Lebensversicherer Rauchen für mehr Rente

Ein kleiner niederländischer Lebensversicherer probt die Revolution. Starken Rauchern zahlt er eine deutlich höhere Rente. Die Rechnung ist verblüffend einfach: Wer qualmt, hat eine geringere Lebenserwartung. In Deutschland gibt es solch ein spezielles Produkt noch nicht.

Hamburg - Der Mann am Telefon hat eine Stimme so rau wie ein Waschbrett. Immer wieder räuspert er sich, so laut und tief, wie es eben nur Raucher tun. Ton Wurtz hängt seit gut 20 Jahren am Glimmstängel. Und er steht zu seiner Sucht. Der 53 Jahre alte Niederländer ist Gründer der Organisation "Stichting Rokersbelangen", setzt sich vehement für die Rechte der Raucher in Holland ein - auch vor Gericht. Schwer vorstellbar, dass die Klage seiner Organisation und zahlreicher Gastronomen demnächst das seit 1. Juli geltende Rauchverbot in Restaurants, Cafés oder Coffeeshops wieder kippen kann. Doch der Mann ist hartnäckig, und hat auch Erfolg damit.

Seinen jüngsten, in den niederländischen Medien viel beachteten Coup hat Wurtz mit einer speziellen Lebensversicherung für Raucher erzielt. Der Gedanke kreist schon lange in seinem Kopf. Denn schon lange empfindet er es als ungerecht, dass Raucher die Nichtraucher in der Lebensversicherung subventionieren. "Im Schnitt haben sie eine um acht bis zehn Jahre niedrigere Lebenserwartung als die Nichtraucher, finanzieren also deren Rente in der Regel über ihre Beiträge mit", ärgert sich PR-Manager Wurtz. Das sollten die Lebensversicherer bei der Kalkulation gefälligst berücksichtigen und den Anhängern des blauen Dunstes dann doch wenigstens eine höhere Rente zahlen.

Der niederländische Anbieter Paerel Leven hat die Idee umgesetzt. Seit März bietet der kleine Lebensversicherer eine Rentenpolice gegen Einmalbetrag speziell für Raucher an - bislang einmalig in den Niederlanden. "Wir berücksichtigen in unserer Kalkulation die eindeutig geringere Lebenserwartung der Raucher und können ihnen deshalb eine deutlich höhere Rente zahlen als die Mitbewerber", sagt Reoland Scheffer von Paerel Leven.

"Die Resonanz ist sehr gut"

Rauchen für eine höhere Rente? Das klingt absurd und mutet an, als wolle da ein Newcomer auf dem Lebensversicherungsmarkt über einen PR-Gag möglichst viel Aufmerksamkeit erregen, um neue Kunden einzufangen. "Das ist ganz bestimmt nicht der Fall", versichert Scheffer, der sich dieses Verdachts nicht zum ersten Mal erwehren muss.

Seit 2007 gibt es den Lebensversicherer Paerel Leven. Mit seiner Raucherrente hat das Unternehmen eine echte Marktlücke entdeckt und ist guter Dinge, sie auch füllen zu können. "Die Resonanz ist sehr gut", sagt Scheffer, nennt aber keine Zahlen. "Nahezu jeder dritte Niederländer raucht. Das ist ein Milliardenmarkt." Hinter der neuen Raucherrente stehe eindeutig ein "kommerzielles Interesse" - Paerel Leven gehöre weder der niederländischen Raucherbewegung an noch arbeite Wurtz für den Versicherer.

Die "Rokerslijfrente" mit ihren im niederländischen Marktvergleich günstigen Beiträgen und um bis zu 16 Prozent höheren Rentenzahlungen bis ans Lebensende bekomme selbstverständlich nicht jeder, denn das würde ja die Kalkulation über den Haufen werfen, sagt Scheffer. Der potenzielle Kunde muss nachweisen, dass er in den vergangenen fünf Jahren mindestens zehn Zigaretten täglich geraucht hat und bei Vertragsabschluss auch noch konsumiert.

"Mitbewerber fürchten um ihr Image"

Mit anderen Worten: Vor der Vertragsunterschrift steht der Urin-Test des Versicherers. Lässt sich in der Urinprobe des Rauchers eine bestimmte Menge der Chemikalie Cotinine bestimmen, die der Körper bei Nikotingenuss bildet und absondert, ist er als Kunde willkommen. Analysieren die Chemiker mehr als 300 Nanogramm Cotinine je Milliliter Urinprobe, dann gilt der Probant als starker Raucher. Scheffer gesteht ein, dass sich der tägliche Zigarettenkonsum mit dieser Methode nicht auf den Glimmstängel genau feststellen ließe. Sie liefere aber verlässliche Anhaltspunkte für die Kalkulation.

Nichtraucher könnten die Raucherpolice selbstverständlich auch erwerben, müssten sich dann allerdings mit einer niedrigeren Rente bescheiden. Und wie verfährt der Lebensversicherer mit Kunden, die nach Vertragsunterzeichnung das Rauchen klammheimlich aufgeben? Für die Höhe der Rente sei das unschädlich. "Der Raucher kann bereits einen Tag nach Vertragsabschluss das Qualmen aufgeben, das ist kein Problem", sagt Scheffer. Es würde auch kein Versicherter nach Vertragsabschluss zu einem neuen Urintest aufgefordert.

Noch hätten die übermächtigen Mitbewerber wie Nationale Nederlanden oder Aegon so eine Raucherrentenversicherung nicht im Produktportfolio. "Weil sie um ihr Image fürchten", sagt Scheffer. Doch spätestens wenn sich die aufgeheizte öffentliche Diskussion um das Rauchverbot in den Niederlanden abgekühlt habe, würde die Konkurrenz nachziehen, vermutet der Sprecher. "Der Unterschied beim Auszahlungsbetrag der Rente ist einfach zu groß. Langfristig werden sie sich das Geschäft nicht entgehen lassen."

"Auch für Deutschland wünschenswert"

Eine spezielle Raucherlebensversicherung nach niederländischem Vorbild, die ihre Tarife und Höhe der Rente klar auf die niedrigere Lebenserwartung der Raucher abstellt, bieten die rund 120 deutschen Lebensversicherer offenbar nicht an. "Mir ist so ein Produkt nicht bekannt", sagt Manfred Poweleit, Chef des etablierten Branchendienstes Map-Report.

Dabei wäre es aus seiner Sicht versicherungsmathematisch logisch und im Sinne einer kundenorientierten Beratung auch wünschenswert, so ein Produkt ebenso in Deutschland auf den Markt zu bringen. "Das Interesse dafür wäre sicherlich vorhanden", ist Poweleit überzeugt. Denn in vielen Bereichen der Lebensversicherung subventionierten die Raucher die Nichtraucher auch hierzulande. Dass es in manchen Versicherungszweigen - etwa in der gesetzlichen Krankenversicherung - auch andersherum läuft, will der Versicherungsexperte dabei gar nicht verschweigen. Doch diese Diskussion steht auf einem anderen Blatt.

Von der Raucherrente als niederländischem Exportschlager will Paerel Leven vorerst nichts wissen. Im Moment plane der Lebensversicherer nicht, sein Produkt auch in Deutschland auf den Markt zu bringen. Man sei aber offen für Gespräche.

Dem niederländischen Kämpfer für den blauen Dunst wäre das nur recht. "Natürlich ist unsere Organisation daran interessiert, so ein Versicherungsprodukt für Raucher auch auf anderen Märkten zu sehen", sagt Ton Wurtz. Bislang habe er aber noch keinen deutschen Versicherer für seine Idee begeistern können.

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