Dax-Geflüster Die zweite Welle rollt an

Das Schlimmste sei überstanden, machen sich bange Banker gegenseitig Mut. Kreditexperten sehen darin reinen Zweckoptimismus: Auf den Markt rolle bereits eine zweite, breitere Welle zu. Nach den Banken kommen nun die Konsumenten in Bedrängnis.

War da was? Seit dem Osterfest haben auch die Finanzmärkte eine Wiedergeburt erlebt. Dax  und Dow Jones  sind in den vergangenen sieben Wochen jeweils um mehr als 10 Prozent gestiegen. Besonders Bankentitel haben ein Comeback erlebt, als sei die weltweite Kredit- und Finanzkrise, deren mögliche Folgeschäden der Internationale Währungsfonds (IWF) auf rund eine Billion Dollar beziffert, bereits nach wenigen Monaten ausgestanden.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sprach im Mai vom "Beginn des Endes" der Krise. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller sieht eine "Bodenbildung" an den Märkten, und US-Finanzminister Henry Paulson, als ehemaliger Investmentbanker ebenfalls in Zweckoptimismus geschult, hält das Schlimmste für überstanden.

Was sind schon 1.000.000.000.000 Dollar möglicher Verlust, die da vom IWF angstvoll an die Wand gemalt werden. Die Fed hat doch die Zinsen gesenkt, die US-Regierung ein Konjunkturprogramm im Wert von 170 Milliarden Dollar angeschoben, und die US-Investmentbank Bear Stearns wurde unter kräftiger Mithilfe der Notenbank auch noch gerettet. Ist doch super.

"Nur die erste Phase hinter uns"

Die Rettung von Bear Stearns  wenige Tage vor Ostern war in der Tat ein starkes Signal für die Märkte. Der britische "Economist" wertet es als eine "No bank left behind" Garantie der US-Notenbank: Wenn man schon Bear Stearns aus der Patsche hilft, wird man auch keine andere Bank im Stich lassen.

Ob die spektakuläre Rettungsaktion sowie die Zins- und Geldspritzen jedoch ausreichen, um den Markt nachhaltig zu stabilisieren, ist zweifelhaft.

"Wir haben bestenfalls die erste Phase hinter uns ", sagt Jochen Felsenheimer, Kreditexperte der Unicredit. Die Krise habe sich von einer Bankenkrise zu einem Problem für die reale Wirtschaft gewandelt - die von explodierenden Rohstoffpreisen noch verschärft wird. "Da rollt noch etwas auf uns zu", sagt Felsenheimer.

Bildlich gesprochen: Die erste Welle hat zahlreiche Banken überspült und pudelnass hinterlassen. Wegen des energischen Einschreitens der Notenbanken, die immer neue Rettungsringe warfen, ist jedoch kein Kreditinstitut untergegangen. Während die Branche "Hurra, wir leben noch" ruft, läuft die erste Welle aus und schwappt dabei auf die reale Wirtschaft in ihrer ganzen Breite über. "Es baut sich eine zweite Welle auf, die breiter und weniger spektakulär, in ihrer Sogwirkung aber nicht weniger gefährlich ist", meint Felsenheimer. Es sei voreilig, zu verkünden, die Krise sei vorbei.

Breitere Woge, größere Sogwirkung

Die Wucht fallender Hauspreise

Das größte Problem sind die weiterhin fallenden Hauspreise in den USA. Der maßgebliche Case-Shiller-Hauspreisindex ist im Februar erneut um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. Eine Bodenbildung sei noch nicht absehbar, teilte das Institut Ende April mit. Dies ist nicht nur ein Problem für die Banken, die Immobilienkredite vergeben. Der Preisverfall trifft den US-Verbraucher mit voller Wucht und ist damit ein Problem für die gesamte Volkswirtschaft.

"Steigende Hauspreise haben es den US-Konsumenten ermöglicht, über viele Jahre hinweg rund 10.000 Dollar zusätzlichen Kredit pro Jahr aufzunehmen", erklärt Michael Stenger, Portfolio Advisor beim Kreditspezialisten CIS Asset Management. Nun aber könne das Eigenheim nicht mehr als Geldautomat dienen. "Auch eine Steuergutschrift im Wert von 600 Dollar (Singles) und 1200 Dollar (Familien) plus 300 Dollar pro Kind kann diesen Verlust nicht auffangen", sagt Stenger. Den US-Bürgern drohe durch fallende Immobilienpreise ein Werteverlust von mehreren Billionen Dollar: Um diese Summe auszugleichen, müsse man noch zahllose, weitaus größere Konjunkturprogramme auflegen.

Kreditkarten: Riskante Umschuldungsstrategien

So aber dämpfen fallende Hauspreise den Konsum - und bringen gleichzeitig immer mehr Menschen in Schwierigkeiten, ihre Hypotheken zu bedienen.

