Kampf ums Öl U-Boote, Kälte und ein Scheich

Der rapide steigende Ölpreis sorgt für eine verkehrte Welt. Nun suchen schon arabische Ölscheichs im entlegenen Schweden nach dem wertvollen Bodenschatz. Und die Klimaerwärmung führt nicht zum Energiesparen, sondern löst ein grimmiges Wettrennen um weitere Ölvorkommen unter dem schwindenden arktischen Eis aus.
Von Susanne Schulz

Stockholm - Es ist wie eine Mischung aus den Filmen "20.000 Meilen unter dem Meer" und "Giganten", in dem James Dean am Ende jubelnd im Ölregen steht. Nur dass der heutige James Dean nicht mehr in der texanischen Wüste steht, sondern auf einer Plattform vor der schwedischen Ostseeküste oder in einem russischen Atom-U-Boot unter arktischem Packeis. Und der ölverschmierte Glückspilz heißt auch nicht mehr Jett Rink oder John D. Rockefeller, sondern Torgny Berglund oder Fredrik Öhrn.

Fredrik Öhrn zum Beispiel ist Chef der schwedischen Ölproduktionsfirma Svenska Petroleum Exploration (SPE). Er will Öl vor der schwedischen Ostseeküste suchen. "Das von uns vermutete Ölvorkommen bei der Insel Gotland ist vergleichsweise leicht zugänglich und könnte für eine Ölproduktion von 20 bis 25 Jahren reichen", sagt er zu manager-magazin.de. Gleich zwei Gründe, warum der saudische Scheich Mohammed Al-Amoudi, dem das schwedische Unternehmen eigentlich gehört, lieber in der kalten Ostsee nach dem begehrten Bodenschatz sucht, anstatt im heimischen Wüstensand. "Außerdem ist der Scheich ein großer Schweden-Fan", fügt Öhrn stolz hinzu. Schweden ist Al-Amoudis Wahlheimat.

Die geplanten Probebohrungen selbst soll dann die Tochtergesellschaft Oljeprospektering AB vornehmen, sobald die Regierung zugestimmt hat. Deren Chef Torgny Berglund reibt sich wegen der stetig steigenden Rohölpreise schon die Hände. Er rechnet an dem geplantem Bohrplatz 100 Kilometer südwestlich von Gotland mit rund 350 Millionen Barrel Öl im Wert von 40 Milliarden bis 100 Milliarden schwedischen Kronen (4,28 bis 10,7 Milliarden Euro).

Dass nun plötzlich in Schweden nach Öl gebohrt werden soll, hänge allerdings nicht direkt mit dem steigenden Rohölpreisen zusammen, beteuert Öhrn. Schließlich sei man immer noch ein schwedisches Unternehmen. Warum also nicht in Schweden nach Öl bohren? Das eigentliche Problem ist es nämlich, überhaupt noch leicht zugängliche und ergiebige Ölvorkommen zu finden.

Kalter Krieg im ewigen Eis

Kalter Krieg im ewigen Eis

So geht es auch den Norwegern, die sich bisher zwar nicht über Ölmangel beklagen konnten. Doch seit ein paar Jahren werden die Funde in der Nordsee immer spärlicher und die Suche rückt immer weiter gen Nordpol. Für das Land steht viel auf dem Spiel, denn der Ölsektor macht mit seinen Schwergewichten wie Statoilhydro, Seadrill und DNO 25 Prozent des Bruttosozialproduktes aus und steht für mehr als die Hälfte des Exports.

Norwegen ist der weltweit drittgrößte Erdölexporteur, nach Saudi-Arabien und Russland und finanziert sein üppiges Wohlfahrtssystem und den Pensionsfonds vom Ölgeld. Im vergangenen Halbjahr hat die Osloer Börse aufgrund ihres starken Ölsektors - im Gegensatz zu Stockholm, Frankfurt oder anderen Börsenplätzen der Welt - insgesamt eine positive Tendenz aufgewiesen. Hier hat die globale Bankenkrise kaum Auswirkung gezeigt. Dafür aber der steigende Ölpreis umso mehr. Geld, das gut gebraucht wird für den Wettlauf um die enormen Ölreserven, die unter dem schmelzenden Eis des Nordpols vermutet werden. Und der Wettlauf hat schon längst begonnen.

