Portfolio-Mix Unsäglich, aber wichtig

Nur wer die rechte Balance seines Portfolios findet, wird ein erfolgreicher Anleger. Im zweiten Teil der Serie über die Grundlagen der Geldanlage sagt manager-magazin.de, worauf Sie dabei achten müssen.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - "Unsäglich". Ein Marcel Reich-Ranicki hätte daran vermutlich wenig Freude. Chancenoptimierung, Alphagenerierung oder Risikoadjustierung, das dürften kaum die Worte nach dem Geschmack des wortgewaltigen Literaturkritikers sein. "Unsäglich" dürfte daher noch eines seiner milderen Urteile sein, wäre er gezwungen, die Prospekte der Banken zu den diversen Anlageprodukten zu lesen.

Doch literarische Lust hin, finanzieller Frust her - die Lektüre der Prospekte ist bitter nötig. "Der Bundesminister der Finanzen warnt - bei diesem Investmentfonds müssen Anleger bereit und in der Lage sein, Verluste des eingesetzten Kapitals bis hin zum Totalverlust hinzunehmen", so heißt es zum Beispiel in den Produktbeschreibungen der Hedgefonds. Aber gemach, genau darum geht es in dieser Stufe der Geldanlage - die präzise Einschätzung von Chancen und Risiken von Anlagenprodukten.

Denn erst die richtige Balance aus riskanten, aber ertragreichen und risikolosen, aber ertragsarmen Produkten machen ein Portfolio aus. Das hat Harry Markowitz bereits 1959 erkannt und für diese Erkenntnis den Nobelpreis erhalten.

Jede Anlageklasse, zum Beispiel Aktien oder Anleihen, hat ganz bestimmte Charaktermerkmale und bietet dem Anleger ein ganz eigenes Chance-Risiko-Verhältnis. Und die gilt es den Marktverhältnissen angemessen zu kombinieren. Fachleute sprechen von der Asset-Allokation.

"Bis zu 90 Prozent der Wertentwicklung eines Portfolios kommen aus der Assetallokation, je nach Untersuchung", sagt Tilmann Galler, Produktspezialist von J. P. Morgan Asset Management. Anders ausgedrückt, wer sich frühzeitig Gedanken darüber macht, welchen Teil seines Geldes er in Aktien, welchen er in Anleihen und welchen er zum Beispiel in Rohstoffe steckt, hätte schon einmal vieles richtig gemacht. Doch die Realität sieht anders aus.

Denn ein Teil dieses so filigranen Konstrukts wird in Deutschland regelmäßig verleugnet. Die Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) sprechen eine deutliche Sprache. Nur rund zehn Millionen Deutsche besitzen Aktien, Aktienfonds und aktiennahe Investments. Langfristig ist das ein Problem, denn nur Aktien liefern die Wertsteigerungen, die notwendig sind, um das angelegte Kapital nachhaltig zu vermehren.

Im Schnitt sind es pro Jahr 9,6 Prozent Wertzuwachs, die Anleger mit internationalen Aktienfonds über zehn Jahre gerechnet erzielen konnten. Wer diese Anlageklasse vernachlässigt, läuft also Gefahr, in Altersarmut zu enden, fasst es der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber etwas drastisch zusammen.

Selbst ist der Anleger ...

Selbst ist der Anleger ...

Während Aktien das Depot vorantreiben sollen, gelten Immobilien als die soliden Langweiler. Stete Wertentwicklungen und wenig Schwankungen; mit diesen Eigenschaften verleihen sie einem Portfolio mehr Ruhe. Die meisten Anleger decken diese Anlageklasse mit offenen Immobilienfonds ab. Die investieren ihrerseits in verschiedene lokale Märkte und Nutzungsarten. Das Eigenheim ist zwar auch ein Immobilieninvestment, aber macht die Asset-Allokation aus zweierlei Gründen schwieriger.

Zum einen aufgrund seines Preises. Wer zum Beispiel 90.000 Euro für eine Wohnung in Hamburg ausgibt und dann noch über 10.000 Euro verfügt, dessen Portfolio bestünde zu 90 Prozent aus Immobilien. Das wäre keine Streuung im Sinne von Markowitz. Zum anderen sind gerade die selbst bewohnten Immobilien nicht sehr fungibel, wie es heißt. Sie lassen sich nicht schnell verkaufen und stückeln schon gar nicht. Immobilienfonds sind daher die bessere Wahl.

Und was ist mit Anleihen? Auch sie gehören grundsätzlich in jedes Portfolio - "sie sind unverzichtbar", sagt Max Holzer, der bei der Fondsgesellschaft Union Investment die Asset-Allokation verantwortet. "Die Anleihen bilden den Hort der Stabilität in einem Portfolio - gerade in unruhigen Börsenzeiten wie wir sie aktuell erleben." Freilich, ähnlich wie bei Aktien ist nicht jede Anleihe gleichermaßen risikofrei. "Deswegen sollten Anleger, wenn sie ihrem Portfolio Rentenpapiere zur Sicherung beimischen, auf konservative Staatsanleihen setzen."

