Chartanalyse Der Bulle steckt im Kaffeesatz

Der Chartanalytiker malt ein paar Linien, denkt nach und platziert seine Order. So beschreibt das Klischee Anleger, die kommende Preise aus bisherigen Kursen ableiten. Und auch manche Analysten belächeln das Verfahren als Kaffeesatzleserei. In Banken und Wertpapierhäusern hat es dennoch seinen festen Platz.
Von Grit Beecken

Hamburg - Die gezackten Linien auf Zentimeterpapier sind mit verschiedenfarbigen Linien übermalt, verziert ist das Gebilde mit unverständlichen Worten wie Spike und Umkehrtag. Was für einen Laien nach zeitgenössischer Kunst aussieht, ist der Versuch, den Börsenverlauf vorherzusagen. Ein Chart ist die grafische Darstellung von Kursverläufen über einen bestimmten Zeitraum. Die Analyse dieser Werte kann, so die Chartanalytiker, beim Aufspüren kommender Trends hilfreich sein.

Diese Art der Vorschau war in der Vergangenheit umstritten. Wirschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson sagte beispielsweise: "Die Preise reagieren auf Neuigkeiten, auf Überraschungen." Überraschungen aber seien unvorhersehbare Ereignisse, deren künftiger Verlauf eben nicht ermittelbar ist. Auch Vertreter der Fundamentalanalyse, die mit wirtschaftlichen Fakten kommende Preise ermitteln wollen, wetterten gegen die Kaffeesatzleser.

Inzwischen aber haben sich die Gegner versöhnt und kooperieren in Sachen Blick in die Zukunft. Vertreter der Fundamentalanalyse ackern sich durch diverse Unternehmenskennzahlen, um die richtige Bewertung eines Papiers zu ermitteln, Chartanalytiker betrachten lediglich die vergangene Kursentwicklung. Die Ansätze scheinen nur schwer miteinander vereinbar zu sein - hier wirtschaftliche Fakten, dort Malen nach Zahlen. Dennoch suchen beide Lager gemeinsam nach kommenden Börsentrends.

"Chart- und Fundamentalanalysten leben in der Praxis symbiotisch zusammen, die Ansätze sind nicht konträr", sagt Dirk Schiereck, Professor für Finanzmanagement an der European Business School in Oestrich-Winkel. Wer beispielsweise irrationales Marktverhalten aus den Charts herauslesen könne, der schlage unter Umständen den Markt. Aber: "Die Chartanalyse ist kein geeignetes Element für Privatanleger", so Schiereck.

Das Instrument geht auf Charles Henry Dow zurück. Der Mitbegründer der Wall Street stellte fest, Aktienkurse bewegten sich in wiederkehrenden Trends. Aus dieser Einsicht entwickelten er und andere die Chartanalyse als Verfahren neben der Fundamentalanalyse. Sie ist leichter zu erlernen als die Untersuchung von Unternehmensdaten und daher auch bei Privatanlegern beliebt.

Nicht nur die Einfachheit spricht für die Chartanalyse: "Im Bereich der CFDs, der Differenzkontrakte, schauen unsere Kunden sehr viel auf Charts. Denn bei kurzfristigen und schnellen Bewegungen des Marktes spielen fundamentale Daten eine eher untergeordnetere Rolle", sagt Thomas Kranch vom Frankfurter Online-Derivatehaus CMC-Markets. Über Anlegermagazine und Börsenportale ist die Chartanalyse für Privatanleger inzwischen weit verbreitet.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

Die Wirksamkeit der Chartanalyse ist wissenschaftlich nicht belegt. Es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen der Art der Analyse und der erwirtschafteten Rendite. "Wissenschaftliche Studien verlangen Intersubjektivität. Phänomene wie Unterstützungslinien jedoch sieht jeder anders. Daher sind Studien nur schwer möglich", begründet Finanzmarktexperte Schiereck die Datenlage.