Beobachter sprechen bereits von einem drohenden Kalten Krieg um die Arktis. Das ewige Eis schmilzt infolge der Klimaerwärmung. Unter ihm am Grunde des Meeresbodens werden enorme Öl- und Gasvorkommen vermutet, die nun in greifbare Nähe rücken. Die Arktis-Anrainerstaaten Norwegen, USA, Kanada, Russland aber auch Dänemark durch die Arktisnähe Grönlands, erheben nun Anspruch auf Teile der immer interessanter werdenden Region. Überdies sind es nicht nur Ölvorkommen, sondern auch die eisfrei werdenden Schifffahrtsrouten, wie die abkürzende Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik, die Begehrlichkeiten wecken.

Säbelrasseln um Hans

Säbelrasseln um Hans

Erstes Säbelrasseln wurde bereits vor drei Jahren hörbar, als Dänemark sich mit Kanada einen erbitterten Streit um "Hans", einen 1,5 Quadratkilometer großen Gesteinsbrocken irgendwo zwischen Grönland und Kanada lieferte. Die beiden Länder gingen dabei mit ungewohnter Forschheit vor. Im Sommer 2007 stachen russische U-Boote gen Nordpol in See und hissten in der Tiefe des arktischen Ozeans eine russische Flagge aus Titan – rechtlich zwar eine bedeutungslose Aktion, doch ein deutliches Zeichen an die anderen Arktisaspiranten. Kanada und Russland rüsten unterdessen ihre Flotten auf, begleitet von aggressiver Polemik.

Karsten Klepsvik, Vorsitzender des Arktischen Rats, in dem die Länder Norwegen, Schweden, Dänemark, Kanada, USA, Finnland, Island und Russland in Nordpol-Fragen kooperieren, hält allerdings das Gerede um einen Kalten Krieg im Eis für übertrieben: "Das ist ein totales Missverständnis", sagt der Norweger zu manager-magazin.de. "Die Arktis ist kein rechtefreier Raum, hier gilt nicht zuletzt das internationale Seerecht", erklärt er. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Die USA haben beispielsweise die Seerechtskonvention nicht ratifiziert, die auch Ansprüche über die 200 Seemeilen vor der eigenen Küste hinaus ermöglicht. Außerdem muss erst noch herausgefunden werden, zu welchem Anrainerstaat welches Gebiet des Nordpols gehört. Ausschlaggebend dafür ist, welcher Abschnitt des Pols auf welchem Kontinentalsockel liegt. Das herauszufinden setzt wiederum langwierige geologische Untersuchungen voraus. Die dabei gewonnenen Daten werden dann von der UN-Kontinentalsockel-Behörde ausgewertet. Sollten zwei Länder demnach Anrecht auf den gleichen Kontinentalsockel haben, dann müssen diese das Problem bilateral lösen. Das birgt weiterhin Konfliktpotenzial.

Allein schon die Tatsache, dass sich die USA, Kanada, Norwegen, Dänemark und Russland Ende Mai bei ihrem Treffen im grönländischen Ilulissat darauf geeinigt haben, diese Seerechtskonvention anzuerkennen, veranlasste den dänischen Außenminister Per Stig Møller erleichtert von einer friedlichen Lösung zu sprechen: "Mit der Ilulissat-Erklärung haben wir einen guten politischen Rahmen für eine friedliche Entwicklung im arktischen Ozean geschaffen", sagte er zum Abschluss der zweitägigen Konferenz. Vielleicht ein Hinweis darauf, wie verfahren die Situation schon war und dass die Ölsuche künftig nicht immer so friedlich verlaufen wird wie an der Küste Gotlands.

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