Dax-Geflüster Vollbremsung bei Gewinnen

Die Gewinnwarnung von General Electric bestätigt: Die Kreditkrise ist in der Realwirtschaft angekommen und lässt die Erträge von US-Unternehmen wegbrechen. Für den Dax erwarten viele Finanzprofis dennoch eine Erholung bis Herbst. Dieser Spagat funktioniert jedoch nur unter bestimmten Bedingungen.

Erst Alcoa, jetzt GE. Die US-Quartalssaison wird ruppig. Die US-Unternehmen dürften von Januar bis März durchschnittlich 12 Prozent weniger verdient haben als im ersten Quartal 2007, schätzt der Datenanbieter Thomson Financial. Besonders stark dürfte es Unternehmen aus dem Finanzsektor (minus 60 Prozent) und aus dem Bereich Konsumgüter (minus 12 Prozent) getroffen haben.

Der Aluminiumhersteller Alcoa , der am Dienstag einen Gewinneinbruch von 52 Prozent meldete, hat Investoren bereits einen Vorgeschmack gegeben. Am heutigen Freitag meldete dann der weltgrößte US-Mischkonzern General Electric  sinkende Erträge und schraubte zudem die Jahresprognose herunter. Beide Unternehmen zeigen: Die Kreditkrise ist in der realen Wirtschaft angekommen und bremst zahlreiche Unternehmen aus.

Das erste Quartal 2008 wird voraussichtlich das dritte Quartal in Folge sein, in dem die Gewinne der im S&P 500 notierten Unternehmen unter dem Strich zurückgehen. Schuld daran ist vor allem die Finanzbranche, für die Analysten erneute Abschreibungen in Milliardenhöhe erwarten. In der Technologie- und Versorgerbranche wird dagegen mit weiter steigenden Gewinnen gerechnet.

Erwartungen noch immer zu hoch

Am Montag wird der Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson  einen Hinweis darauf geben, wie stark die Kreditkrise den US-Verbraucher verunsichert hat. Anschließend müssen Tech-Unternehmen wie Intel , Ebay  und Google  ambitionierte Erwartungen erfüllen, obwohl bereits der Chiphersteller AMD  sinkende Umsätze gemeldet hat. Am kommenden Freitag dürfte dann der Baumaschinenhersteller Caterpillar  einen weiteren Beleg dafür liefern, wie vorsichtig Auftraggeber in der US-Baubranche inzwischen geworden sind. Bei den Quartalszahlen von Merrill Lynch , J. P. Morgan und Citigroup  wird mit weiteren deftigen Abschreibungen gerechnet.

Dass die Finanzkrise Unternehmen weltweit in Mitleidenschaft zieht, haben Notenbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) in dieser Woche unterstrichen. Die Finanzkrise könnte die weltweite Wirtschaft fast eine Billion Dollar kosten, rechnete der IWF in seinem jüngsten Bericht vor. Die US-Notenbank rechnet mit einer deutlich abkühlenden Konjunktur im ersten Halbjahr und schließt auch einen "längeren Abschwung" nicht aus: Der Abbau von zuletzt 80.000 Jobs und die jüngsten Einzelhandelsdaten weisen klar auf eine schrumpfende US-Wirtschaft hin.

Möglich, dass die USA bereits mitten in einer Rezession stecken. Die Erwartungen an die US-Unternehmen während der laufenden Quartalssaison sind entsprechend gesunken. Doch die Gewinnerwartungen könnten noch immer zu hoch sein: Dies gilt auch für Unternehmen im Dax , denen weiter steigende Gewinne unterstellt werden.

"Schätzungen dürften korrigiert werden"

Schätzungen dürften korrigiert werden

"Das Risiko, dass die Gewinnschätzungen weiter nach unten revidiert werden, ist hoch", sagt Matthias Born, Fondsmanager bei Allianz Global Investors. Zwar haben die Auguren ihre Gewinnschätzungen für den Dax inzwischen niedriger angesetzt als noch vor einigen Monaten. Doch die Mehrzahl der Analysten rechnet noch immer mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum der Dax-Unternehmen von 6 bis 7 Prozent in diesem Jahr und von rund 10 Prozent im Jahr 2009.

"Diesem Szenario liegt die Annahme zugrunde, dass Dax-Unternehmen weiterhin von einer hohen Nachfrage aus den Schwellenländern profitieren", sagt Born. Sollte sich die US-Wirtschaft bereits ab dem dritten Quartal wieder stabilisieren, die Konjunktur in Euroland in diesem Jahr nur leicht abkühlen und vor allem die Emerging Markets wie China, Russland und Lateinamerika stabil bleiben, stünde weiter steigenden Gewinnen und damit auch einer mittelfristigen Kurserholung im Dax 30  nichts im Wege.

