Lebensversicherung Der Käufer zahlt mehr

Jeder zweite Deutsche kündigt seine Lebensversicherung vorzeitig und macht damit ein schlechtes Geschäft. Der Verkauf der Police bringt mehr. Die Käufer am Zweitmarkt sieben aber knallhart aus, bedienen nur einen Bruchteil der Abbrecher. Verbraucherschützer warnen vor verlockenden Versprechen und sagen, was zu beachten ist.

Hamburg - Schulden, Arbeitslosigkeit, Scheidung - Lebensversicherte in Deutschland kündigen aus vielfältigen Gründen ihre Police vorzeitig. Je langfristiger ein Vertrag angelegt ist, desto weniger Kunden halten ihn durch. Im statistischen Schnitt steigt jeder zweite Verbraucher vorher aus und macht damit ein schlechtes Geschäft - vor allem in den ersten Jahren. Die von den Versicherern gezahlten Rückkaufswerte erreichen dann nicht annähernd die Summe der eingezahlten Beiträge.

Als Alternative bietet sich der Verkauf der Kapitallebens- oder Rentenversicherung an. Allerdings weiß nur etwa jeder fünfte Versicherte in Deutschland davon. Das darf nicht verwundern: Trotz des neuen Versicherungsrechts muss die Assekuranz nach wie vor nicht auf den sogenannten Zweitmarkt hinweisen, der mitunter bis zu 15 Prozent mehr zahlt als der Versicherer mit dem Rückkaufswert.

"Wer seine Police am Zweitmarkt verkauft, macht das bessere Geschäft. Er erzielt immer mehr Geld als im Falle der Kündigung beim Versicherer", sagt Thomas Laumont, Vorstand vom Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt für Lebensversicherungen ( BVZL ). Der Verband vereinigt etwa 90 Prozent des deutschen Geschäftsvolumens auf sich. Ein weiterer Vorteil, mit dem die Branche wirbt: Der mit einer Police verknüpfte Hinterbliebenenschutz bleibt beim Verkauf zumindest teilweise erhalten. Stirbt der Versicherte vor Vertragsende, zahlt der Policenaufkäufer die Todesfallleistung an die rechtmäßigen Erben aus - abzüglich des Kaufpreises, der bis dahin von ihm entrichteten Prämien und sonstiger Kosten.

Verbraucherschützer warnen allerdings vor voreiligen Entschlüssen: "Kündigung oder Verkauf einer Lebensversicherung sind immer mit finanziellen Einbußen verbunden", sagt Thorsten Rudnik vom Bundesverband der Versicherten (BDV). Beim Verkauf fielen die Einbußen lediglich etwas geringer aus. Nur wer sich wirklich sicher sei, dass er seinen Vertrag nicht mehr fortführen wird, sollte statt einer Kündigung auch den Verkauf seiner Police prüfen.

Zugleich monieren Verbraucherexperten wie Rudnik die Werbepraxis so mancher Aufkäufer: "Nach unserer Erfahrung erhält der Kunde im Schnitt 2 bis 3 Prozent mehr als beim Versicherer." Ein Fall, in dem der Verkaufspreis um 15 Prozent über dem vom Versicherer gebotenen Rückkaufswert lag, sei dem BDV noch nicht untergekommen.

Cashlife, nach eigenen Angaben mit einem Policenportfolio in Höhe von zwei Milliarden Euro deutscher Marktführer, zahlt durchschnittlich 3 bis 5 Prozent mehr als ein Versicherer, erklärt eine Sprecherin. Im Marktschnitt aller Aufkäufer liegen die Ankaufspreise zwischen 4 und 5 Prozent über dem durchschnittlichen Rückkaufswerten der Versicherer, sagt Laumont. 5 Prozent sind nicht die Welt, in der Vergangenheit ließen die Policenaufkäufer noch mehr springen.