Offenbar verfolgen viele US-Bürger derzeit eine riskante Umschuldungsstrategie: Die US-Notenbank meldete in dieser Woche, dass die Summe der laufenden persönlichen Darlehen (revolving loans), zu denen auch Kreditkarten, Auto- und Studentenkredite gehören, um 15,3 Milliarden Dollar und damit doppelt so stark gestiegen ist wie erwartet.

"Man weicht kurzfristig auf die Kreditkarte aus in der Hoffnung, dass sich die Lage rasch bessert", meint Stenger. Erfüllt sich diese Hoffnung nicht, drohen neue Ausfälle: Diesmal im Kreditkartensektor, der deutlich größer als das Subprime-Segment ist.

Auch Investmentbanken vollziehen derzeit eigenwillige Umschuldungsprogramme. Häuser wie die Deutsche Bank  oder die Citigroup  haben offenbar Problemkredite in Milliardenhöhe an Private-Equity-Investoren weitergereicht und damit für Erleichterung am Kapitalmarkt gesorgt. Die gleichen Banken, die Kredite loswerden wollten, haben aber den neuen Investoren offenbar diesen Kauf zum Teil finanziert. Mit "Entschuldung" hat diese Verschiebung in der Bilanz nichts zu tun.

Unternehmen im Mehrfachstress

Milliarden in der Blackbox

Noch immer sitzt das Misstrauen in der Finanzbranche tief, trotz optimistischer Aussagen einiger Banker. Gradmesser dafür ist die mangelnde Bereitschaft, sich untereinander Geld zu leihen - das Interbankengeschäft habe sich noch keineswegs normalisiert, räumt auch US-Finanzminister Paulson ein.

Für hohe Nervosität in der Branche sorgt außerdem die Ankündigung der US-Börsenaufsicht SEC, sich diejenigen Positionen der Banken einmal genauer anzuschauen, für die mangels Nachfrage derzeit kein Marktpreis feststellbar ist.

Die Investmentbank Goldman Sachs  zum Beispiel hat den Bestand dieser "Level 3 Assets" von November bis Ende Februar um knapp 40 Prozent auf 96 Milliarden Dollar gesteigert. Ob diese Anlagen wirklich so viel wert sind, weiß niemand. Die "Level 3 Assets" sind eine Blackbox, ihr Wert kann bei einer Verschärfung der Krise dramatisch schrumpfen. Genug Anlass für Banker, die Situation gesund zu beten.

Ölpreis, Konjunktur, Kredite: Firmen im Mehrfachstress

"Die Kreditkrise breitet sich schon deshalb auf die Realwirtschaft aus, weil Banken gezwungen sind, ihre Kreditstandards zu verschärfen und höhere Prämien zu fordern", ergänzt Felsenheimer. Das sind schlechte Nachrichten für Unternehmen, die zudem unter einer abkühlenden Konjunktur und explodierenden Rohstoffpreisen leiden.

Der Ölpreis markierte am Freitag ein neues Hoch von 125 Dollar pro Barrel, und bereits jetzt werden Preisziele von bis zu 200 Dollar herumgereicht. Als Grund für die Preisblase am Ölmarkt nennen einige Beobachter auch die Zinssenkungen der Fed: Das billige Geld entlaste nicht die Konsumenten, sondern fließe statt dessen als spekulative Anlage in den Rohstoffmarkt und verschärfe damit die Probleme.

"Neue Kredite werden teurer, und gleichzeitig geht das den Unternehmen zur Verfügung stehende Kreditvolumen dramatisch zurück - da ist es nur eine Frage der Zeit, bis einige Unternehmen ihre Refinanzierung nicht mehr schaffen", sagt der Experte der Unicredit. Er rechnet mit einem starken Anstieg der Ausfallraten bei Unternehmenskrediten, die derzeit immer noch auf historisch niedrigem Niveau von unter einem Prozent notieren. Der IWF hält sogar einen Anstieg der Kreditausfälle auf 12 Prozent für möglich - dies würde die ohnehin stark gestiegenen Risikoprämien am Kreditmarkt weiter in die Höhe treiben.

Fallende Immobilienwerte, gedämpfter Konsum, steigende Rohstoffpreise, Unternehmen in der Klemme: Das sind nicht die Zutaten für eine deutliche Erholung der Konjunktur noch in diesem Jahr, stimmen Stenger und Felsenheimer überein. Der Aktienmarkt preise derzeit aber genau dieses Erholungsszenario ein.

Am Kreditmarkt sieht die Lage jedoch anders aus. "Die Risikoprämien sind hoch - der Markt rechnet mit flauer Konjunktur und einer steigenden Ausfallrate bei Unternehmenskrediten", sagt Felsenheimer. Eine "zweite Welle" sei in diesem Szenario also schon berücksichtigt. "Entweder fallen die Prämien am Kreditmarkt, oder die Aktienmärkte fallen", so der Analyst. "Denn nur ein Markt kann richtig liegen."

Finanzkrise: Der Schatten des Giftbaums

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