Börse Italien Die Trauer der Tifosi

Keine andere Börse in Europa muss derzeit so schwere Kursverluste hinnehmen, wie der Aktienmarkt Italiens. Wertpapierexperten unken: Die Wirtschaftsstruktur des Landes ermögliche derzeit nichts anderes - und wundern sich deshalb, warum Italiens Anleger so ruhig bleiben.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Italiens Börse hat den Anschluss verloren. Nirgendwo sonst an den etablierten Aktienmärkten Europas leuchten die roten Minuszeichen auf den Kursanzeigetafeln im Moment so grell auf, wie in Mailands Börsensaal. Italiens führendes Kursbarometer, der MIB 30, hat in den vergangenen zwölf Monaten nahezu 8 Prozent an Wert verloren. Speziell seit Mitte Juli kommt die Börse nicht mehr so recht auf die Beine.

Wirtschaftsexperten überrascht das nicht. Der Konjunkturaufschwung weltweit kam zuletzt vor allem der Industrie zugute, hat beispielsweise das amerikanische Analysehaus Factset ermittelt. Denn viele Schwellenländer ordern weiterhin kräftig Maschinen und Anlagen. "In Deutschland ist die Geschäftslage der Industriebetriebe nach unserem jüngsten Herbst-Konjunkturtest deshalb weiterhin auf sehr hohem Niveau, im Maschinenbau hat sich die Stimmung sogar noch einmal verbessert", sagt Axel Nitschke, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Italien aber profitiert von der guten Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes kaum.

In dem südeuropäischen Land nimmt die Industrie insgesamt eine weit geringere Bedeutung für das Wirtschaftsleben ein als in Deutschland. Entsprechend weniger stark schlägt sich die weiterhin gute Konjunktur der kräftig ordernden Schwellenländer in Italiens Wirtschaft nieder. Zusätzlich schlecht für die Börse des Landes: Italiens Industrie ist vor allem von mittelgroßen und kleinen Unternehmen geprägt, die entweder gar nicht an der Börse notiert oder nicht groß genug für den Leitindex sind.

So hat es bis heute einzig der Auto- und Industriekonzern Fiat  in den Mailänder Vorzeigeindex MIB 30 geschafft. Dafür stammen gleich elf der 30 MIB-Titel von Geldhäusern, zwei weitere von Versicherungen. Somit aber haben ausgerechnet jene Unternehmen ein starkes Gewicht in Italiens Paradeindex, die derzeit durch die Hypothekenkrise besonders unter Druck geraten sind. "Mehr noch, sie werden auch noch einige Quartale mit unsicheren Ertragsaussichten zu kämpfen haben, was eine rasche Kurserholung verhindern wird", sagt Eric Tazé-Bernard, Chefanleger der Fondsgesellschaft Invesco.

Übernahmewelle rollt

Übernahmewelle rollt

Italien hat darüber hinaus ein Sonderproblem. Der Bankensektor des Landes befindet sich schon seit geraumer Zeit in kräftigen Verwerfungen. Eine ungebremste Übernahmewelle schwappt über das Land, zuletzt kaufte Monte dei Paschi di Siena, das älteste Geldhaus der Welt, seinen Konkurrenten Banca Antonveneta  für neun Milliarden Euro.

"Neben der Abhängigkeit von den Finanzwerten kommt jetzt auch noch hinzu, dass die Kurse italienischer Bankenaktien wegen der vielen Fusionen und Übernahmen bereits vor der Hypothekenkrise extrem zugelegt hatten", sagt Marktexperte Marco Opipari der Rasbank. Entsprechend hoch ist jetzt die Fallhöhe in der Krise - obwohl Italiens Banken offenbar gar nicht so viele kippelnde Hypotheken in ihren Büchern haben, wie andere große Geldhäuser Europas.

Kein Wunder dann auch, dass der MIB 30 derzeit besonders schlecht dasteht - nicht nur gegenüber dem deutschen Leitindex Dax, der auf Sicht der vergangenen zwölf Monate mit beinahe 18 Prozent im Plus steht. Auch Spaniens Ibex rangiert mit plus 8 Prozent auf Jahressicht weit besser als der Minus-Index aus Italien, ebenso Amerikas Dow Jones Industrial . Selbst der Leitindex des Mutterlandes der Hypothekenkrise weist derzeit noch ein Plus von 5 Prozent verglichen mit seinem Stand vor einem Jahr auf.

Trotz der Kursverluste reagieren Italiens Anleger bisher scheinbar überlegt. Panikartige Verkaufswellen von Kleinaktionären bleiben aus. Die Anleger verhalten sich nach Expertenmeinung sogar so ungewöhnlich ruhig, dass sie Italiens Börse damit eine weitere Ausnahmestellung beschert hätten: "Fallende Märkte sind normalerweise nervöser, die Volatilität der Renditen ist höher als in Märkten, an denen die Aktienkurse im Schnitt steigen. Für den italienischen Aktienmarkt aber verhält es sich gerade umgekehrt", hat Paola Toschi vom Aktienteam der Banca Intesa Sanpaolo  ermittelt.

Mal sehen, ob die Geduld der Anleger doch noch reißt, sollte Italiens Börse den Anschluss an die anderen europäischen Aktienmärkte in den kommenden Wochen noch stärker als derzeit verlieren.

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