Schwarzbuch Börse Schmiergeld, Lügen und Arroganz

Kapitalvernichtung wird mit millionenschweren Aktienoptionen belohnt, Verluste bis zum Schluss verschwiegen, Aktionäre kalt entmachtet. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger fand auch 2007 reichlich Stoff für die neue Ausgabe ihres Schwarzbuchs Börse. Die schlimmsten Fehler und Skandale im Überblick.

Hamburg/München - "Trotz der überwiegend positiven Börsenbilanz gab es wieder zahlreiche Schattenseiten", kritisierte SdK-Vorsitzender Klaus Schneider, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), am Montag in München. Mehr als drei Dutzend Fälle sind den Aktionärsschützern im vergangenen Jahr mächtig auf den Magen geschlagen - allen voran wohl der Schmiergeldskandal beim Siemens-Konzern .

In nur einem Jahr habe es das mittlerweile 160 Jahre alte Traditionsunternehmen geschafft, zum "weltweiten Inbegriff für Korruption" zu werden, sagte der SdK-Vorstand. Zwar trage Siemens unter seinem neuen Chef Peter Löscher jetzt bereitwillig zur Aufklärung des Skandals bei. Nichtsdestotrotz fordern die Aktionärsschützer vom Aufsichtsrat, die Urheber des Korruptionssystems zu Schadensersatz zu verpflichten und auch variable Vergütungen der involvierten Manager zurückzufordern.

Bitter stoßen vermutlich nicht nur der SdK die Geschehnisse um den Daimler-Konzern  und seinen ehemaligen Manager Jürgen Schrempp auf. Zwar habe der Autobauer mit der Abspaltung der US-Tochter Chrysler im vergangenen Jahr das Ende der "Welt AG" eingeleitet. Dass aber ausgerechnet der Architekt dieser verhängnisvollen Beziehung, der ehemalige DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, zum größten Gewinner dieses Bruchs wird, dürfte langjährige und treue Daimler-Aktionäre besonders ärgern. Denn mit der Abwicklung der "Welt AG" kletterte der Wert seines Aktienoptionsprogramms - um runde 50 Millionen Euro. Während Schrempps Regentschaft waren die Aktien des Autobauers um rund 76 Prozent gefallen.

Schwere Fehler im Risikomanagement und in der Informationspolitik haben die Aktionärsschützer bei von der US-Kreditkrise getroffenen Banken wie Hypo Real Estate , IKB  und WestLB ausgemacht. Bei aller Notwendigkeit zur Differenzierung - es habe sich gezeigt, dass die Bankmanager kein Verständnis für die durch die Hypothekenkrise entstandenen Probleme hätten. Konkret dem Vorstand der Hypo Real Estate werfen die Aktionärsschützer vor, viel zu lange die Gefahren für das eigene Haus ignoriert oder schlicht verschwiegen zu haben. Der durch den Vertrauensverlust entstandene Schaden sei letztlich viel größer ausgefallen als die seinerzeit bekannt gegebenen Wertberichtigungen.

Doch auch kleinere Firmen sind erneut ins Fadenkreuz der Aktionärsschützer geraten. Der Solarzellenhersteller Conergy  etwa hatte zur Abberufung seines Finanzvorstands Anfang Oktober vergangenen Jahres noch erklärt, man halte die Prognosen für das Jahr 2007 aufrecht. Doch kaum zwei Wochen später wurden die Aktionäre nicht nur durch eine Gewinn-, sondern auch eine happige Verlustwarnung geschockt. Weitere Hiobsbotschaften folgten. Die Aktie verlor etwa drei Viertel ihres Wertes.

Die "IPO-Zitrone" für den schlechtesten Konsortialführer des vergangenen Jahres haben die Aktionärsschützer dem hiesigen Branchenprimus Deutsche Bank  verliehen. Die von ihr begleiteten Börsengänge von Alstria Office , Versatel , Wacker Construction  und Tognum  seien nach Ansicht der Aktionärsschützer gefloppt. Ende vergangenen Jahres habe der durchschnittliche Kursverlust der vier Börsennewcomer rund 25 Prozent betragen. Dabei seien rund 900 Millionen Euro des ursprünglichen Emissionsvolumens vernichtet worden, kritisiert die SdK.

