Dax-Geflüster Der Dollarsturz hat auch sein Gutes

Dax und Dollar stürzen, der Euro ist auf Rekordjagd. Exporteure leiden - doch für Anleger könnte sich der Dollarverfall bald als Segen erweisen. Es gibt mehrere Gründe, warum der schwache Dollar in der aktuellen Börsenkrise als Stärkungsmittel taugt.

Raue Zeiten an der Börse. Hätte der Dax  nur mit ein oder zwei Belastungsfaktoren zu kämpfen, es wäre geradezu langweilig. Doch stattdessen kommen schlechte Nachrichten derzeit im Dutzend.

Die Kreditkrise weitet sich zu einem schwarzen Loch aus, in dem nicht nur Milliardenhilfen der Notenbanken, sondern auch Fonds wie die Carlyle Capital Corp scheinbar auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Die Preise für Gold  (1000 Dollar je Unze) und Öl (111 Dollar je Barrel) steigen genauso atemberaubend schnell, wie der Dollar fällt: Die Preise der meisten für die Industrie wichtigen Rohstoffe steigen gleich mit.

Gleichzeitig grüßt die US-Rezession. Sehr schwache Zahlen vom Arbeitsmarkt und aus der Einzelhandelsbranche haben in dieser Woche den Abschwung der US-Wirtschaft bestätigt. Die Industrie hat im Februar rund 60.000 Jobs abgebaut, zugleich sind die Umsätze im Einzelhandel gesunken. Die Zahl der Zwangsversteigerungen bei Immobilien hat sich verdoppelt. Das sind nicht mehr nur düstere Vorboten, sondern handfeste Hinweise darauf, dass die US-Wirtschaft im ersten Quartal einen realen Rückgang verzeichnen wird.

Schwacher Dollar kann helfen

Und dann noch der Euro. Er schwebt derzeit in Höhen, die manchem Dax-Unternehmen die Bilanz verhageln dürften. Die Marke von 1,56 US-Dollar hat die Gemeinschaftswährung am Freitag erneut überschritten.

Das schmerzt den noch amtierenden Exportweltmeister Deutschland. Ein Auto oder eine Maschine, in Deutschland für 20.000 Euro hergestellt, müsste in der Rezessionszone USA für weit mehr als 30.000 Dollar verkauft werden, um Gewinn für den Hersteller einzufahren. Ein sportliches Vorhaben.

Für den Dax, so scheint es, kommt zu all den Fährnissen wie Kreditkrise, Rekord-Ölpreis und US-Rezession noch eine tonnenschwere Belastung durch den starken Euro hinzu. Viele Anleger schauen angesichts dieser Mehrfachbremsen derzeit lieber nicht in ihr Depot, sie vergleichen stattdessen akribisch die besten Zinsangebote für Tagesgeld.

Doch die Gleichung "starker Euro = schwacher Dax" ist zu simpel, um als Wegweiser zu taugen. Der lautstark beklagte Dollarverfall kann dem deutschen Leitindex im Gegenteil sogar dabei helfen, um sich noch in diesem Jahr deutlich zu erholen.

Dollar stärkt Dow, Dow stärkt Dax

Dollar stärkt Dow, Dow stärkt Dax

"Der schwache Dollar kann für die US-Wirtschaft ein Mittel sein, um sich aus ihrer aktuellen Schwächephase herauszuhangeln", sagt Andy Sommer, Analyst bei der HSH Nordbank. Ein Treiber dafür seien unter anderem die anziehenden Exporte.

Der schwache Greenback hilft US-Schwergewichten wie General Electric , Boeing  oder General Motors , mehr Produkte im Euroraum zu verkaufen. Hersteller wie Apple  freuen sich zudem über satte Währungsgewinne und steigende Gewinnmargen in Europa. Dies wirkt als Gegengewicht für die abflauende Nachfrage im Heimatland.

"Weltkonjunktur wichtiger als Wechselkurs"

"Der Außenhandel der USA liefert erstmals seit vielen Jahren einen positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum", ergänzt Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der BayernLB. Bei einem gleichzeitigen Rückgang der Importe verringert sich auf diese Weise auch das Defizit in der Leistungsbilanz - dieser Bereinigungsprozess hat bereits eingesetzt.

