Börsenkrise "Der manisch-depressive Markt"

Einen Tag nach dem weltweiten Kursrutsch stellt sich die Frage, was noch auf die Anleger zurollt. Michael Keppler, Fondsmanager aus New York, gibt im Gespräch mit manager-magazin.de die Antworten und sagt, wie sich Anleger darauf einstellen können.
Von Arne Gottschalck

mm.de: Wenn Sie im Fed-Gremium säßen, wofür würden Sie stimmen: Eine Zinssenkung? Und warum?

Keppler: Ich würde das Ziel der Inflationsbekämpfung höher ansetzen. Aber momentan geht es eher um Krisenmanagement. Insofern ist kurzfristig mit weiteren Zinssenkungen zu rechnen.

mm.de: Starren Anleger derzeit zu sehr auf Fed und EZB und deren Wirken und vernachlässigen etwaige andere Parameter?

Keppler: Die Parameter, die wir langfristig für ausschlaggebend halten, sind Substanz- und Ertragswert von Unternehmen im Verhältnis zum Aktienkurs. Kurzfristig können andere Faktoren dominieren. Wenn man prognostizieren könnte, wann diese zum Tragen kommen und welche Tragweite sie haben, wäre es sinnvoll, sich damit auseinanderzusetzen. Wir können solche hellseherischen Fähigkeiten nicht für uns beanspruchen und konzentrieren uns daher auf die Faktoren, die wir beurteilen können.

mm.de: Welche Folgen hätte eine US-Rezession für die Weltwirtschaft und für die Aktien weltweit? Und haben wir schon eine Rezession?

Keppler: Ob es tatsächlich zu einer Rezession kommen oder sich das Wirtschaftswachstum nur stark verlangsamen wird, ist schwer zu sagen. Die Statistiken zur Stimmung der Verbraucher sind oft irreführend, da Konsumenten ihre tatsächlichen Ausgaben regelmäßig unterschätzen.

Das Risiko einer Rezession wird jedoch generell überschätzt. 330 Millionen US-Verbraucher müssen essen und trinken und brauchen Kleidung und andere Konsumgüter. Wenn die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts negativ wird, bricht die Welt nicht zusammen. Amerika hat seine Leitfunktion der Weltwirtschaft vermutlich ohnehin schon eingebüßt, wenn man bedenkt, dass bereits die Hälfte des Zuwachses des Weltbruttosozialprodukts aus den Schwellenländern stammt.

mm.de: Investoren wie Warren Buffett nutzen die aktuellen Chancen - was überwiegt in Ihren Augen, die Chancen oder die Risiken?

Keppler: Das hängt natürlich vom Betrachter ab. Wenn Sie ein Portfolio drittklassiger Immobilienanleihen mit hohem Leverage haben, können Sie die Totenglocke schon hören. Wenn Sie wie Buffett mehr als 40 Milliarden US-Dollar in Cash haben, überwiegen natürlich die Chancen. Wir versuchen selbstverständlich ebenfalls die Situation zugunsten unserer Anleger zu nutzen.

Von wegen effiziente Märkte

mm.de: Wie sehr beeinflusst die Psychologie aktuell die Anleger?

Keppler: Auch wenn die klassischen Kapitalmarkttheorien von rational handelnden Marktteilnehmern ausgehen und selbst Nobelpreisträger von "effizienten Märkten" schwärmen, die Wirklichkeit sieht anders aus: Benjamin Graham hat sie mit seinem metaphorischen, manisch-depressiven Mr. Market sehr anschaulich beschrieben.

Mr. Market nennt Ihnen jeden Tag den Preis, zu dem er bereit ist, Aktien von Ihnen zu kaufen oder an Sie zu verkaufen. Je nachdem, wie er gerade gestimmt ist, ist dieser Preis manchmal unverschämt hoch, manchmal lächerlich niedrig, manchmal auch mehr oder weniger angemessen.

Value-Investoren versuchen, diese Stimmungsschwankungen zu nutzen, indem sie Mr. Market Aktien zu niedrigen Kursen abnehmen, wenn ihm vor Angst die Knie schlottern, und ihm diese teuer verkaufen, wenn ihn die Gier erfasst. Doch die meisten Anleger folgen den Stimmungsschwankungen von Mr. Market blind beziehungsweise lassen sich von ihnen anstecken. Während sie im Supermarkt zugreifen würden, wenn es Sonderangebote gibt, machen sie es bei Aktieninvestments genau umgekehrt.

Je teurer Aktien angeboten werden, desto begehrenswerter erscheinen sie der Masse der Anleger. Doch wenn Mr. Market in Panik gerät und bereit ist, Aktien weit unter ihrem Wert zu verkaufen, will niemand etwas davon wissen.

mm.de: US-Aktien zeigen sich 2008 im Vergleich zum Dax  recht robust - woher kommt's?

Keppler: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Dass die US-Aktien in den ersten beiden Monaten besser abschnitten als andere, hat nicht viel zu sagen. Im Vorjahr lag der US-Markt mit einem Minus von 4,9 Prozent an viertletzter Stelle nach Japan, Belgien und der Schweiz. 2006 nahmen US-Aktien mit 2,6 Prozent den vorletzten Platz ein - nur Japan war noch schlechter. Diese Zahlen sind in Euro.

mm.de: Wie wird es mit dem Dollar in Relation zum Euro weitergehen?

Keppler: "The trend is your friend". Trends dauern häufig länger, als man glaubt. Solange die Politik, die den Dollar unter Druck bringt, anhält, sollte man von einem inhärent schwächenden US Dollar ausgehen.

100 Prozent Aktien

mm.de: Warum entwickeln sich Aktien innerhalb eines Index oftmals im Gleichschritt? Liegt das daran, dass zur Aufnahme einheitliche Voraussetzungen zu erfüllen sind und daher eben zum Beispiel Small Caps aus Lateinamerika zu einem Index gebündelt werden? Oder liegt das daran, dass viel Geld in die Indizes fließt und darum die enthaltenen Aktien anteilig von Geldsegen profitieren?

Keppler: Das liegt sicher daran, dass heute vielfach ganze Portfolios beziehungsweise Indizes gehandelt werden. Unseren Marktauswahlverfahren liegt die Prämisse zugrunde, dass sich die Durchschnittsaktie in einem attraktiven Markt besser entwickelt als eine Spitzenaktie in einem miesen Markt.

mm.de: In einem Standardportfolio - welche Aktienquote wäre angemessen, zum Beispiel für einen 40-jährigen Mann?

Keppler: Früher galt die Faustregel, dass der Aktienanteil bei 100 minus dem Lebensalter liegen sollte. Im Fall des 40-Jährigen hätte der Aktienanteil demnach 60 Prozent betragen.

Wenn man jedoch bedenkt, dass zur Zeit als Bismarck in Deutschland die Sozialversicherung einführte, der Durchschnittsrentner seine Pension nicht mehr erlebte, muss Faustregel heute modifiziert werden.

Auch ist wichtig, ob der Sparer sein Vermögen selbst verbrauchen wird oder ob er möglicherweise sehr junge Erben hat. Trifft letzteres zu, ist deren Alter entscheidend. Für sehr Vermögende, die ihre Cash-Bedürfnisse aus den Dividenden befriedigen können, empfehle ich sogar 100 Prozent Aktien beziehungsweise Investments, die am Produktivkapital der Volkswirtschaft teilhaben. Warum der Bank Geld leihen, damit ein anderer den Mehrwert zwischen Aktienertrag und Anleiherendite erzielt? Werden Sie lieber selbst Unternehmer beziehungsweise Aktionär.

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