Daimler - Versagen wird belohnt

Daimler: Versagen wird belohnt

Das Ende der "Welt AG" DaimlerChrysler , im Mai 2007 verkündet und im September vollzogen, wurde an der Börse fast ebenso bejubelt wie ihr Beginn im Jahr 1999. Der Kurs des um die Detroiter Krisenfirma Chrysler verschlankten Unternehmens schoss in die Höhe. Am meisten dürfte sich darüber ausgerechnet der Mann gefreut haben, dessen Plan die Fusion einst war: der frühere Konzernchef Jürgen Schrempp.

Denn Schrempp ist der größte Nutznießer eines Aktienoptionsprogramms, das die Hauptversammlung 2000 mit überwältigender Mehrheit genehmigt hatte.

Insgesamt konnten sich 6500 leitende Angestellte in den Jahren 2000 bis 2005 bis zu 96 Millionen DaimlerChrysler-Aktien sichern - ohne eine Vergütungsobergrenze; die Hürde zur Ausübung der Optionen wurde mit dem fallenden Aktienkurs laufend nach unten angepasst.

Die SdK sah darin schon damals eine "Selbstbereicherung". Sie scheiterte jedoch mit einer Klage. Die Daimler-Anwälte führten aus, nur "eine erhebliche Leistung zur Steigerung des Aktienkurses" bringe die Vorstände in den Genuss der Optionen.

Das sieht die SdK im Rückblick widerlegt. So lange Schrempp den Konzern führte und weltweit ausbaute, fielen die Aktien um bis zu 76 Prozent. Als der Kurs nach der Abwicklung der "Welt AG" wieder stieg, legte auch der Wert von Schrempps Optionen auf 50 Millionen Euro zu, hat das "Handelsblatt" errechnet.

Die Aktionäre dürften kaum Trost darin finden, dass Schrempp sich inzwischen nicht mehr derartig auf ihre Kosten bereichern kann. Die Aktien sind wieder auf das Niveau vor dem Chrysler-Verkauf gefallen.

Siemens - Hohe Kunst der Tarnung

Siemens: Hohe Kunst der Tarnung

Seine Vergangenheit hat auch das Dax-Schwergewicht Siemens  zu bewältigen. Die Autoren des Schwarzbuchs Börse malen sich aus, wie es 1998 in der Chefetage des Münchener Konzerns zugegangen sein muss. Damals wurde deutschen Unternehmen Korruption endlich auch für Auslandsgeschäfte verboten (bis dahin konnte Schmiergeld sogar als "nützliche Abgaben" von der Steuer abgesetzt werden).

Ein "schwerer Schlag für Siemens" sei das gewesen, weil "wohl Korruption als unverzichtbarer Bestandteil der Auftragsakquise gesehen wurde", glaubt die SdK. Das Ergebnis sei offensichtlich eine Doppelstrategie gewesen, einerseits weiterhin systematisch Auftraggeber zu schmieren, nun aber über Beraterverträge, andererseits von leitenden Mitarbeitern Erklärungen zu verlangen, dass sie auf Korruption verzichten. Siemens wurde sogar Mitglied im Verein "Transparency International", der sich dem Kampf gegen Korruption verschrieben hat. Eine "Camouflage par excellence", findet die SdK, die perfekte Tarnung also.

Inzwischen klärt Siemens bereitwillig auf. Die verdächtigen Zahlungen werden auf 1,3 Milliarden Euro beziffert. Allein die Steuernachzahlungen auf dieser Basis sind Schaden genug für die Aktionäre, ganz zu schweigen von möglichen Strafen, die die US-Börsenaufsicht SEC verhängen könnte.