Eine schwache eigene Währung ist klassisches Stärkungsmittel für den Export: Pfister und Sommer gehen davon aus, dass dank kräftiger Zinssenkungen und auch dank des schwachen Dollar die konjunkturelle Abkühlung in den USA eher milde ausfallen wird.

"Der Zustand der Weltkonjunktur ist wichtiger als der Wechselkurs", meint Pfister. Wenn der schwache Dollar der US-Konjunktur dabei helfe, die aktuelle Schwächephase rasch zu überwinden, dann helfe der schwache Dollar mittelfristig auch dem Dax.

Sollte die US-Konjunktur nach einem schwierigen ersten Halbjahr bereits im dritten Quartal wieder anziehen, könnten Anleger bereits auf Sicht von 6 Monaten deutlich steigende Notierungen sehen.

Puffer gegen teure Rohstoffe

Puffer gegen teure Rohstoffe

Der zweite Grund, wegen eines steigenden Euro nicht die Nerven zu verlieren: Für viele Dax-Unternehmen wirkt er als Ausgleich für steigende Rohstoffpreise, die traditionell in Dollar abgerechnet werden. Dieser "commodity hedge" sei nicht zu unterschätzen, betont Sommer. "Steigende Öl- und Rohstoffpreise träfen viele Unternehmen noch härter, wenn die Wirkung nicht durch den starken Euro gemildert würde."

Drittens: Dax-Unternehmen sind nicht machtlos. Sie produzieren weltweit und haben damit die Möglichkeit, durch Verlagerung ihrer Produktion die Währungsturbulenzen aufzufangen. "Kaum ein Mercedes oder BMW  wird doch in Deutschland hergestellt und dann per Schiff zu den US-Autohändlern gebracht", sagt Sommer. Vor wenigen Tagen verkündete zum Beispiel BMW, die Produktion der Geländewagen X3 und X5 im US-Werk Spartanburg um ein Drittel hochzufahren. Autos, die von deutschen Herstellern im Dollarraum verkauft werden, wurden dort auch in der Regel hergestellt.

8 Prozent der Exporte in die USA

Viertens: Der deutsche Export hat sich bislang als bemerkenswert robust gegenüber dem Euro-Anstieg erwiesen. Nach Angaben des Bundesverbandes für Groß- und Außenhandel wird der Gesamtwert der deutschen Exporte in diesem Jahr erstmals über die Marke von einer Billion Euro steigen. Der starke Euro bremst zwar das Exportwachstum auf voraussichtlich 5 Prozent, aber er bremst das Wachstum eben nicht völlig aus. "Nur acht Prozent der deutschen Exporte gehen in die USA", sagt HSH-Analyst Sommer. Mehr als 70 Prozent der Güter werden dagegen - währungsneutral - in die Eurozone exportiert.

Zwar sind auch viele asiatische Währungen an den Dollar gebunden, so dass sich Exporte nach Asien derzeit verteuern. "Doch deutsche Unternehmen exportieren in diese Wachstumsregionen überwiegend hochwertige Ausrüstungsgüter - sie sind als Spezialitätenhersteller weniger stark einem Preiskampf ausgesetzt als ein Hersteller von Massengütern", erklärt Markus Reinwand, Analyst der Helaba.

Der Dollarverfall knabbere zwar an den Gewinnmargen und sei für diese Hersteller nicht erfreulich - doch die dynamische Nachfrage in den Schwellenländern sorge auch hier immer noch für Exportwachstum. "Der Dax ist lange Zeit im Gleichschritt mit dem Euro gestiegen", sagt Reinwand. Ein Indiz, dass eine stabile Konjunktur stärker wiegt als Währungsturbulenzen.