Die Käufer sieben knallhart aus

Der Zweitmarkt ist noch jung

Der Markt für "gebrauchte Policen" in Deutschland ist mit nicht einmal zehn Jahren noch sehr jung. Auch wenn sich mehr Anbieter auf dem Markt tummeln, teilt sich im Grunde gut ein halbes Dutzend Unternehmen das Geschäft auf. Verbraucher beenden jährlich Lebensversicherungen mit einem Wert von rund zwölf Milliarden Euro vorzeitig. Nur die Hälfte dieses Volumens stuft der BVZL überhaupt als kaufenswert ein, kauft tatsächlich aber noch weniger ein: Im vergangenen Jahr waren es Policen für rund 1,2 Milliarden Euro.

Die Käufer sind wählerisch, sammeln mitnichten alles ein, was die Kunden ihnen andienen. Sie erwerben vorwiegend Kapitallebens- und Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht auf eigene Rechnung oder im Auftrag von Fondsgesellschaften, die diese in geschlossenen Fonds als eigene Assetklasse bündeln. Direktversicherungen der betrieblichen Altersvorsorge sind de jure zum Verkauf nicht zugelassen. Fondsbasierte Verträge kaufen nur wenige Marktteilnehmer auf, weil sie zumeist das damit verbundene Risiko scheuen, wie Laumont einräumt.

Aufkäufer verschärfen ihre Kriterien

Die Strategie der aufkaufenden Policenhändler ist klar: Sie erwerben die Police zu einem über dem Rückkaufswert des Versicherers liegenden Betrag, führen den Kontrakt zu Ende und kassieren die Ablaufleistung samt Schlussgewinn, den die meisten Versicherer ihren Kunden als eine Art Treuebonus gewähren.

Ein Risiko für die Policenhändler besteht darin, dass ihnen die Fondsindustrie die Verträge nicht oder nur zögerlich abkauft und sie auf einem Teil der "Ware" sitzenbleiben - so geschehen im vergangenen Jahr. Die Fonds kaufen die Papiere nämlich zu einem Großteil auf Kredit ein. Für sie lohnt sich das Geschäft vor allem bei einem niedrigen Zinsniveau. Ist das Zinsniveau hoch oder steigen die Zinsen, schmälern die Kosten für das Fremdkapital ihre Rendite und sie lassen die Finger von den Policen.

Ein entscheidendes Kriterium, dass der Aufkäufer dem Verbraucher überhaupt ein Angebot unterbreitet, ist der Rückkaufswert der Police. 5000 Euro sollte er nach Verbandsangaben mindestens betragen. Zusehends ziehen die Aufkäufer die Grenze bei 10.000 Euro, weil sich der Prüfungsaufwand für sie unter dem Strich nicht rechne, wie Cashlife begründet.

Viele Verkaufswillige fallen durchs Raster

Die Restlaufzeit der Versicherung ist ein weiteres Kriterium. Laut BVZL sollte sie nicht mehr als 15 Jahre betragen, ist unter den Aufkäufern aber keineswegs einheitlich geregelt. Für die Kalkulation des Kaufpreises sind nach Angaben des BVZL zudem Tarifart sowie die Finanzkraft und die geschätzte Performance der Versicherungsgesellschaft mitbestimmend.

Vor diesem Hintergrund darf nicht überraschen, dass viele der verkaufswilligen Lebensversicherten durch das Raster fallen und auf ihre Anfrage kein Angebot erhalten. Mag diese "Rosinenpickerei" aus Sicht der Käufer auch verständlich sein, wie Verbraucherschützer sagen, führt sie bei den betroffenen Kunden nicht selten zu Unmut. Sind sie dann wirklich auf Geld angewiesen, bleibt ihnen zumeist nur der niedrigere Rückkaufswert oder die Beleihung der Police.

Letzteres ist in der Regel günstiger als ein Kredit bei der Hausbank, ergibt jedoch nur dann einen Sinn, wenn der Verbraucher einen kurzfristigen finanziellen Engpass zu überbrücken hat, sagt Rudnik. Wer regelmäßig sein Girokonto überzieht, sollte davon Abstand nehmen und den Vertrag nicht fortführen. Denn dann finanziere er seine Policen-Prämien letztlich mit teuren Dispo-Zinsen - unvernünftiger ginge es nun wirklich nicht.