Auch wenn die Wirksamkeit der Chartanalyse empirisch nicht belegt ist, gibt es eine Erklärung für die hohe Anwendungshäufigkeit. Aus dem Glauben an die Wirksamkeit hinaus wird viel Kapital nach den Ergebnissen der Chartanalyse bewegt. So wird das Instrument zur Grundlage einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Wissenschaftlicher Beleg hin oder her, in manchen Märkten ist die Chartanalyse die einzige Möglichkeit der Kursbetrachtung. "Im Devisenbereich ist die Chartanalyse bedeutend, da die wechselkurstreibenden Faktoren nicht vollständig vorliegen", sagt Volker Brokelmann, Chartered Financial Analyst und stellvertretender Leiter Research bei der HSH Nordbank. Währungskurse würden von der Anzahl und Art der Transaktionen weltweit bestimmt, die - wenn überhaupt - im Nachhinein veröffentlicht werden. Anders sieht es laut Brokelmann im Bondmarkt aus. "Hier liegen Daten für eine Fundamentalanalyse vor, da ist die Chartanalyse weniger bedeutend."

Auch die Berenbergbank integriert die beiden Methoden. "Entscheidend ist die glückliche Kombination der Ansätze", sagt Chefvolkswirt Wolfgang Pflüger. Die reine Chartanalyse sei als Instrument etwas zu rudimentär, ergänzt um technische Indikatoren hingegen führe sie zu "ganz guten Ergebnissen". Auch er unterscheidet zwischen dem Devisenmarkt, der auf die technische Analyse angewiesen ist und dem Aktienmarkt, bei dem Unternehmenszahlen vorliegen und analysiert werden können. Indizes hingegen würden ebenfalls stärker anhand technischer Verfahren analysiert.

Die Zeichen der Zukunft

Charttechnischen Analysen liegt die Annahme zugrunde, dass es in den Kursverläufen wiederkehrende beobachtbare Ereignisse gibt. Die Zeiträume - die Intervalle - in denen ein Chart aufgetragen wird, sind prinzipiell frei wählbar.

Zu den beliebten Untersuchungen gehört die Arbeit mit Widerständen und Unterstützungen, die ein Aktienkurs zeigt. Wenn ein Papier immer wieder auf einen Preis von 15 Euro fällt, so gilt dieser Wert als Unterstützung und Anleger werden bei Kursen um 15 Euro Positionen aufbauen.

Ein Widerstand zeigt sich, wenn ein Aktienkurs einen Wert nicht nach oben durchbrechen kann und an dieser Stelle immer wieder fällt. Verbundene Widerstände oder Unterstützungen einer Aktie über einen längeren Zeitpunkt heißen Widerstands- bzw. Unterstützungslinien.

Chartanalysten suchen außerdem nach bestimmten Mustern in den Graphen. Ein Spike zum Beispiel ist ein Gebilde, bei dem sich im Gegensatz zu dem vorherigen und folgenden Tag ein deutliches Hoch oder Tief gebildet hat. Es wird angenommen, dass ein solcher Spike den Höhepunkt des aktuellen Kauf- oder Verkaufdrucks kennzeichnet und es aus diesem Grund zu einer Trendumkehr kommen wird.

Oft werden in Charts die 100- oder die 200-Tages-Linie eingezeichnet. Diese Durchschnittskurse entscheiden die Frage, ob man sich in einem Bullen- oder einem Bärenmarkt befindet. Kurse oberhalb der Linien zeigen den Bullenmarkt an, Kurse unterhalb den Bärenmarkt.

Geht man davon aus, dass die Annahme, sich in einem Bullen- oder Bärenmarkt zu befinden, das Anlageverhalten beeinflusst, so wird deutlich, dass die Ergebnisse der Chartanalyse ihrerseits ein preisbestimmender Faktor sind. Die Börseneinbrüche in Folge der Subprime-Krise hingegen scheinen Chart- wie Fundamentalanalysten nicht genau vorhergesehen zu haben. Die Glaskugel besitzt eben doch niemand.

Chartanalyse in Bildern: So malen die Profis Chartformationen: Die Zeichen der Zukunft

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