Krankenversicherung Fatalismus und Angst

Das Vertrauen der Deutschen in das Gesundheitssystem schwindet. Die überwältigende Mehrheit rechnet mit steigenden Beiträgen, höheren Zuzahlungen und einer schlechteren Versorgung - trotz Reform. Zugleich wächst die Angst vor einer Zwei-Klassen-Medizin. Doch nur die wenigsten wollen in eine Privatkasse wechseln.

Hamburg - Lange hatten SPD und CDU über die Gesundheitsreform gestritten. Mit der ursprünglichen Idee der Bürgerversicherung auf der einen und der Kopfpauschale auf der anderen Seite lagen die Positionen ideologisch weit auseinander. Der politisch kleinste gemeinsame Nenner wurde schließlich als "großer Erfolg" verkauft, die Entscheidung über wichtige Kernelemente wie den "Gesundheitsfonds" aber auf das Wahljahr 2009 vertagt.

Gut ein halbes Jahr nach Inkrafttreten der Gesundheitsreform steht fest: Die jüngste Reform ist bei den Deutschen nicht angekommen, und sie beurteilen die künftige Entwicklung des Gesundheitswesens zusehends skeptischer.

Nach einer repräsentativen Allensbach-Umfrage wissen lediglich 5 Prozent der deutschen Bevölkerung über die Reform Bescheid, der Rest muss passen oder hat lediglich rudimentäre Kenntnisse darüber. Von dem Gesundheitsfonds, der wochenlang öffentlich diskutiert wurde und der ab dem Jahr 2009 die Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen komplett neu gestalten soll, haben gerade einmal 51 Prozent der Bevölkerung überhaupt gehört - obwohl sie konkret davon betroffen sein werden. Darüber hinaus sind die Vorstellungen über diesen Fonds in der Bevölkerung in hohem Maße diffus.

Die Studie selbst bleibt eine stichhaltige Erklärung für dieses Phänomen schuldig. Einen Interpretationsversuch liefert Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach selbst. Als "gute Gründe" für den geringen Informationsgrad führt die Wissenschaftlerin die mangelnde Transparenz des Gesundheitswesens und die Komplexität der Materie an.

Die Gesundheitsreform droht offenbar das Schicksal aller Reformen, die tiefgreifende Veränderungen für die Menschen nach sich ziehen. Bis sich die Bürger aktiv und ernsthaft damit auseinandersetzen, vergehen Jahre. Aber auch dann treten bei einem Großteil der Bevölkerung noch große Wissenslücken zu Tage, ist die Bereitschaft, tatsächlich mehr und ausreichend Eigenverantwortung über ein kapitalgedecktes System zu übernehmen, bei vielen schwach ausgeprägt, wie Untersuchungen zur privaten Altersvorsorge in Deutschland zeigen.

Doch nichts Anderes dürfte langfristig auf den gesetzlich Krankenversicherten zukommen, wenn er auf gewohnte Leistungen nicht verzichten will, sagen Experten voraus.

84 Prozent rechnen mit steigenden Beiträgen

Zugleich aber, so ein Ergebnis der Umfrage, scheinen die Bürger in einem hohen Maße von der "fatalistischen Überzeugung" geprägt zu sein, dass ihre Bedürfnisse bei einer weiteren Umgestaltung des Gesundheitswesens nur eine untergeordnete Rolle spielen werden. Dem Gesundheitssystem der Zukunft sehen sie mit größter Skepsis entgegen.

Das tiefe Misstrauen in Zahlen: 84 Prozent der Bürger rechnen mit weiter steigenden Beiträgen in der gesetzlichen Krankenversicherung und 81 Prozent mit erhöhten Zuzahlungen für Medikamente. Dass gerade im Reformjahr 2007 die Kassenbeiträge flächendeckend gestiegen sind und vermutlich weiter steigen werden, dürfte die Skepsis der Versicherten nur verstärkt haben.

78 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass es immer stärker zu einer Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland kommen wird, womit sie eine gute Versorgung wohlhabender Bürger und eine schlechtere für alle anderen verbinden. Knapp drei Viertel der Deutschen erwarten, dass die gesetzlichen Kassen künftig nur noch die Kosten für eine medizinische Grundversorgung übernehmen werden. 68 Prozent gehen davon aus, dass die Ärzte immer weniger Zeit für ihre Patienten haben werden und nahezu genauso viele Menschen befürchten, dass eine Gesundheitsversorgung auf dem heutigen Niveau künftig nicht mehr für alle Menschen gewährleistet ist.

