Rohstoffe Da guckste in die Kupferröhre

Bis Ende Juni 2008 können Anleger noch in Zertifikate investieren, ohne Abgeltungsteuer zahlen zu müssen. Viele dürften zu Rohstoffprodukten greifen - denn der Wert von Commodities steigt seit Jahren. Dennoch geht längst nicht jedes Investment in Kupfer oder Reis auf. Klappt das mit neuen Indexmodellen besser?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es ist ein bisschen wie mit der Geometrie. Hier ein Winkel, dort eine Gerade - und was herauskommt, ist längst nicht jedem klar. Die Rede ist allerdings nicht von Pythagoras und Co., sondern von Zertifikaten. Jenen Produkten, die in Deutschland immer beliebter werden. Allerdings nur bis zum 30. Juni diesen Jahres. Wer später zugreift, muss bei einem Verkauf zwölf Monate später noch keine Abgeltungsteuer zahlen. Aber Vorsicht - wer auf die Schnelle investiert, langt oft daneben und scheitert an der Komplexität der Produkte. Das gilt für allem für Rohstoffpapiere.

Und gerade sie dürften aufgrund der tendenziell steigenden Rohstoffpreise die erste Wahl der Anleger sein. Doch bei ihnen kam bei den Anlegern von diesem Segen oft nichts an. Geometrie eben. Immer mehr Anleger murrten - und die Finanzbranche hörte offenbar zu.

Immer wieder beschwerten sich Anleger, dass der Preis für Rohstoffe anzog, nicht aber ihr Rohstoffzertifikat, das auf eben jenen Rohstoff setzte. Beispiel Gold: Während der Wert des Goldes seit einem Jahr um rund 40 Prozent zulegte, waren es für den Investor beispielsweise des Feinunze Gold Endlos Zertifikat (DRT) nur rund 18 Prozent. Ein Rechenfehler? Nein, ein Konstruktionsfehler.

Zum einen findet er sich in der Währung. Während die meisten Rohstoffe in Dollar abgerechnet werden, kalkulieren die meisten Zertifikate in Euro. Mit anderen Worten - auch wenn der Dollarwert einen Scheffels Weizen stiege, so sänke doch dessen Eurowert. Schwerer wiegt aber ein anderes Problem. Finanzexperten nennen es Contango. Wieder Geometrie? Nein, das Wort beschreibt eine Situation im Futureshandel. Zertifikate bilden bestimmte Indizes mit Futures nach, standardisierten Terminkontrakten. Sie wurden entwickelt, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern.

Ein Bauer konnte mit ihnen seine Ernte quasi bereits bei der Aussaat verkaufen - zum aktuellen Preis und sofortiger Zahlung. Die Lieferung erfolgte später. Der Landwirt schützte sich so gegen einen möglichen Preisverfall im Verlauf der Saison, der Käufer vor Ernteausfällen und damit einhergehende Preissteigerungen. Eine Wette auf die Zukunft also.

Ein Spiel mit den Erwartungen

Ein Spiel mit den Erwartungen

Da die Futures aber immer nur eine gewisse Laufzeit haben und dann fällig werden, müssen die endlos laufenden Zertifikate die Futures austauschen. Genauer, einen auslaufenden Future verkaufen und stattdessen eines mit späterer Fälligkeit kaufen. Die Experten sprechen vom Rollen.

Weil aber viele Händler und Anleger erwarten, dass die Rohstoffpreise auch in den kommenden Monaten weiter steigen, klettern auch die Preise für jene Kontrakte, die erst weit in der Zukunft fällig werden. Entsprechend müssen die Anlageexperten bei jeder Neuanlage höhere Preise für die neuen Wertpapiere zahlen. Der Kalender verschärft die Situation der meisten Emittenten - "sie kaufen den Future mit der kürzesten Restlaufzeit und verkaufen diese dann zumeist drei bis fünf Tage vor Fälligkeit", sagt Marcel Langer von der UBS. Das birgt zwei Probleme. "Das ist so, als wenn Sie Anleiheinvestor sind, aber nur im Geldmarkt aktiv sein können", so Langer weiter. Denn längerlaufende Futures werden ausgeblendet. "Und Sie schaffen damit unter Umständen ihr eigenes Contango". Weil alle zur gleichen Zeit aussteigen. Sie machen sich den eigenen Markt kaputt, würden Aktionäre sagen. Rollverluste nennen es die Zertifikateanleger. Einfacher gesagt - obwohl der Index steigt, guckt der Anleger in die Röhre.

