Investieren in Kunst Berger, Beuys und die Bonus-Banker

Berater, Networker - und Kunstsammler: Im Gespräch mit manager-magazin.de sagt Roland Berger, Gründer von Roland Berger Strategy Consultants, wie die zeitgenössische Malerei sein Leben bereichert, welche Bilder man kaufen sollte - und warum die Kunstpreise stabil bleiben, während die Aktienkurse Achterbahn fahren.

mm.de: Herr Berger, welches war eigentlich das erste Bild, das Sie erworben haben?

Berger: Es war ein Bild von Rupprecht Geiger, das ich 1960 gekauft habe. Zuvor hatte als Student schon einzelne Grafiken und Zeichnungen erstanden. Erstmals kam ich mit zeitgenössischer, abstrakter Kunst in Berührung, als unser Zeichenlehrer mit unserer Klasse eine Kandinsky-Ausstellung besuchte. Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt. Dieses Erlebnis hat mich sofort fasziniert und seitdem habe ich mich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt.

mm.de: Sind es eher wirtschaftliche Motive oder die Freude an der Kunst an sich, die Sie zum Kauf bewegen?

Berger: Bildende Kunst habe ich immer nur aus ästhetischen, emotionalen und ideellen Motiven gekauft, nicht aus wirtschaftlichem Interesse. Kunst bereichert mein Leben und meine Arbeit. Sie inspiriert mich und macht mir Freude. Und wenn sich dann herausstellt, dass die Kunst die ich gekauft habe - meist von jüngeren, zeitgenössischen Künstlern - auch im Wert steigt, freut mich das natürlich.

mm.de: Sie haben also stets vor allem Werke jüngerer Künstler gekauft, die möglicherweise noch am Anfang ihrer Karriere standen.

Berger: Ja, das liegt aber einfach daran, dass das die billigere Variante war, die ich mir leisten konnte (lacht). Wäre ich Ronald Lauder, hätte ich mir vielleicht auch einmal einen Picasso, Klimt oder van Gogh geleistet. Jedenfalls macht diese Entdeckungsreise viel Spaß. Und etliche dieser jungen Künstler, die ich für mich entdeckt habe, sind heute prominent und ihre Werke sehr teuer. Manche sind aber wahrscheinlich auch gar nichts mehr wert.

mm.de: Wie sollte jemand denn an den Markt herangehen, der junge, aussichtsreiche Künstler sucht?

Berger: Da haben Sie nur eine Chance, wenn Sie sich intensiv mit Kunst und Kunstgeschichte beschäftigen. Sie müssen die Entwicklungen verfolgen und sich à jour halten durch Galerie- und Museumsbesuche und Gespräche mit Experten und den Künstlern selber. Sie müssen gewissermaßen die Entwicklung der Kunstszene mitleben, sonst gehen Sie beim Kauf ein erhebliches Risiko ein.

mm.de: Und wonach sollte man Ausschau halten?

Berger: Ein Werk, das im Wert steigen soll, muss erstens innovativ und originär kreativ sein, ohne nachahmende Elemente. Um dies zu erkennen, muss man sich in der Kunstgeschichte auskennen. Zweitens muss das Werk handwerklich eine Meisterleistung sein. Auch um das zu erkennen braucht man ein gewisses Auge. Und das Bild muss einen ästhetischen Wert besitzen - oder einen speziell unästhetischen, auch das kann attraktiv sein.

mm.de: Ein Beispiel?

Berger: Bei Bildern von Francis Bacon etwa kann man durchaus der Meinung sein, dass sie nicht wirklich schön sind, jedenfalls nicht im konventionellen Sinne. Trotzdem sind sie sehr wertvoll geworden, denn sie sind innovativ und anspruchsvoll. Wichtig ist auch die Aussage eines Bildes, es sollte nicht nur zu rein dekorativen Zwecken entstanden sein.

"Große Wertsteigerungen bei niedrigpreisigen Werken"

mm.de: Denken sie, die emotionale, ästhetische Begeisterung für Kunst ist erforderlich, um erfolgreich investieren zu können. Oder reicht die rein rationale Herangehensweise, das Studium aller verfügbaren Informationen zum Kunstmarkt und zur Kunsthistorie etwa?