Das Vertrauen in die Gesundheitspolitik schwindet

Zwar zählt eine überwältigende Mehrheit der Deutschen eine gesicherte, gute Gesundheitsversorgung zu den vorrangigen politischen Aufgaben. Zunehmend mehr Menschen (76 Prozent) zweifeln aber, dass es der Politik gelingen wird, langfristig eine gute Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen - vor der Reform waren es "nur" 65 Prozent.

Die dunklen Zukunftserwartungen und das abnehmende Vertrauen in die Politik könnten damit zusammenhängen, dass man zunächst große Hoffnungen mit der Gesundheitsreform verbunden hatte, sich das Ergebnis in den Augen vieler Beobachter dann aber als äußerst dürftig erwies.

Denkbar ist auch, dass die Deutschen die Zukunft des Gesundheitssystems deshalb pessimistischer beurteilen, weil sie mehrheitlich (56 Prozent) überzeugt sind, die Qualität der Gesundheitsversorgung in den vergangenen zwei, drei Jahren habe sich verschlechtert. 35 Prozent sind der Auffassung, die Qualität sei in etwa gleich geblieben, lediglich 5 Prozent sehen Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung in diesem Zeitraum.

Zweifel über ausreichende Absicherung wachsen

Zweifel über ausreichende Absicherung wachsen

Zugleich sind die Zweifel über eine ausreichende Absicherung im Krankheitsfall gewachsen. Fühlten sich im Jahr 2005 noch 64 Prozent der Bevölkerung gut abgesichert, sind es aktuell 57 Prozent. Den Rückgang führen die Statistiker vor allem auf die Einschätzung der gesetzlich Versicherten zurück: Hier glaubt mittlerweile jeder Dritte (36 Prozent) nicht ausreichend versichert zu sein, während unter privat Versicherten nur etwa jeder Zehnte (12 Prozent) dieser Auffassung ist. Die größten Defizite sehen die Bürger bei Zahnbehandlungen (29 Prozent) sowie bei Brillen und Sehhilfen (25 Prozent).

64 Prozent der Deutschen glauben, dass sie bei einer privaten Krankenkasse besser abgesichert sind als bei einer gesetzlichen. Unter den ausschließlich gesetzlich Versicherten vertreten immerhin 61 Prozent diese Auffassung. Gleichwohl aber - und das ist bemerkenswert - würden nur 22 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten gerne in die private Krankenversicherung wechseln. Ihr herausragendes Motiv: Als Privatpatient sei man in vielen Dingen schlicht bessergestellt.

Nur eine Minderheit will in eine Privatkasse wechseln

Fakt ist gleichwohl, die meisten gesetzlich Versicherten (59 Prozent) in Deutschland wollen nicht zu einer Privatkasse wechseln. Sie schreckt vor allem die Höhe der Beiträge, die sie für sich als zu hoch erachten. Die nahezu gleiche Anzahl (58 Prozent) würde allerdings auch nicht zu einer anderen gesetzlichen Krankenkasse wechseln, während sich das 29 Prozent durchaus vorstellen können.

Obwohl die Deutschen also mehrheitlich glauben, als privat Versicherter seien sie im Krankheitsfall besser abgesichert, würden umfangreicher versorgt und in Arztpraxen bevorzugt behandelt, lässt sich mitnichten eine klare Präferenz zur privaten Krankenvollversicherung feststellen.

Interesse an privaten Zusatzversicherungen steigt

Gleichwohl aber steigt das Interesse an privaten Zusatzversicherungen in der Bevölkerung: So denken 40 Prozent der Deutschen über den Abschluss einer beziehungsweise einer weiteren Zusatzversicherung nach.

Darin könnte die Chance der privaten Krankenversicherer liegen, sagen Experten. Denn für die Branche wird es laut Map-Report immer schwieriger, die natürlichen Abgänge in der Krankenvollversicherung durch Neugeschäft zu kompensieren. Nicht zuletzt infolge der in der Vergangenheit ständig angehobenen Versicherungspflichtgrenze, die wechselwilligen Kunden den Zugang zu Privatkassen erschwert, hat sich der Nettoneuzugang in der Vollversicherung im vergangenen Jahr zum vierten Mal in Folge deutlich reduziert, schreibt der Branchendienst.

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