Die SdK verlangt, dass der Aufsichtsrat von den Urhebern des Korruptionssystems Schadensersatz verlangt und auch variable Vergütungen der betreffenden Manager zurückfordert. Große Hoffnungen macht sie sich nicht. Das Interesse der Kontrolleure sei durch deren ebenfalls erfolgsabhängige Vergütung fehlgeleitet auf "möglichst hohe Jahresergebnisse, gleichgültig mit welchen Mitteln diese erreicht werden". Im Geschäftsjahr 2006/2007 stiegen die Bezüge des Aufsichtsrats um 60 Prozent.

Hypo Real Estate, IKB - Nichts ist sicher

Hypo Real Estate, IKB: Nichts ist sicher

Die US-Hypothekenkrise hat kaum eines der großen Finanzinstitute in Deutschland verschont. Dass es aber gerade die konservative Mittelstandsbank IKB  treffen würde, hätte bei Ausbruch der Krise niemand gedacht. Nur eine konzertierte Rettungsaktion der deutschen Finanzlandschaft rettete das Düsseldorfer Institut, das jetzt zum Verkauf steht, vor der Pleite. Dieses Schicksal teilt die Münchener Hypo Real Estate  nicht, doch auch hier wähnten sich die Anleger halbwegs sicher - nicht zuletzt weil das Management der HRE immer wieder versicherte, man sei von der Krise nicht betroffen.

Beide Banken - wie später auch die WestLB - prangern die Aktionärsschützer in ihrem Schwarzbuch als mahnendes Beispiel für Vertrauensbruch und schlechtes Risikomanagement an. Bei aller notwendigen Differenzierung - es habe sich gezeigt, dass die Bankmanager kein Verständnis für die durch die Hypothekenkrise entstandenen Probleme hätten.

Ging es bei der IKB oder der SachsenLB um milliardenschwere Wertberichtigungen und Finanzspritzen, nahmen sich dagegen die 400 Millionen Euro, die die Hypo Real Estate im Januar 2008 als Wertberichtigung auf ihr US-Portfolio auf sogenannte Collateralized Debt Obligations verkünden musste, eher wie die sprichwörtlichen Peanuts aus. Gleichwohl reagierten die Anleger geschockt und verärgert: Die HRE-Aktie verlor binnen weniger Stunden in der Spitze rund 40 Prozent. Am Tagesende verbrannten damit unter dem Strich etwa 2,4 Milliarden Euro Marktkapitalisierung - also etwa sechs Mal so viel wie die angekündigten Wertberichtigungen.

Das mag übertrieben wirken, doch der Ärger über das Management saß tief. Denn der Konzern hatte zuvor gebetsmühlenartig wiederholt, die Hypothekenkrise berühre die Bank nicht. Zudem mussten die Anleger vernehmen, dass der Gewinn in 2007 rund 30 Prozent niedriger ausfallen und die Dividende kurzerhand um ein Drittel auf 50 Cent je Aktie gekürzt würde. Dass Vorstände und leitende Angestellte mitten in den Kurssturz hinein sich mit HRE-Aktien eindeckten, um das arg ramponierte Vertrauen in die Bank wiederherzustellen, goutierten Markt und Medien ebenfalls mit Verärgerung. Wurde doch der Vorwurf laut, die Topmanager machten ihre eigenen Fehler jetzt noch zu Geld.

Das HRE-Management indes ist sich keiner Schuld bewusst und weist den Verdacht, man habe gegen Ad-hoc-Pflichten verstoßen, energisch zurück. Denn die Lage habe sich erst Mitte November "deutlich verschlechtert". Die Aktionärsschützer sprechen dagegen von einem "skandalösen Vorgang", fordern den Rücktritt von Vorstandschef Georg Funke. Eine ganze Reihe von Anwälten prüft derweil Schadensersatzklagen gegen das Unternehmen. Ein Aktionär soll laut "FAZ" bereits Klage gegen die HRE eingereicht haben.

Eine juristische Auseinandersetzung vor Gericht mit geschädigten Anlegern könnte auch die IKB ereilen. Nach Informationen der SdK erwägen inzwischen "etliche IKB-Aktionäre Schadensersatzklagen gegen das Institut beziehungsweise das ehemalige Management". Die Aktie der Mittelstandsbank ist mittlerweile nur noch rund fünf Euro wert, vor gut einem Jahr waren es noch 33 Euro.

