mm.de: Lassen sich Anleger zu ihrem Glück zwingen, indem sie ihre Anteile nicht so schnell zurückgeben können, wie zum Beispiel bei Hedgefonds?

Lakonishok: Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Wer an sein Geld will, der soll auch daran kommen. Aber langfristige Geldanlage scheint aktuell außer Mode zu sein - selbst bei jenen, die es wissen sollten.

mm.de: Die institutionellen Anleger sind also nicht so nüchtern analytisch, wie es sich Normalanleger gern vorstellen?

Lakonishok: Die tun sich beide nicht viel.

mm.de: Bei Ihren Fonds lehnen Sie aber die Annahme neuer Gelder ab.

Lakonishok: Das ist richtig. Wir wollen so verhindern, dass zu viel Geld dort hineinfließt.

mm.de: Aber viele Anleger werden sich fragen, wann diese Extreme aufhören werden.

Lakonishok: Die Frage hat mir neulich auch der Manager eines Pensionsfonds gestellt. Ich habe gesagt: "Wenn ihr wieder kauft." Das ist natürlich eine sehr einfache Antwort, aber eben auch wahr. Und kaufen werden die Menschen wieder, wenn sie Vertrauen gefasst haben.

Ohne geht es nicht

mm.de: Gibt es denn zumindest Anzeichen für dieses Vertrauen?

Lakonishok: Immer wieder. Vor ein paar Tagen hatte die US-Bank Wells Fargo ihre Zahlen vorgelegt. Sie waren besser als erwartet ausgefallen, und die Aktie legte zu. Raten Sie mal um wie viel.

mm.de: 2 Prozent.

Lakonishok: Das hatte ich auch erst gedacht. Ich hatte die Zahlen nicht persönlich gesehen, da ich nicht im Büro war und rief dort an. Auch die baten mich, zu raten. Das lief so ab. 2 Prozent? Nein. 3? Nein. 5 Prozent! Nein. Es waren 13 Prozent. Unglaublich, oder? Und nur weil die Anleger sich positiv überrascht sahen. Früher musste für eine Kursbewegung in der Größenordnung eine wahre Bombe explodiert sein.

mm.de: Und wie kann man von dieser Erkenntnis profitierten?

Lakonishok: Das ist leider nicht so einfach. Es ist ja so, dass Aktien langfristig noch immer das beste Investment sind. Und da vor allem die Value-Aktien. Die kaufen Sie zu einem günstigen Kurs und müssen nicht auf hohe Umsatzsteigerungen bei dem entsprechenden Unternehmen warten.

mm.de: In den vergangenen 18 Monaten hat das aber nicht funktioniert.

Lakonishok: Stimmt. Historisch gesehen gibt es solche Phasen. Das ist für die Betroffenen wenig hilfreich, aber langfristig ...

mm.de: ... geht es ohne Aktien nicht?

Lakonishok: Genau. Abgesehen davon, was sind die Alternativen? T-Bills, die US-Anleihen? Nach Inflation bleibt beim Anleger nichts übrig. Hedgefonds? Nur in der Theorie. Private Equity? Ich weiß nicht. Nehmen Sie einmal das Beispiel Blackstone, die bekanntermaßen die Hotelkette Hilton übernommen haben. Die haben dafür eine Prämie von 40 Prozent gezahlt. Dann rechen Sie noch mal 2 Prozent jährlich fälliger Verwaltungsgebühr hinzu. In 5 Jahren sind das also noch mal 10 Prozent. Da muss Blackstone erst einmal gegenan verdienen. Und das in einem Geschäft, das die ehemaligen Betreiber sicherlich gut verstanden haben, das sind doch keine Narren. Da bleibe ich lieber bei Aktien, bei BASF oder Heidelberg. Wenn ich die kaufe, habe ich die Chance auf langfristige Wertsteigerungen.

mm.de: Trotz des virulenten Risikos?

Lakonishok: Trotz des Risikos. Das ist der Preis für die Prämie - Sie kaufen eine Aktie und das damit eingegangene Risiko wird Ihnen gezahlt.

Die Chancen sind da

mm.de: Aktuell augenscheinlich nicht. Gib es denn Chancen, dass sich das ändert?

Lakonishok: Oh ja. Sicherlich ist die Frage wann, im Timing-Vorhersagen bin ich nicht gut. Es kann also sein, dass es an den Börsen noch einmal um 10 Prozent nach unten geht, aber es wird wieder aufwärtsgehen.

mm.de: Warum?

Lakonishok: Weil die Bewertungen im historischen Vergleich niedrig sind. Das haben auch die Insider erkannt, die inzwischen wieder verstärkt kaufen.

mm.de: Kann das nicht nur reine Kurskosmetik im Interesse des eigenen Hauses sein?

Lakonishok: Nein, dazu sind die Summen zu groß. Die Kernfrage lautet daher, wer nun klüger ist - die Verkäufer der Aktien oder die Insider? Historisch gesehen sind die Insider zumeist klüger.

mm.de: Eigentlich müssten jetzt doch perfekte Zeiten für Value-Jünger wie Sie sein. Bei so vielen günstigen Aktien.

Lakonishok: In der Tat, besonders die von Banken. Nehmen Sie die Papiere der ING. Die haben ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8 bis 9, verdienen aber zwei- bis dreimal so viel wie noch vor wenigen Jahren.

mm.de: Und das Risiko?

Lakonishok: Muss man fair bewerten. Einige der Wertungen der Vergangenheit waren weit weg vom gesunden Menschenverstand. Und nur auf die Rendite schauen, das Risiko aber nicht eingehen wollen, das geht nicht. Da passt es ins Bild, dass viele Investoren bei Commodities long waren und bei Financials short. Das verstärkte die Tendenzen steigender Rohstoffnotierung und fallender Aktienkurse.

mm.de: Muss der Staat so etwas unterbinden?

Lakonishok: Das glaube ich nicht. Es ist ja das gute Recht der Investoren so etwas zu machen. Nur wenn zu viele solchen Strategien folgen, wird das zum Problem. Es gibt zu viele Leute, die das auf beiden Seiten spielen - das ist gefährlich.

mm.de: Aber mit Rohstoffen long zu sein, ist das nicht naheliegend?

Lakonishok: Öl ist in meinen Augen eine Blase.

mm.de: Welche Rolle spielt dabei die Psychologie?

Lakonishok: Eine große. Der Druck, den ich ansprach, führt dazu, dass Strategien oftmals nicht durchgehalten werden. Und dass Anleger kurzfristig handeln. Doch das ist schon von der Kostenseite unklug. Denn jede Transaktion kostet Geld.

mm.de: Viele Value-Investoren sind eher gesetzteren Alters. Hilft das?

Lakonishok: Ich bin 1994 in das Geschäft eingestiegen. Es hilft, schon einmal schwierige Zeiten durchgestanden zu haben.

mm.de: Was kann man in solchen Zeiten Anlegern raten?

Lakonishok: Seien Sie optimistisch, auch wenn es schwer fällt. Es ist besser, zwei Jahre der Idiot zu sein, langfristig aber recht zu behalten. Auch die besten Manager durchlaufen harte Zeiten.

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