Deutliche Zinssenkung am Dienstag

Wettlauf gegen die Zeit

Fünftens: Dax-Unternehmen wie Adidas , die vorwiegend im asiatischen Raum produzieren, aber überwiegend im Euro-Raum verkaufen, können vom starken Euro sogar direkt profitieren. Ihre Produktionskosten sinken mit dem fallenden Dollar. Dieser Effekt kann dem Sportartikelhersteller zum Beispiel dabei helfen, die Schwierigkeiten mit der US-Tochter Reebok zu kompensieren.

Die wichtigste Funktion des schwachen Dollar bleibt jedoch, die US-Konjunktur über die Exporte zu stabilisieren - je früher, desto besser. Denn wenn die US-Wirtschaft bereits im Herbst wieder an Fahrt gewinnt, hat die US-Notenbank die Möglichkeit, die Zinsen wieder anzuheben - und damit auch den Dollar zu stärken. "Zum Ende eines Zinssenkungszyklus der Fed steigen erfahrungsgemäß die Renditen am US-Rentenmarkt. Damit werden Dollar-Anlagen für Anleger wieder interessanter", sagt Pfister.

In diesem Szenario wäre auch ein Ende der Dollarschwäche abzusehen. Die taumelnde Währung dient nur dann als Stärkungsmittel, wenn sie sich bald selbst wieder erholt und nicht vollends kollabiert.

Weitere Zinssenkung am Dienstag

Doch bis zu einer Zinswende ist es noch ein weiter Weg. "Die Fed wird am kommenden Dienstag die Zinsen erneut um mindestens 50 Basispunkte senken", schätzt Reinwand. Dann stünde der Leitzins, der noch vor einem halben Jahr bei 5,25 Prozent notierte, bei 2,5 Prozent. Eine weitere Senkung der Zinsen bis zum Herbst auf 2 oder gar unter 2 Prozent hält er nicht für ausgeschlossen. Und in einigen Monaten, da sind sich Reinwand, Sommer und Pfister einig, werden diese Zinssenkungen ihre belebende Wirkung entfalten.

IWF mahnt zum Handeln, USA klotzt

IWF mahnt, USA klotzt

"Die Chancen für eine Erholung im dritten Quartal werden auch durch das US-Konjunkturprogramm erhöht", ergänzt Pfister. Die Steuerschecks - rund 100 Milliarden Dollar für private Konsumenten und rund 50 Milliarden Dollar für US-Unternehmen - werden zwischen Mai und September verschickt, und ein Teil des Geldes dürfte rasch den Weg zurück in den Wirtschaftskreislauf finden. Auch wenn dieses staatliche Notprogramm nur als Strohfeuer wirke - es könne einen positiven und sich selbst verstärkenden psychologischen Effekt haben.

Die Risiken für die US-Konjunktur sind ohne Zweifel hoch. Doch die USA unternehmen auch viel, um gegenzusteuern und eine tiefe, lange Rezession zu verhindern.

Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF), ansonsten stets auf Konsolidierung der Staatshaushalte bedacht, forderte gestern die Regierungen auf, notfalls durch höhere Staatsausgaben und Konjunkturprogramme einer Verschärfung der Krise zu begegnen. Selbst die auf Preisstabilität fixierte Europäische Zentralbank dürfte in solch einem Fall noch in diesem Jahr die Zinsen senken. Auch sie kann dem Euro-Höhenflug damit Grenzen setzen.

Ein schwacher Dollar stärkt die Börse nur dann, wenn er am Ende auch selbst gestärkt aus der Belebungskur hervorgeht. "Es bestehen gute Chancen, dass die US-Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte allmählich Fuß fasst und der Dollarverfall gestoppt werden kann", sagt HSH-Analyst Sommer. Die Experten von HSH Nordbank, Helaba und BayernLB räumen dem Dax  bis Ende September Erholungspotenzial von 10 Prozent und mehr ein.

"Die Börse läuft einer Erholung der Realwirtschaft meist um rund 6 Monate voraus", sagt Reinwand. Schwache Börsentage sieht er daher derzeit als Chance zum schrittweisen Einstieg.

Der Dollar ist noch nicht abgeschrieben. Die Schwäche der noch amtierenden Leitwährung kann mittelfristig eine Stärkung der Börse sein.

Überblick: Wie der schwache Dollar stützt

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