Finanzspritzen für das schwer angeschlagene Institut gab es schon mehrere. Doch die vom Großaktionär KfW und einem Bankenpool als Risikoschirm zur Verfügung gestellten sechs Milliarden Euro scheinen nicht zu reichen. Just mit der Vorstellung des Schwarzbuchs an diesem Montag bricht die im MDax  notierte Aktie der IKB erneut um 20 Prozent ein, nachdem Gerüchte um weitere notwendige Milliardenspritzen den Markt ereilen. Ob angesichts dieser neuen Lage die bislang kolportierten Kaufinteressenten bei der Stange bleiben? Einige Analysten hegten am Montag da erhebliche Zweifel.

WestLB - Gleich doppelt verzockt

WestLB: Gleich doppelt verzockt

Die Chancen für einen Verkauf der ebenfalls in den Hypothekenstrudel geratenen WestLB scheinen dagegen nach jüngsten Ereignissen wieder zu steigen - jedenfalls aus Sicht der Düsseldorfer Landesregierung. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Helmut Linssen (CDU) etwa sieht nach dem am vergangenen Wochenende abgesegneten Rettungsplan für die landeseigene Bank gute Möglichkeiten für eine Fusion des Instituts mit der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Mit der Garantie von fünf Milliarden Euro für die Risiken der WestLB aus Wertpapiergeschäften sei eine zentrale Forderung der Helaba-Träger erfüllt worden, erklärte Linssen am Montag.

Aktionärsschützer haben dagegen Zweifel an einer Fusion. Zwar unterstütze auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch einen Zusammenschluss mit der Helaba. Doch nach der empfindlichen Schlappe bei der Landtagswahl sei Koch womöglich bald nicht mehr im Amt und damit auch die Helaba-Variante wieder fragwürdig.

Im Vergleich zu anderen Finanzinstituten hat die WestLB das "unrühmliche Kunststück" vollbracht, sich gleich zweimal zu "verzocken", kritisiert die SdK in ihrem Schwarzbuch. So habe es die Bank im abgelaufenen Jahr nicht nur geschafft, zwei Milliarden Euro am US-Hypothekenmarkt zu versenken. Zu allem Überdruss verspekulierten sich zwei Händler des Instituts massiv mit Vorzugsaktien und sollen zudem versucht haben, Aktienkurse von Metro , BMW  und Volkswagen  zu manipulieren - die Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Fall auch noch gegen zahlreiche Vorstände.

Klar scheine zu sein, dass der gesamte Vorstand der WestLB bereits Mitte 2006 über die Risikopositionen der Händler informiert gewesen sei, so die Aktionärsschützer. Im Juli vergangenen Jahres traten dann Vorstandschef Thomas Fischer und Risikovorstand Matthijs van den Adel von ihren Ämtern zurück. Nach verschiedenen Presseberichten soll die Finanzaufsicht BaFin zuvor sogar den Rücktritt des kompletten Vorstands gefordert haben. Insider vermuten, die Aufsicht habe nur deshalb von dieser Forderung Abstand genommen, weil sonst die Bank schlicht handlungsunfähig geworden wäre.

Nach eigenen Angaben erwartet die Landesbank für das Geschäftsjahr 2007 einen Verlust von einer Milliarde Euro - ob damit die Folgen der Fehlspekulationen und der Wertberichtigungen im Zuge der Hypothekenkrise voll aufgefangen sind, wird sich noch zeigen. Am 2. April will das von Tiefschlägen gebeutelte Institut, dessen ehemaliger Chef Jürgen Sengera sich wegen des Verdachts der Untreue aktuell vor Gericht zu verantworten hat, seine Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vorlegen.

