Dax-Geflüster Noch kein Sommermärchen

Was brachte die aktuelle Woche an der Börse - wenig, wenig. Prinz Poldi und Co. haben die Regentschaft übernommen. Und ein 2:0 oder ein 1:2 sind da wichtigere Kennzahlen als das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Dax von gut 10.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Eine Woche wie gemacht für Sportkommentatoren. Griechenland und seine fußballerische Abwehr gehen bei der Europameisterschaft unter, der Stern Spaniens einmal mehr auf. Fußball-Deutschland hofft dagegen auf den Titel. Und Anlage-Deutschland?

Es schweigt.

Verständlich, denn wirklich prägende Entwicklungen gibt es dieser Tage nicht. Nicht einmal Bundespräsident Horst Köhler, sonst für markige Worte über die Märkte gut, sorgt für eine Steilvorlage. Harte Zeiten für Anleger wie Kommentatoren gleichermaßen.

Bei der Fondsgesellschaft Blackrock gibt man sich in einem Strategiepapier eher diplomatisch. Sind Aktien noch attraktiv? Wir glauben ja, so die Antwort. Das haben wir schon einmal überzeugter gehört.

Andere wiederum sehen Positives vor allem in einem negativen Licht. Die Experten von Axa Investment Managers zum Beispiel legten ein Strategiepapier vor. Darin heißt es, Deutschland habe im ersten Quartal 2008 "Spektakuläres" geleistet, indem es sein Wachstum auf 2,6 Prozent hochschraubte.

Aber, heben die Franzosen den Zeigefinger, nun werde Deutschland einem echten Härtetest unterzogen. Denn der sich abschwächende Export und die Kaufunlust der Deutschen würden die Wirtschaftskraft schwächen. Für die Aktien hieße das Obacht.

Noch ärger scheinen es die Privatanleger zu sehen. Sie ziehen sich zunehmend von der Börse zurück. Gab es 2005 noch 10,8 Millionen Aktien- und Fondsbesitzer, waren es 2007 nur noch 10,1 Millionen. Und die Rechnung umfasst noch nicht einmal die rauen ersten Monate des Jahres 2008.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Haben sich die Anleger etwa an die Börsen-Bauernregeln "Sell in May and go away" gehalten? Nein, sie fliehen die Börse aus allen möglichen Gründen. "Ursache des spürbaren Rückgangs der Aktionärszahlen im vergangenen Jahr, insbesondere im Bereich der Direktanlage, dürfte die Kombination aus der Finanzkrise und dem Beschluss zur Einführung Abgeltungsteuer gewesen sein", sagt Petra Kachel vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Und weiter: "Beides hat bei den ohnehin sensiblen deutschen Anleger zu einer starken Verunsicherung geführt, die vermutlich auch im 1. Halbjahr 2008 angehalten hat." Was sollte die Deutschen auch locken?

Finanzaktien? Die sind nach der Finanzkrise die Rumpelfüßler unter den Wertpapieren. Immobilienaktien als Turnierpapier? Immerhin verkauft das Land Nordrhein-Westfalen 93.000 Wohnungen an den Hedgefonds Whitehall. Geh' her, schleich dich, würden die EM-Ausrichter sagen. Energietitel wie Eon ? Die Rheinländer wollen ihre Chimäre, die Netz AG, auch für ausländische Anbieter öffnen. Könnte das nicht den Wert des Unternehmens steigern? Dem Spiel fehlt die Energie, urteilt die Börse. Bereits seit Mai versäumt es die Aktie, nachhaltig mehr als 135 Euro zu kosten.

Und überhaupt, was ist mit aussagestarken Kursbewegungen im Dax ? Nichts ist's - seit Mai hat sich der Kursstand des Index kaum verändert. Es bleibt nur der Kopf, die Trägheit zu durchbrechen. Denn erst die richtige Einstellung führt zum Erfolg. Die Börsenmalaise als ein Kopfproblem? Bundestrainer Jogi Löw dürfte das auf seine Art bejahen, Amtsvorgänger Jürgen Klinsmann sogar euphorisch.

Tatsächlich handeln Menschen aus dem Bauch heraus. Steigende Ölpreise? Treibt spanische Lkw-Fahrer mit erhobenen Fäusten auf die Straße. Volatile Milchpreise? Lässt deutsche Milchbauern die Früchte ihrer Arbeit wegschütten. Der Ruf nach dem Staat wird allgemein lauter - sei es nach der Wiedereinführung der Pendlerpauschale, sei es nach der Subventionierung des Treibstoffkonsums von Geringverdienern. Ein bisschen hat das was von Schwalbenmentalität. Tritt ein Hindernis auf, fällt man zu Boden und ruft nach dem Schiedsrichter.

An der Börse ist das nicht anders - die Psychologie treibt die seltsamsten Kapriolen. Ob Herdentrieb oder Anchoring, der Bauch denkt mit, wissen Börsenpsychologen. Doch an der Börse ist er kein guter Ratgeber, rehäugiges Zagen funktioniert dort nicht.

Eine staatliche Steilvorlage

Eine staatliche Steilvorlage

Beispiel Inflation. Freilich ist es übel, wenn die Preise dem Einkommen davonlaufen. Doch nur nach dem Staat zu rufen, reicht nicht. Vielmehr lassen sich in so einer Situation auch Chancen für die Anleger erkennen. Zwar glaubt offenbar kaum einer daran. Doch es gibt sie, die Angebote, die der Inflationsfurcht trotzen.

Inflationsbesicherte Anleihen zum Beispiel, als beinharte Defensive - oder Aktien jener Unternehmen, deren Produktpreise von der Inflation gleichfalls nach oben gespült werden. Quasi die kontrollierte Offensive. Ölfirmen sind so ein Beispiel. Oder Wertpapiere von starken Firmen mit steten und sicheren Geldzuflüssen.

Abgesehen davon, kein anderer als der Staat liefert eine Steilvorlage, wieder an der Börse aktiv zu werden. Denn aufgrund der Abgeltungsteuer werden Aktieninvestments künftig weniger lukrativ - außer für jene, die langfristig planen und bereits noch in diesem Jahr einsteigen. Auch Experten erwarten einen Einmaleffekt.

"Die Abgeltungsteuer könnte im Jahr 2008 zu einer kurzfristige Belebung des Aktienmarktes führen, da die Wertzuwächse von bis Jahresende 2008 angeschafften Aktien und Aktienfonds auch in Zukunft abgeltungsteuerfrei bleiben", sagt Kachel von DAI. "Das ist ein Anreiz für verstärkte Käufe in 2008. Bei den Fondsinvestments lässt sich das bereits beobachten. Im April flossen netto 3 Milliarden Euro in Aktienfonds, die im ersten Quartal noch einen starken Rückgang zu verzeichnen hatten."

Der Zeitpunkt zum Wiedereinstieg zumindest ist richtig, meinen Experten. Lorenzo Carcano, Fondsmanager bei Metzler: "Schwierige Marktphasen" seien das ideale Umfeld für Stockpicker, solche Anleger also, die sorgsam einzelne Aktien auswählen. Und zumindest eines sollte doch gerade der Fußball lehren - allein aus der Defensive lässt sich ein Spiel nicht gewinnen.

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