Mit einer neuen Geometrie soll das nun anders werden. ABN Amro zum Beispiel schuf einen neuen Index für ihre Rohstoffzertifikate, den Rice Enhanced. Während die Klassiker einfach immer einen Futures als Basis nutzt, setzt der RICI Enhanced auf verschiedene Futures - und das noch mit verschiedenen Laufzeiten. Abgesehen davon achten die Indexingenieure auf den Kalender und die klassischen Saisonhochs- und Tiefs der Rohstoffe - und rollen nicht einfach stur monatlich. Bei ABN Amro hofft man, dass dadurch nicht so viel Geld nur in bestimmte Futures gepresst wird. Und damit die Kurse in die Höhe getrieben werden. "So etwas wird Schule machen", ist sich Önder Ciftci von ABN Amro sicher.

Ersetzen soll das neue das alte Modell allerdings nicht, nur ergänzen, so Ciftci. "Es hängt an der Markterwartung des Anlegers. Wer glaubt, dass die Kurse weiter so steigen, ist mit dem Enhanced-Modell besser bedient." Denn die Futures dürften ja nicht ewig in den Fängen des Contango hängen. Die Situation kann sich allerdings schnell umdrehen und es zu einer Backwardation kommen - und dann winken Rollgewinne. Ein Trend, "da werden weitere Produkte folgen", so Ciftci.

Auch bei der UBS gibt es vergleichbare Neuerungen. Bei den Schweizern nennt sich das UBS Bloomberg Constant Maturity Commodity Index. Bei dieser Konstruktion soll Diversifikation vor dem Contango schützen. Obwohl, vollständig vor Contango oder Backwardation schützt auch dieses Konstrukt nicht, so Langer. Aber immerhin, jedem Basiswert liegt nicht ein Index zugrunde, sondern mindestens fünf. Die Restlaufzeiten der entsprechenden Futures sind unterschiedlich. Und Rollen geschieht dabei nicht en bloc, sondern anteilig und täglich. Einfacher wird die Auswahl durch diese Vielfalt für den Anleger sicher nicht.

Überschätzte Sachkenntnis

Überschätzte Sachkenntnis

"Die erfahrenen Anleger kennen das", ist sich Ciftci sicher. Doch ob das Wissen auch des Normalanlegers ausreicht? Eine Studie über das Finanzwissen der Deutschen lässt das ganze in einem etwa anderen Licht scheinen. Axa Investment Managers hat untersucht, wie gut die Deutschen sich bei Investmentfonds auskennen. Geldmarktfonds und Rentenfonds, so eines der Ergebnisse der Erhebung, sind einem Großteil der deutschen Bevölkerung noch immer unbekannt. Immerhin 48 Prozent der Befragten glauben demzufolge, Rentenfonds sorgen für die Absicherung der gesetzlichen Renten. Auch Ciftci selbst räumt ein: "Das ist gar nicht so einfach."

Dabei ist genau das die entscheidende Frage - was liegt dem Zertifikat zugrunde. "Der Anlageerfolg ist eine Frage des Indexbaus und wie diversifiziert er ist", so Ciftci. Keine einfache Frage also für die Anleger.

Zumindest ein Gewinner dürfte jetzt schon feststehen: Jim Rogers. Der Rohstoff-Guru hat bei der Schaffung des RICI-Index mitgewirkt, ihm erneut seinen Namen überlassen. Und vermutlich gut daran verdienen.

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