VW/MAN - Piëchs Welt

VW/MAN: Piëchs Welt

Der Aktienkurs von Volkswagen  hat sich 2007 zum zweiten Mal in Folge beinahe verdoppelt, damit zählt VW zu den Spitzenwerten im Dax. Neben guten Zahlen trug zu diesem Erfolg vor allem der Einstieg des neuen Großaktionärs Porsche  bei.

Die SdK ist mit dieser Wertsteigerung jedoch nicht zufrieden. Solange die Stuttgarter Holding die VW-Mehrheit noch nicht besitzt, bleibe "unklar, welche Pläne Porsche letztlich mit Volkswagen verfolgt". Trotz der Dementis blieben Zweifel, ob der VW-Konzern nicht doch unter dem Dach von Porsche zerschlagen werden soll.

Besonders stößt sich die SdK am "selbstherrlichen" Auftritt von Porsche in Gestalt des "grenzenlos ehrgeizigen" Miteigentümers Ferdinand Piëch, der sich für weitere fünf Jahre als Vorsitzender des VW-Aufsichtsrats wählen ließ - obwohl ihm Gutachten eine Interessenkollision nachwiesen und obwohl die Wahl eines neutralen Chefkontrolleurs vereinbart war. Im Schwarzbuch Börse ist von einem "Staatsstreich" die Rede. "Um die Anwendung des Corporate-Governance-Kodex scheint sich bei Volkswagen niemand zu scheren."

Schon wegen des Lopez-Skandals aus seiner Zeit als VW-Vorstandschef und der Bestechungsaffäre um Betriebsräte, die Piëch nicht verhinderte, komme er nicht für einen Aufsichtsratsvorsitz infrage, findet die SdK. Trotzdem bekam er diesen Posten auch bei dem Lkw-Hersteller MAN , wo VW ebenso wie bei dem schwedischen Wettbewerber Scania  Großaktionär ist.

Das Übernahmeangebot von MAN für Scania sei bei Piëch nicht auf Gegenliebe gestoßen, der stattdessen versuche eine Dreierfusion unter der Führung von VW/Porsche herbeizuführen - was die Performance der VW-Nutzfahrzeugsparte eigentlich nicht hergebe. "Im Ergebnis verhandelt VW mit sich selbst", heißt es im Schwarzbuch.

Dass Piëch auf der MAN-Hauptversammlung nur 73 Prozent der Stimmen bekam, deutet die SdK als "schallende Ohrfeige": "Die Mehrheit aller Aktionäre außer VW" habe gegen ihn gestimmt. Angeblich hatte Piëch den Vertretern der Beschäftigten im MAN-Aufsichtsrat Zugeständnisse für den Fall seiner Wahl gemacht. Weil diese Absprachen nicht offengelegt wurden, klagt die SdK nun gegen den Beschluss der Hauptversammlung.

Conergy - Sonnige Versprechen

Conergy: Sonnige Versprechen

Wer in Aktien der Solarbranche investiert, muss per se starke Nerven haben. Kursschwankungen von 5 bis 10 Prozent am Tag sind keine Seltenheit. Conergy  allerdings zählt selbst für hartgesottene Anleger zu jenen Investments, die man am liebsten aus dem Gedächtnis streichen möchte - fühlt man sich doch sehr an Unternehmensgeschichten des Neuen Marktes erinnert: Schneller Aufstieg, jäher Fall.

Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen: Conergy hat immerhin ein Geschäftsmodell, was man von so manch anderer Firma, die seinerzeit am Neuen Markt notiert war, nicht behaupten konnte. Und Conergy verdiente Geld - wenn auch in einer staatlich subventionierten Branche - und zahlte bereits ein Jahr nach seinem Börsengang eine Dividende. Doch das ist Schnee von gestern. Binnen weniger Wochen des Herbstes 2007 brach der Kurs von rund 70 Euro auf 15 Euro ein und kann aktuell selbst dieses Niveau nicht halten.

Wer am 8. Oktober mit der überraschenden Nachricht vom Wechsel des Finanzvorstands ausgestiegen war, hatte den richtigen "Riecher" - oder schlicht Glück. Denn rund zwei Wochen später bewahrheiteten sich die Gerüchte. Conergy kündigte nicht nur eine Gewinn-, sondern gar eine saftige Verlustwarnung an, obwohl es seine Prognosen für 2007 zuvor durch einen Sprecher noch bekräftigen ließ.