Berger: Meiner Meinung nach braucht man schon ein Gefühl für Ästhetik, Originalität und Inhalte und für das, was ein Kunstwerk vermitteln kann. Viele Unternehmen und andere große Kunstsammler beschäftigen daher professionelle Kunstkenner oder Kuratoren, mit deren Hilfe sie ihr Risiko absichern. Sie können dadurch aber auch ihre Chancen auf starke Wertsteigerungen mindern: Risiken reduzieren heißt Chancen reduzieren.

mm.de: Anspruchsvolle, anerkannte Kunst ist aber nicht immer auch kommerziell erfolgreich. Bei Joseph Beuys beispielsweise ist das mitunter so. Umgekehrt findet nicht jeder kommerziell erfolgreiche Künstler auch immer die Anerkennung der Experten. Wie geht man damit als Anleger um?

Berger: Ich kann nur sagen: Die Wahrscheinlichkeit, mit Kunst Geld zu verlieren ist am höchsten, wenn Sie mit Kunst primär Geld verdienen wollen. Natürlich gibt es auch am Kunstmarkt Geschmacksänderungen, Moden und entsprechende Preisschwankungen. Die Tatsache, dass Beuys heute im Vergleich zu seiner kunstgeschichtlichen Bedeutung relativ preisgünstig ist, bedeutet nicht, dass er nicht in zehn Jahren auf Auktionen wieder ganz oben sein kann. Und dass heute neue Wilde kaum noch gefragt sind, die zu ihrer Zeit mal viel Geld gekostet haben, heißt nicht, dass sie nicht übermorgen wieder Höchstpreise erzielen. Im übrigen schwankt das Preisniveau für zeitgenössische Kunst ganz generell im Laufe der Zeit.

mm.de: Wenn Sie sagen, wer kauft, nur um Geld zu verdienen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit welches verlieren, heißt das, Sie halten nichts davon, Kunst als Anlageklasse zu betrachten, die in ein Portfolio gehört?

Berger: Doch, das kann man durchaus - vorausgesetzt, man versteht etwas von Kunst. Eine Untersuchung von Roland Berger Strategy Consultants hat ergeben, dass Kunst nicht mit anderen Anlageformen korreliert, weder mit Immobilien, noch mit Wertpapieren. Und da das Angebot an guter Kunst tendenziell limitiert ist, und die Zahl der Käufer wächst, dürften die Preise auf Dauer eher steigen. Schließlich bringen neue Käuferschichten, etwa aus China, Russland und Indien, sowie relativ neue kaufstarke Berufsgruppen wie Hedgefonds-Manager und Investmentbanker eine Menge Geld mit.

mm.de: Die Preissteigerungen waren ja in den vergangenen Jahren bereits zu beobachten.

Berger: Ja, das stimmt, die Preise sind im Durchschnitt gestiegen. Jedes Jahr werden neue Rekorde aufgestellt, kürzlich erst erzielte ein Bild von Jackson Pollock mehr als 140 Millionen Dollar. Aber die größten Wertsteigerungen im Durchschnitt haben bemerkenswerterweise relativ niedrigpreisige Kunstwerke erreicht.

"Es gibt keine Korrelationen"

mm.de: Sind das vor allem Werke von Künstlern, die am Anfang ihrer Karriere stehen, oder kleinere, wenig beachtete Werke von etablierten Künstlern?

Berger: Es gibt durchaus erstklassige, etablierte Künstler, die weder in der Wertkategorie eines Jackson Pollock, Picasso oder Twombly liegen, noch eines van Gogh oder Gustav Klimt.

mm.de: Wie groß ist der Einfluss von Spekulanten im Kunstmarkt, die den Aufwärtstrend verfolgen und eine Gelegenheit zum schnellen Geld sehen?