Hohe Rohstoffpreise könnten sich in diesem Zusammenhang sogar als Hilfe erweisen. "Viele rohstoffreiche Schwellenländer schwimmen derzeit im Geld. Sie finanzieren riesige Infrastrukturprojekte und stampfen ganze Städte aus dem Boden", sagt Born. Solange genug Cash in den Boomregionen vorhanden ist, können Dax-Unternehmen auf weitere Aufträge hoffen.

Hoffen und Bangen mit China

Doch es kann auch anders kommen. "Die Schwellenländer sind in diesem Szenario die wichtigste Stütze, aber auch ein Unsicherheitsfaktor", meint Born. Sollten sich Kreditkrise und US-Wirtschaftsschwäche als zäher erweisen, sei auch eine konjunkturelle Abkühlung in der Boomregion Asien wahrscheinlich. "Besonders das Jahr 2009 wird dann das Problem", meint der Fondsmanager des am deutschen Aktienmarkt investierenden Concentra-Fonds. In diesem Jahr dürften die Dax-Unternehmen noch von dem guten Auftragseingang der vergangenen Monate profitieren. Doch wenn sich die Kreditkrise noch länger hinzieht, bedeutet dies weniger Projekte im Jahr 2009 - ein zweistelliges Gewinnwachstum wäre dann hinfällig.

"Ein Gewinnwachstum von 7 Prozent in diesem Jahr ist zu optimistisch", meint Peter Körndl, Aktienstratege Europa bei der Dresdner Bank. Europa werde sich ebenso wie der Rest der Welt der US-Konjunkturschwäche nicht entziehen - die Nachfrage in den Schwellenländern könne zwar stützen, aber nicht die US-Schwäche überkompensieren. Körndl rechnet damit, dass auch in Europa einige Unternehmen im ersten Quartal enttäuschen und die Erwartungen weiter nach unten geschraubt werden: Für den Dax sei nach vier Jahren mit zweistelligen Ertragssteigerungen sogar ein leichter Rückgang der Gewinne nicht auszuschließen.

Doch sinkende Gewinne bedeuten nicht zwangsläufig sinkende Kurse. Trübe Zahlen können auch von steigenden Notierungen begleitet werden - wenn die Marktakteure den Eindruck gewinnen, dass die Unternehmen in wenigen Monaten ihre Erträge wieder steigern werden.

Sinkende Gewinne - steigende Kurse?

Sinkende Gewinne - steigende Kurse?

"Selbst wenn die Gewinne der Dax-Unternehmen in diesem Jahr stagnieren, sind sie derzeit immer noch attraktiv bewertet", sagt Körndl. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax  liege aktuell bei weniger als 12 - wenn man unterstellt, dass die Gewinne in diesem Jahr ebenso hoch ausfallen wie 2007.

Wer damit rechne, dass im Laufe dieses Jahres wieder Vertrauen in die Märkte zurückkehre, könne schwache Börsentage zum schrittweisen Einstieg nutzen, meint der Experte der Dresdner Bank. Auch die aktuell ungewöhnlich hohen Dividendenrenditen, die auf ähnlich hohem Niveau wie im Frühjahr 2003 notieren, sind nach seiner Einschätzung ein Hinweis auf aktuell günstige Aktienbewertungen.

"Die entscheidende Frage ist, wann die US-Konjunktur wieder nach oben dreht", ergänzt Allianz-Fondsmanager Born. Sollten die massiven Hilfsmaßnahmen von Fed und US-Regierung - Steuerschecks, Zinssenkungen, Geldspritzen sowie Hilfen für bedrängte Banken - bereits im Laufe des zweiten Halbjahrs zünden, dann könnten Anleger schwache Zahlen zum ersten und zweiten Quartal bereits wieder zum Einstieg nutzen.

Reizvolle Revisionen

"Börse blickt um sechs Monate voraus, und Gewinnschätzungen laufen der Kursentwicklung meist hinterher", sagt Born. Als Konsequenz steigen Kurse bereits wieder, wenn Unternehmen noch schlechte Zahlen melden, aber bereits wieder einen besseren Ausblick bieten.

Auch die Mehrzahl der US-Analysten rechnet nach Angaben von Thomson Financial mit einem machtvollen Comeback der US-Konjunktur im zweiten Halbjahr. Die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 sollen ab dem dritten Quartal bereits wieder so kräftig steigen, dass für das Gesamtjahr 2008 nach schwachem Start sogar noch ein klares Gewinnwachstum herauskommen soll.

"Diese Schätzung ist sehr optimistisch", sagt Born. "Doch wenn sie zutrifft, dürften schwache Zahlen im ersten Quartal eine gute Einstiegschance sein." Gewinnrevisionen und enttäuschende Quartalszahlen hätten ihren Reiz - wenn sie die letzten und nicht die ersten einer langen Serie sind.

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