Das Management hatte plötzlich erheblichen Wertberichtigungsbedarf im Zuge von Großprojekten entdeckt. Als weitere Ursachen für das Desaster wurden Währungssicherungsgeschäfte sowie eine Abwertung von Vorräten und Forderungen genannt. Zudem sprach das Unternehmen von erheblichen Lieferverzögerungen bei Solarmodulen und den schwieriger gewordenen Rahmenbedingungen im Segment Bioenergie. Es folgten weitere Hiobsbotschaften.

Zwar trat dann Unternehmensgründer und Vorstandschef Hans-Martin Rüter zurück, und Interimschef Dieter Ammer gab ein hartes Restrukturierungsprogramm bekannt. Doch das Vertrauen der Aktionäre ist (vorerst) weg: Die Conergy-Aktie pendelt bei rund 12 Euro.

Nebenwerte - Dubioses Gebaren

Nebenwerte: Dubioses Gebaren

Das Schwarzbuch Börse ist in den vergangenen Jahren vor allem mit Berichten über Skandale im Neuen Markt bekannt geworden. Aktiengesellschaften, die aus dem Nichts entstanden, kein reales Geschäft betrieben und sich irgendwann zum Schaden der Anleger wieder auflösten - solche Geschichten sind inzwischen angesichts der Skandale bei Schwergewichten wie Siemens, Daimler oder Volkswagen in den Hintergrund gerückt.

Daraus ist jedoch nicht zu schließen, dass bei den Nebenwerten Ruhe eingekehrt wäre. Die SdK hat auch in der Schwarzbuch-Ausgabe 2007 beispielhaft einige Fälle zitiert, in denen die Aktionäre das Nachsehen hatten.

Darunter sind auch Altfälle der New Economy wie der Prozessfinanzierer Juragent , der im vergangenen Jahr in das wenig regulierte Börsensegment Entry Standard aufgenommen wurde. Hier bemängelt die SdK nicht nur das Verhalten des Vorstandschefs Mirko Heinen, der auf der Hauptversammlung "Kaugummi kauend am Pult lümmelte und auf jede Nachfrage sichtlich genervt reagierte". Dubios finden die Autoren des Schwarzbuchs, dass die Firma, die Fonds auflegt, mit denen Gerichtskosten bestritten werden, eine Million Euro Kaution hinterlegte, damit ein Aufsichtsratsmitglied aus der Haft freikam.

Vor allem aber "wackelt das gesamte Geschäftsmodell", weil zu viele Prozesse mit Juragent-Mitteln verloren gehen. Schon 2006 gab es nur dank Rückstellungen ein positives Ergebnis, "rein operativ wurde nichts verdient", bemerkt die SdK süffisant.

Im ersten Halbjahr 2007 fiel gar ein Verlust von drei Millionen Euro bei einem Umsatz von nur 1,8 Millionen Euro an. Fazit: "Ein solches Unternehmen hat am Kapitalmarkt eigentlich nichts zu suchen."

Etwas größer fällt der Schaden bei der Druckholding Arquana  aus. Die Beteiligungsgesellschaft Arques  hatte das schnell wachsende Unternehmen Ende 2005 an die Börse gebracht und sich in zwei weiteren Schritten, zuletzt Mitte Dezember 2007, von allen Anteilen getrennt - "gerade noch rechtzeitig", schreibt die SdK. Denn nacheinander meldeten sechs Tochtergesellschaften und schließlich auch die eigenkapitalschwache Holding selbst Insolvenz an.

Der Aktienkurs stürzte von 25 Euro auf wenige Cent ab. Den Schaden haben neben der britischen Firma Printec, die Arques ein 29,9-Prozent-Paket abkaufte, auch Kunden großer Fondsgesellschaften wie Cominvest, Dit oder Universal, die ebenfalls größere Anteile gekauft hatten.

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