Anlage Die Todesquallen von Irland

Geldanlage in Rohstoffe ist modern - nur der Kauf von sogenannten Soft Commodities gilt noch immer als lukrativer Geheimtipp. Doch nicht nur Quallen und Zyklone können den Renditeträumen von Zucker und Orangen einen Strich durch die Rechnung machen.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Wo die blauen Wasser des Atlantiks auf die grünen Hügel der nordirischen Grafschaft Antrim treffen, schwamm das rote Gold. Es schwamm - doch es schwimmt nicht mehr. Die Rede ist von der einzigen Lachsfarm des Landes. Deren Fischbestände wurden von Quallen vernichtet, berichtete jüngst der "Guardian Unlimited". Kopfschütteln bei John Russell, dem Chef der Firma: "In 30 Jahren habe ich so etwas nicht gesehen." Er schaut daher mit Skepsis auf die Zukunft seines Unternehmens.

Was die Quallen für den Zuchtlachs, sind Versalzungen und Dürreperioden für Reis und Mais. Eigentlich nur ein Problem für Feinschmecker, könnte man meinen. Doch damit läge man falsch.

Denn Weizen, Zucker oder Orangen - wenn auch nicht Fisch - sind längst nicht mehr nur ein schlichtes Handelsgut des Agrarbetriebs. Heute sind sie auch Gegenstand von Finanzgeschäften. Vor allem die Zertifikateindustrie wird nicht müde, immer neue Produkte auf den Markt zu bringen. Der Branchenverband, das Deutsche Derivate Forum, beobachtet zunehmendes Interesse an Rohstoffzertifikaten. Investmentfonds bleiben in der Regel außen vor. Schon weil die meisten Geschäfte über Futures gemacht werden, doch die wenigsten Fondsmanager damit handeln. Ein Freifahrtschein für die Emissionshäuser der Zertifikate.

Kein Wunder, denn die Geschichte der Soft Commodities liest sich so schön, dass sie den Marketingstrategen gerade recht kommen dürfte. Eines der tragenden Kapitel dieser Geschichte beschreibt die Ernährungsgewohnheiten der Menschen. Denn die ändern sich. Entwickelt sich zum Beispiel eine Mittelschicht in China mit bescheidenem Wohlstand, ändern sich auch die Ernährungsgewohnheiten der Chinesen. Statt Reis soll es nun Fleisch sein. Das treibt den weltweiten Fleischkonsum in die Höhe und damit auch die Fleischpreise.

Ein anderes Kapitel ließe sich mit dem Interesse an nachwachsenden Rohstoffen überschreiben. Denn Zuckerrüben in Europa oder Zuckerrohr in Lateinamerika sollen nicht mehr verzehrt, sondern verfahren werden. Sie werden zusehends zu Bioethanol verarbeitet, der die Nutzung der fossilen Brennstoffe bremsen soll.

Tortillas und Teuerung

Tortillas und Teuerung

Daher sei es nur logisch, dass die Preise für Agrarrohstoffe langfristig steigen, so die Argumentation der Branche. Das scheinen auch jüngere Beispiele zu zeigen. In Mexiko gab es schon Aufstände. Was so verniedlichend Tortilla-Aufstand heißt, brachte Anfang des Jahres immerhin mehrere Zehntausend Menschen auf die Straße. Weil die Preise für die Teigfladen binnen kurzer Zeit um 60 Prozent gestiegen sind, und die Menschen um ihre Ernährungsgrundlage fürchteten. In Indien hatte sich der Preis für Zwiebeln verdoppelt. Zucker kostete vor einem halben Jahr noch 0,085 Dollar pro Kilo, heute sind es fast 0,1 Dollar. Der Preisanstieg scheint überall zu sein. Sind entsprechende Investments also Selbstgänger?

Rohstoffanlage-Legende Jim Rogers zumindest scheint davon auszugehen und wird immer wieder zitiert, dass sich mit dieser Spielart der Rohstoffe die nächsten Jahre trefflich Geld verdienen ließe. Doch ganz so einfach ist es nicht.

"Im Bereich Soft Commodities sollte dem Anleger bewusst sein, dass er in einen zurzeit überdurchschnittlich volatilen Markt investiert", sagt Petra Becher, Zertifikateexpertin bei der UBS. Entsprechend sind die Preisanstiege eher schnelle Ausreißer - genau wie ein Preisverfall in diesem Markt eher zügig vonstatten geht. Stürme oder Dürren verknappen die Ernten, und die Märkte reagieren entsprechend schnell mit steigenden Preisen darauf. Die Farmer ihrerseits reagieren mit der gleichen Geschwindigkeit.

Steigen die Preise zum Beispiel für Schweinefleisch, wird mehr für die Zucht getan. Die Schweinebarone haben mit diesem Kalkül übrigens sogar den Immobilienmarkt beeinflusst. Denn die Zeit von der Zeugung eines Ferkels bis hin zum Verkauf der Sau nennt sich Schweinezyklus - den gleichen Begriff nutzen Immobilienexperten, um die Zeitspanne zwischen der großen Nachfrage nach zum Beispiel Wohnungen im Kölner Westen, der Grundsteinlegung und dem Verkauf der Immobilien zu beschreiben.

Schaut man genauer hin, zeigt sich, dass die Preise auf lange Sicht nicht automatisch steigen. Soja zum Beispiel. Zwischen 1974 und 2004 pendelte der Preis zwischen vier und 13 Dollar pro Scheffel. Rechnet man wie thechartstore.com die Inflation noch heraus, ist Soja sogar billiger geworden. Der kurzfristige Preisanstieg der Soft Commodities ist also eher vorsichtig zu bewerten.

Stürmische Zeiten

Stürmische Zeiten

Abgesehen davon zeigen eben jene Stürme oder Missernten, die die Preise treiben, wie schwierig es ist, bei diesen Gütern Vorhersagen zu treffen. Denn wer kann schon meteorologisch präzise Aussagen über zum Beispiel die Überschwemmung eines an der Küste gelegenen Ackerlandes treffen?

"Unangenehm für den Investor ist es auch, wenn die Nachfrage plötzlich absinkt – zum Beispiel beim Geflügel, als die Vogelgrippe in Asien grassierte", warnt auch Becher. "Mittel- bis langfristig haben solche einmaligen Ereignisse allerdings kaum Auswirkungen auf die Kurse." Privatanleger werden damit dennoch ihre liebe Not haben. Zumal in diese schwierige Kalkulation auch die ganz großen Themen einfließen.

Zum Beispiel die Klimakrise oder genauer die globale Erwärmung. Sie soll dazu führen, dass Permafrostböden auftauen und der Landwirtschaft damit größere Nutzflächen zur Verfügung stehen. Regenwald wird bereits jetzt gerodet, um Anbauflächen zur Produktion von Ethanol zu schaffen. Das Angebot würde also steigen - und der Preis sinken?

Es bleibt noch ein finanzmathematisches Problem. Denn die Zertifikate bilden Rohstoff-Futures ab. Das sind Termingeschäfte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt fällig werden. Wer darüber hinaus plant, muss daher ein neues Termingeschäft abschließen, aus dem alten in den neuen Vertrag "rollen", wie die Profis sagen. Doch das klappt nicht immer gut. "Wegen fester Rolltermine laufen sie Gefahr, die Preise zu treiben, wenn zu große Summen auf einmal umgeschichtet werden", sagt auch Becher. Neue Produkte sollen helfen.

Zumindest der nordirischen Lachsfarm helfen diese Fragen nicht weiter. Es sei denn, die Preise für Quallen ziehen an.

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