Branche lockt mit steuerfreiem Verkauf

Hat sich der Verbraucher einmal entschlossen, seinen Vertrag zu verkaufen, muss er einen passenden Käufer finden. Kein leichtes Unterfangen, denn die Zahl der Marktteilnehmer wächst und damit der Wettbewerb. Will sich der Versicherte nicht selbst den Überblick verschaffen, kann er sich an einen Vermittler wenden, der allerdings die Qualitätsstandards des im Jahr 2004 gegründeten Bundesverband BVZL erfüllen sollte, raten Verbraucherschützer. Denn die Höhe des als sicher geltenden Mehrerlöses ist zwar ein wichtiges Kriterium, sollte aber nicht das alleinige sein.

Diese Vermittler sind dann gehalten, etwa auf die Markterfahrung und Seriosität des Policenaufkäufers zu achten oder auch seine Kapitalausstattung. Letzteres berührt die nicht unerhebliche Frage, ob der Käufer den angebotenen Kaufpreis auch sofort und komplett auszahlen kann. Auf eine verzögerte Zahlung des Kaufpreises oder womöglich eine Ratenzahlung sollte sich der Kunde auf keinen Fall einlassen, rät auch Verbraucherschützer Rudnik. "Dann schneidet er womöglich noch schlechter ab, als wenn er den Rückkaufswert des Versicherers einstreicht."

Definitiv die Finger sollte der Verbraucher von Aufkäufern lassen, die dubiose ausländische Adressen als Geschäftssitz nennen. "Auf den Kanalinseln oder irgendeiner Karibikinsel gelten andere Rechtssysteme, die der Verbraucher nicht kennt. Im Konfliktfall muss er vor Ort seine Ansprüche einklagen und steht auf verlorenem Posten."

Wer ganz sichergehen wolle, sollte den Verkauf seiner Police über einen Treuhänder abwickeln lassen. Police und Kaufpreis wechseln dann Zug um Zug den Besitzer. Der Nachteil: Ein Treuhänder, zum Beispiel ein Notar, arbeitet selbstverständlich nicht umsonst, was den Verkaufspreis drückt.

Branche lockt mit steuerfreiem Verkauf noch in 2008

Wer seine Police ganz sicher versilbern will, sollte den Verkauf unter Umständen noch in diesem Jahr unter Dach und Fach bringen. Denn führt der Kunde seine Lebensversicherung weniger als zwölf Jahre, fällt bei einer herkömmlichen Kündigung Kapitalertragsteuer an, beim Verkauf an einen Policenhändler allerdings nicht - noch nicht. Vor allem diese Policen sind es übrigens, für die sich gegenwärtig und vereinzelt die um 10 bis 15 Prozent über dem Rückkaufswert liegenden Verkaufserlöse erzielen lassen, wie Cashlife gegenüber manager-magazin.de bestätigt.

Ab 2009 sieht die Sache anders aus. Bei Verträgen, die nach dem 31. Dezember 2004 abgeschlossen wurden, belastet der Fiskus die Differenz zwischen den eingezahlten Prämien und dem Verkaufserlös mit 25 Prozent Abgeltungsteuer. Der Verkauf von Policen älteren Datums, die der Kunde mindestens zwölf Jahre hält, bleibt hingegen auch künftig steuerfrei.

Den Steueraspekt nutzt die Branche derzeit als zusätzliches Verkaufsargument in der Werbung. Davon sollte sich der Verbraucher allerdings nicht hetzen oder gar blenden lassen, sagen Verbraucherschützer. Das Argument verstelle die Tatsache, dass die unter Umständen ab 2009 zu zahlende Abgeltungsteuer sich ohnehin nur bei sehr hohen Verkaufs- und Rückkaufswerten entscheidend bemerkbar mache.

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