Dazu kommen noch die alternativen Anlagen. Das sind jene Investments, die nicht so recht in die anderen Klassen passen. "Rohstoff-Futures zum Beispiel", berichtet Galler von J. P. Morgan. "Oder Volatilitäten. Die modernen Derivate machen das möglich." Dazu gehören aber auch Hedgefonds, die die Verwalter der Stiftungsfonds der renommierten US-Universitäten gern nutzen.

Es bleibt noch jene Position, die Geldverwalter oft als Cash oder Liquidität bezeichnen. Drei Monatseinkommen werden oft als ausreichende Sicherheit genannt - für alle Fälle, und um zum Beispiel Aktien nachordern zu können.

Alle diese Anlageklassen sollen in einem Portfolio kombiniert werden. Harry Markowitz fasste es seinerzeit so: "Ein gutes Portfolio ist mehr als eine lange Liste von Wertpapieren. Es ist eine ausbalancierte Einheit, die dem Investor gleichermaßen Chance und Absicherung unter einer Vielzahl von möglichen zukünftigen Entwicklungen bietet. Der Anleger sollte daher auf ein integriertes Portfolio hinarbeiten, das seinen individuellen Erfordernissen Rechnung trägt."

Das Zauberwort lautet daher Korrelation. Damit messen die Experten das Maß an Abhängigkeit einer Anlage von der anderen. Korrelieren zum Beispiel US-Aktien mit denen aus Europa mit plus 1, bedeutet das, dass sie sich deckungsgleich entwickeln. Eine Korrelation von minus 1 besagt, dass die verglichenen Produkte sich gegenläufig entwickeln. Das hilft bei der Streuung eines Portfolios.

... oder fremde Hilfe?

... oder fremde Hilfe?

In der jüngsten Kreditkrise sah es so aus, als würden sich die Korrelationen einander annähren. Denn asiatische Aktien fielen genauso wie jene aus den USA. "So ganz würde ich das nicht unterschreiben - das sieht momentan zwar so aus, aber das liegt an den verschiedenen Produkten, die die Grenzen verwaschen haben. Es gibt ja immer weniger reinrassige Aktien oder Anleihenfonds, da werden viele Spread-Produkte beigemischt", so Galler.

Gleichviel, wie findet sich nun die richtige Mischung? Als Daumenregel gilt, dass der Aktienanteil bei 100 minus Lebensalter liegen soll. Etwas "holzschnittartig" findet Galler diese Einteilung. "Wer mit 60 in Rente geht, soll 40 Prozent Aktien halten? Im Kern ist die Daumenregel aber richtig. Denn das Marktrisiko verliert über einen langen Zeitraum an Bedeutung." Holzer von Union Investment sieht das ähnlich: "Privatanleger sagen oftmals eher hopp oder top - entweder ganz Aktien oder gar nicht. Dabei sollte der Vermögensaufbau mindestens mit Blick auf fünf Jahre erfolgen."

Denn je länger Aktien gehalten werden sollen, umso größer kann auch ihr Anteil im Portfolio sein. Man kann diese Entscheidung auch anderen überlassen. Sei es einem Vermögensverwalter, sei es dem Manager eines Dachfonds. Dessen Management wählt den Aktienanteil des Portfolios. Robert Schmidt zum Beispiel, der bei Shedlin Capital den Warrior-Dachfonds verwaltet. Allerdings stellt er nicht die Aktienquote, sondern das Rendite-Risiko-Verhältnis in den Vordergrund und achtet bei der Zusammensetzung des Portfolios auf eine möglichst geringe Korrelation der einzelnen Anlageklassen untereinander.

Und das mit 61 Zielfonds bei einem Volumen von zehn Millionen Euro. Ist das nicht etwas viel? "15 Zielfonds würden genügen, aber so können wir unsere Ideen präziser umsetzen." Die Zielfonds wählt er übrigens so aus wie es ein Privatanleger auch machen sollte - indem er den Fonds und dessen Manager analysiert. Als Produkt für jedermann will Schmidt das Produkt dennoch nicht verstanden wissen. "Der Fonds ist auf hohe Erträge konzipiert und hat somit auch eine vergleichsweise höhere Volatilität. Darüber sollten sich die Anleger im Klaren sein." Der Kauf eines Dachfonds entbindet den Investor also nicht von der Überlegung, wie viel Risiko er eingehen will.

Kein Wunder also, wenn der Ratschlag von Galler in die gleiche Richtung geht. "Am besten machen das Profis; es gibt ja entsprechende Produkte." Und weiter: "Das ist auch eine Frage der Freude an der Geldanlage und des Wissens darüber. Und vor allem ist es eine Frage der Zeit", so Galler. Tatsächlich spielt die Zeit eine entscheidende Rolle - denn erst über mindestens fünf Jahre entfalten Aktien ihre segensreiche Wirkung.

Wie wichtig die Zeit ist, musste auch Harry Markowitz erfahren. Seine Arbeit zur Diversifikation hat er 1959 veröffentlicht. Den Nobelpreis erhielt er erst 1990.

Grundlagen der Geldanlage, Teil 1: Die Macht der Zeit

Im dritten und letzten Teil Serie zu den Grundlagen der Geldanlage folgt abschließend die Darstellung der Möglichkeiten, die in Teil 1 und 2 dargelegten Pläne praktisch umzusetzen.

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