Berger: Spekulanten beeinflussen jeden Markt, nach oben wie nach unten. Meiner Meinung nach ist ihr Einfluss im Kunstmarkt aber eher gering; ich denke nicht, dass sich dort signifikant viele Spekulanten bewegen. Es gibt vielmehr die etablierten Sammler und die neuen, die Bilder vor allem aus Prestigegründen kaufen. Zu letzteren zählen etwa viele der russischen, chinesischen oder indischen Oligarchen. Selbst ein Charles Saatchi, der die Werte von Künstlern durch Kauf- und Verkaufsmanöver beeinflusst, und dem man so Spekulationsgeschäfte unterstellen könnte, muss kein reiner Spekulant sein.

mm.de: Das heißt ja, obwohl sich der Kunstmarkt insgesamt - ähnlich den inflationären Entwicklungen in anderen Märkten - stark aufwärts bewegt hat, dürfte der Aufschwung nachhaltiger und stabiler sein.

Berger: Ob der Aufschwung nachhaltiger ist, weiß ich nicht. Da es momentan mehr Käufer als Produzenten hochwertiger Kunst gibt, müssten die Kunstpreise theoretisch steigen. Das muss aber nicht so bleiben. Wenn die Kapitalmärkte weiter einbrechen, sinken die Boni der Investmentbanker. Die Oligarchen agieren etwas sparsamer. Sie investieren dann vielleicht lieber in ihr Geschäft statt in Kunst. So können die Kunstpreise auch wieder fallen. Ich warne davor, Korrelationen zu sehen.

mm.de: Ist das auch das Ergebnis Ihrer Untersuchungen?

Berger: Ja: Der Kunstmarkt beziehungsweise die Kunstpreise sind seit 1946 ungefähr gleich stark gestiegen wie der Standard & Poors-Index - ohne mit diesem im geringsten zu korrelieren. Wir haben die monatlichen Durchschnittsrenditen bei Börsenwerten von 1976 bis 2004 analysiert. Dabei haben wir festgestellt, dass - gemessen am MSCI World-Index - die Aktienkurse im ungünstigsten Monat um 9,5 Prozent fielen. Gleichzeitig stiegen die Kunstmarktrenditen um 0,8 Prozent - Korrelation gleich Null. Im stärksten Bullenmonat in diesem Zeitraum, als der MSCI um mehr als 8 Prozent zulegte, verzeichnete der Kunstmarkt lediglich ein Plus von 0,3 Prozent. Generell beträgt die Korrelation amerikanischer zeitgenössischer Kunst zu Aktien weltweit -0,2, ist also negativ. Zu amerikanischen Anleihen liegt sie bei 0,03, zu Immobilien 0,15. Es gibt also keine Korrelationen.

"Zweistellige Zahl von Künstlern mit Zukunft"

mm.de: Sie hatten China erwähnt. Künstler von dort werden momentan hoch gehandelt. Wird deren Wert von Dauer sein, oder handelt es sich um eine vorübergehende Mode?

Berger: Warum sollten chinesische, indische und russische zeitgenössische Künstler, wenn sie gut sind und die Kriterien, die ich nannte, erfüllen, nicht auf Dauer erfolgreich sein? Sicher nicht alle, und man weiß auch nicht genau, wer. Die chinesischen Künstler haben jedenfalls eine sehr eigenständige Interpretations- und Darstellungsweise entwickelt, die sich durchaus halten sollte. Die südamerikanischen übrigens auch.

mm.de: Zum Schluss bitte noch einen Tipp: Welchem jungen, unentdeckten Künstler räumen Sie die größten Aussichten auf künftigen Erfolg ein?

Berger: Das werde ich bestimmt nicht veröffentlichen (lacht).

mm.de: Sie haben aber einen Kandidaten?

Berger: Mehrere. Und wenn ich richtig liege mit meiner Einschätzung, täte ich mir keinen Gefallen damit, ihre Namen jetzt schon zu verraten. In Europa, an der Westküste der USA, in China und Südamerika sehe ich eine niedrige zweistellige Zahl an Künstlern, die eine große Zukunft haben können. Wenn man sie kennt, möglicherweise auch persönlich, kann man davon ausgehen, dass dort einiges Potenzial zu heben ist – vielleicht sogar finanziell.

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